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freizeit Leben, Liebe & Sex
06/03/2021

Wie eine Theologin Frauen und Sex in der Bibel sieht

Die Grazer Theologin beschreibt was die Heilige Schrift über Sex, Liebe, Erotik, Homosexualität, Frauenhasser und Ehefrust verrät.

von Uwe Mauch

All die Frauenmorde, all die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche: Irmtraud Fischer, Theologin am Institut für Alttestamentliche Bibelwissenschaft an der Uni Graz, betont, dass die Misere auch „Folge der Tabuisierung von Sexualität“ in der Kirche ist.

KURIER: Frau Fischer, ist denn die Bibel frauenfeindlich?

Irmtraud Fischer: So pauschal lässt sich das nicht sagen. Faktum ist: Die Dominanz der Männer wird oft mit Hinweisen auf die Heilige Schrift, insbesondere auf das Alte Testament, gerechtfertigt. Ebenso ist das mit der verweigerten Gleichstellung von Homosexuellen oder restriktiven Moralvorstellungen. Der biblische Befund ist viel diverser.

Zum Beispiel?

Zum einen finden sich im Alten Testament Frauen in Führungspositionen aller Ämter – mit Ausnahme des schlachtopfernden Priestertums. Frauen sind Prophetinnen, Richterinnen, versehen kultische Dienste am Eingang zum Offenbarungszelt, dem Dienstort der Priester. Zum anderen findet sich das Verbot, sich zu einem Mann zu legen, wie man sich zu einer Frau legt, ausschließlich in einer einzigen späten Rechtssammlung, die vor allem die Kultfähigkeit betrifft.

Ehefrust in der Bibel: Wo lesen Sie den heraus?

Das Alte Testament erzählt uns sehr realistische Geschichten. Da erfahren wir auch von Sticheleien unter Ehepaaren: Wenn die Königstochter Michal ihrem Mann David vorhält, er habe sich vor aller Welt entblößt, antwortet er ihr bitterbös, dass das den Sklavinnen sicher gefallen habe. Am Ende wird gesagt, dass Michal zeitlebens kinderlos blieb. Das heißt also, dass David nicht mehr mit ihr geschlafen hat.

Sie haben auch Belege im Sprichwörterbuch gefunden.

Ja, da gibt es bittere Sprüche im biblischen Buch der Sprichwörter wie etwa: „Besser in der Ecke der Dachschräge wohnen als mit einer nörgelnden Frau im gemeinsamen Haus!“ (Spr 21,9). Sprüche über faule oder aggressive Männer könnten in diesem Zusammenhang sehr wohl von frustrierten Ehefrauen stammen.

Und wo ist die Bibel erotisch?

Das Alte Testament hat ein ganzes Buch voller Erotik und voll sexuellem Begehren: Das Hohelied der Liebe. In unglaublich schöner Bildersprache beschreiben die Liebenden ihre Körper, deren Ausstrahlung und Lust. Aber auch viele Erzählungen sowie die Ratschläge der Eltern an ihren jungen Sohn (wie etwa Spr 5,15–20) wissen viel Positives von erotischer Anziehung und sexuellem Genuss zu berichten.

Was sagt uns „Männlich und weiblich schuf er sie“ (Gen 1,27)?

Ich interpretiere diesen Satz nicht als gottgewollte Erschaffung von zwei Geschlechtern und der Heterosexualität. Er nimmt mehr die polare Struktur des Schöpfungstextes ernst: Wenn Gott das Meer und das Trockene entstehen lässt, ist der Strand mitgemeint, obwohl nur die Gegensätze genannt werden. Das gilt auch für die Menschenschöpfung: Alle Facetten sexueller Gestalt und Orientierung sind in der polaren Aussage enthalten.

Ist dies auch bei den Würdenträgern angekommen?

Wie die kirchliche Hierarchie darauf reagiert, weiß ich nicht. Vermutlich wird das – wie so viele Forschungen in den Bibelwissenschaften – ignoriert. Bedauerlicherweise meinen konservative Kreise, