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freizeit Leben, Liebe & Sex
03/13/2020

Wie verabschiede ich mich von einem Kollegen, den ich nie mochte?

Heikle berufliche Situation: So kann man sich am Ende mit Würde aus der Affäre ziehen.

von Uwe Mauch

Und dann steht er plötzlich da, der blasse Kollege, dem man – Hand aufs Herz – nicht nur einmal in den vergangenen Jahren einen veritablen Sonnenbrand gewünscht hat. Natürlich nur insgeheim.

Es wäre Zeit, um Abschied zu nehmen. Eröffnet er. Was soll man sagen? Man könnte jetzt viel sagen. Auch der Sonnenbrand wäre eine Option. Aber keine optimale.

„Wenn es gelingt, sich von jemandem, der einem nicht geschmeckt hat, respektvoll zu verabschieden, dann ist das menschliche Größe“, erklärt dazu einer, der es wissen muss. Harald Schmid ist ein erfahrener Konflikt- und Trennungsmanager. Er berät seit Jahren namhafte Unternehmen in groben Stresssituationen.

Doch was ist respektvoll?

Schmid möchte keine allgemeingültigen Vorschriften machen, weil nicht alle Menschen wie er gestrickt sind. Aber ein Satz für den scheidenden Kollegen gefällt ihm schon gut: „Wir beide haben es nicht leicht miteinander gehabt. Ich wünsche Ihnen dessen ungeachtet alles Gute für Ihr weiteres Leben.“

Darf man den ersten Teil des Satzes tatsächlich sagen? Man darf, erklärt der Experte für berufliche Trennungen und Inhaber der Beratungsfirma klaglos.at. Aus purem Selbstschutz. Denn: „Alles, was ich gerne aussprechen möchte, aber nicht ausspreche, trage ich weiter in mir.“ Wichtig sei bei einem derart heiklen Abschied, dass man mit sich selbst im Reinen ist und dass man am Ende auch loslassen kann. Hilfreich ist dabei ein einfacher Gedanke: „Eine Trennung ist manchmal auch die Lösung eines Problems.“

Wer ein Lächeln schafft

Ganz ähnlich sieht das Carine Anderle. „Wer ein Lächeln schafft, hat schon gewonnen“, erklärt die Grazer Arbeitspsychologin und Verhaltenstherapeutin. Wichtig sei dabei, dass man bei sich bleibt und eine durchaus selbstbewusste Körperhaltung einnimmt.

Carine Anderle hält auch den Satz „Eigentlich bin ich ein freundlicher Mensch, aber bei Dir habe ich mir ehrlich gesagt immer etwas schwer getan“ für gerechtfertigt. Solch offene Bekenntnisse sind immer noch besser als plumpe, leicht durchschaubare Heuchelei.

Es ist aus Sicht der Arbeitspsychologin auch in Ordnung, wenn man sich „in aller Sachlichkeit“ kurz, aber freundlich verabschiedet: „Die Frage ist ja immer, wie ich selbst in einem Unternehmen wahrgenommen werden möchte, und wie sehr das Verhalten anderer mein eigenes Verhalten beeinflusst.“

Notwendig sei – so oder so – „eine Minimalfreundlichkeit“ (was für eine Wortkreation!). Am Ende eine Grundsatzdiskussion zu beginnen, macht wenig Sinn. Dem anderen Böses zu wünschen, ist auch nicht schlau, so Anderle, die in Graz ein Institut für Psychosomatik und Verhaltenstherapie führt. „Bedenken Sie immer, dass dieses Land nicht gerade groß ist und man sich in anderer Funktion wieder begegnen kann.“

Ein persönliches Abschiedsgeschenk ist laut Schmid und Anderle nicht notwendig. Sammelt man in der Firma für den scheidenden Kollegen, könnte man sich mit einem geringen Betrag beteiligen. Selbst der ist kein absolutes Muss.

Einen Gedanken will uns Harald Schmid, der vor allem Führungskräfte berät, noch mit auf den Weg geben: „Aus vielen Gesprächen weiß ich, dass Konflikte lange nicht angesprochen werden und somit unter der Oberfläche köcheln, bis sie eines Tages zum Schaden aller explodieren.“ Das wäre gar nicht notwendig: „Durchs Reden lässt sich vieles lösen.“