© Ryan Brown

freizeit Leben, Liebe & Sex
07/03/2020

Tür an Tür mit Lady Di: Interview mit Royalexpertin Victoria Arbiter

Die Journalistin Victoria Arbiter über ihre Zeit im Kensington Palast, Gokart-Rennen mit Diana, ihrem Problem mit dem „Megxit“ und der Charakterschwäche, die alle Windsor-Männer eint.

von Julia Pfligl

Ihre Wahlheimat New York befindet sich immer noch im Lockdown, also sitzt Victoria Arbiter zu Hause in ihrem hellen Schlafzimmer und lächelt in die Laptop-Kamera. Der Begriff „Royalexperte“ wird dieser Tage inflationär gebraucht, sie trägt den Titel zurecht: Ihr Vater, Dickie Arbiter, war in den Neunzigerjahren Pressesprecher von Queen Elizabeth II, Victoria verbrachte ihre Teenager-Jahre mit ihm im Kensington Palast. Heute berichtet die 46-Jährige für CNN von königlichen Großevents. Beim Zoom-Date mit der freizeit plauderte die zierliche Blondine im geschliffenen britischen Akzent aus dem royalen Nähkästchen.

freizeit: Victoria, während wir sprechen, hätte vor dem Buckingham Palast die Geburtstagsparade der Queen, Trooping the Colour, stattfinden sollen. Stattdessen gibt es heuer nur eine kleine Zeremonie in Windsor ohne Zaungäste. Kommt das der Königin gelegen, nach dieser turbulenten ersten Jahreshälfte?

 

Victoria Arbiter: Gerade in Krisenzeiten finden die Menschen Trost und Zuversicht in der Tradition, daher finde ich es wichtig, dass die Parade nicht ganz abgesagt wurde. Ich denke, es wäre ein Moment der Einheit gewesen, nachdem zuletzt so viel über Konflikte innerhalb der Familie spekuliert worden war. Sicher, Harry und Meghan haben die „Firma“ (die Royal Family, Anm.) verlassen, aber ich denke, aus Respekt vor der Queen wären sie ganz bestimmt auf dem Balkon erschienen.

Aktuell heißt das Sorgenkind eher Prinz Andrew, eine Schlüsselfigur im Missbrauchsskandal um Jeffrey Epstein ...

Man muss betonen, dass er bis jetzt weder angezeigt noch verurteilt wurde, die US-Behörden wollen ihn als Zeugen verhören. Aber: Es steht außer Diskussion, dass er endlich sagen muss, was er weiß, und es ist skandalös, dass er das bis jetzt noch nicht getan hat. In einem Fernsehinterview, das er vor Kurzem gegeben hat, zeigte er keine Reue, kein Mitgefühl mit den Frauen, wirkte arrogant. Die Leute haben sich von ihm abgewandt. Er tut sich keinen Gefallen damit, zu schweigen.

Dennoch: Kein Skandal dieser Welt scheint das britische Königshaus ins Wanken zu bringen.

Die Windsors haben Krieg, Abdankung und Scheidungen überlebt, und sie werden auch weiterhin überleben – aber nur, wenn sie relevant bleiben. Es ist ihre Aufgabe, die Gesellschaft zu reflektieren. Prinz Andrew wird nicht der Grund sein, warum das Königshaus untergeht, aber er muss jetzt das Richtige tun – nicht nur für die mutigen Frauen, die ihre Geschichte erzählt haben, sondern für das Vereinigte Königreich und die Monarchie.

Kommen wir zu Ihnen: Ihr Vater war Pressesprecher der Queen, Sie lebten zuerst in Windsor und dann im Kensington Palast. Wie kann man sich das Leben dort vorstellen?

Es ist lustig – wenn man sagt, man wohnt in Kensington, stellen sich die Leute immer Tapeten an den Wänden und überall Gold vor. In Wahrheit lebten wir im alten Pferdestall, der zu Apartments umfunktioniert worden war. Auch Paul Burrell wohnte dort, Dianas berüchtigter Butler. Es war reizend, aber so richtig weiß ich es erst jetzt zu schätzen. Diana, die immer winkte, wenn sie durch die Einfahrt fuhr. William und Harry, wenn sie von der Schule kamen. Auch Prinzessin Margaret lebte im Kensington Palast. Rückblickend war es wirklich ein Privileg, dort wohnen zu dürfen.

Durften die Angestellten am Palastleben teilnehmen?

Wenn man für die Royal Family arbeitet, ist man nicht mit ihnen befreundet, aber es gibt einen großen gegenseitigen Respekt. Vor allem Diana war phänomenal zu ihren Angestellten – zum 50. Geburtstag meines Vaters schmiss sie ihm sogar eine Party. Einmal durfte ich mit ihr Gokart fahren, sie hatte eine Bahn für das Büro gemietet. Die Buben sah ich nicht oft, da sie im Internat waren, aber wenn sie von der Schule kamen, grüßten sie immer sehr freundlich. Einmal war ich zu einer Christmas Party im Palast eingeladen, auf der William seine erste Rede hielt. Ich stand neben Diana und konnte sehen, wie stolz sie war. Also ja – es gab Interaktionen mit der Königsfamilie, aber wir tranken jetzt nicht jeden Tag Tee zusammen. (lacht)

Hatten Sie eine Lieblingsperson im Palast?

Tatsächlich war das Diana. Abgesehen davon, dass sie außergewöhnlich warmherzig und freundlich war, hatte sie einen großartigen Sinn für Humor. Da war immer so ein schelmisches Blitzen in ihren Augen und wenn sie erst einmal zu lachen begann, hörte sie gar nicht mehr damit auf. Bei ihren offiziellen Besuchen war sie immer ein wenig frech, aber nie auf Kosten anderer Menschen. Auf diese Art schaffte sie es, dass sich die Leute in ihrer Umgebung entspannten und wohlfühlten. Ich erinnere mich an den Tag ihrer Beerdigung: Wir mussten zu Fuß hingehen, da ganz London für den Verkehr gesperrt war. Die Straßen waren voller Menschen, doch es war still. Nur ab und zu hörte man jemanden leise weinen. Ihr Tod machte alle betroffen, ungeachtet der Hautfarbe, Nationalität oder des sozioökonomischen Hintergrunds.

Viele fragen sich, wie ihr Leben heute, als vierfache Oma, aussehen würde ...

Ohne Zweifel wäre sie eine unfassbar liebende Großmutter. Sie umarmte ihre Kinder ständig, war sehr körperlich. Obwohl sie beruflich viel unterwegs war, war sie für ihre Söhne immer präsent und redete mit ihnen über alles. Ganz bestimmt wäre sie heute in jeden Aspekt des Lebens ihrer Enkelkinder involviert. Und sie würde sich karitativ engagieren, wie sie es bis zu ihrem Tod tat – im Kampf gegen Landminen, HIV oder Obdachlosigkeit. Diana wollte einen Unterschied in der Welt machen.

Ihre Schwiegertochter Meghan wird von vielen Briten für den Rückzug Harrys aus der Monarchie verantwortlich gemacht. Warum gilt sie als Universalschuldige?

Das ist ein fürchterliches Spiegelbild unserer Gesellschaft. Verzeihen Sie mir die Pauschalisierung, aber immer, wenn eine Frau smart, erfolgreich und unabhängig ist, wird ihr für alles die Schuld gegeben. Im Übrigen ist es beleidigend für Prinz Harry, als wäre er zu schwach, seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Man darf nicht vergessen, dass er schon lange vor Meghan seinen Unmut über die Institution geäußert hat. Er liebt seine Familie sehr, aber er war unglücklich über die Zwänge der Monarchie und das Eingreifen der Presse in sein Privatleben. Meghan gab ihm den nötigen Mut und das Selbstbewusstsein, etwas zu ändern. Wir sollten anerkennen, dass sie diese Entscheidung gemeinsam getroffen haben.

Hat es Sie überrascht, dass die beiden ausgerechnet ins Paparazzi-Paradies Los Angeles gezogen sind?

Eigentlich nicht, da es ja Meghans Heimat ist. Leider sind Harry und Meghan aber ein lukratives Ziel für die Paparazzi und sie haben bereits jetzt Dinge erlebt, die mit dem Schutz in England nicht möglich gewesen wären: Es flogen Drohnen über ihr privates Grundstück und wenn sie das Haus verlassen, kommen die Fotografen sehr nahe. Harry hasst Paparazzi aus nahe liegenden Gründen. Wir werden sehen, was passiert, wenn der Lockdown in L.A. vorbei ist.

Sie kennen Prinz Harry persönlich. Können Sie beschreiben, wie er als Mensch ist?

Harry ist unglaublich warmherzig und lustig, er ist seiner Mutter sehr ähnlich. Er sorgt sich um alles um jeden, um Tiere, Menschen, das Klima. Seine Leidenschaft ist es, die Welt besser zu machen. Wie Diana schafft er es, dass sich in seiner Gegenwart jeder wohlfühlt, Staatschefs genauso wie ein krankes Kind oder jemand, der im Krieg sein Bein verloren hat. Aber natürlich hat auch er seine Schwachstellen: Wie alle Windsor-Männer ist er ziemlich stur, das liegt eindeutig in der Familie. (lacht)

Victoria Arbiter 
wurde 1974 in Simbabwe geboren, wo ihr Vater arbeitete. Sechs Wochen nach ihrer Geburt übersiedelte die Familie nach Windsor, später nach Kensington. Ihre Eltern trennten sich früh, Arbiter teilte ihre Zeit zwischen London und ihrer Mutter in Simbabwe. Nachdem sie ihre Ballettkarriere verletzungsbedingt 
aufgeben musste, zog sie spontan nach New York, um Schauspiel zu studieren. Dort lernte sie ihren späteren Mann, den Schauspieler Ryan Brown, kennen, mit dem sie einen Sohn hat.

Während des Lockdowns zeigten sich Camilla und Charles, aber auch William und Catherine überraschend privat. Hat Corona dem Image der Royals gutgetan?

Ich bin überzeugt, die Cambridges haben die Zeit mit ihren Kindern auf ihrem Landsitz in Norfolk sehr genossen. Es war lustig, wie sie über die Herausforderungen beim Homeschooling gesprochen haben, in dieser Hinsicht hatten sie offenbar die gleichen Schwierigkeiten wie alle anderen Familien. Ich fand es spannend, sie auf einer tieferen, persönlicheren Ebene kennenlernen zu können: Normalerweise bekommt man bei den royalen Terminen ja nicht mit, was sie mit den Leuten plaudern. Aber wenn die Plattform dafür Zoom ist, hört man plötzlich auch die privaten Konversationen, die lustigen Momente, die Interaktionen. Es hat sie sicher nahbarer gemacht.

Wie Harry und Meghan haben auch Sie London für die USA verlassen. Vermissen Sie Ihre Heimat manchmal?

Ich vermisse London sehr, es wird immer meine Heimat bleiben, die Mehrheit meiner Freunde und Familie ist dort. Ich liebe alles an England, aber ich liebe Amerika auch. Der Grund, warum ich so lange geblieben bin, sind mein Mann und mein Sohn. Hier gibt es diesen Optimismus, den ich über die Jahre zu schätzen gelernt habe. Zuletzt wurde er überlagert von Intoleranz, Vorurteilen, Angst. Ich bin aber zuversichtlich, dass der Optimismus zurückkehren wird.

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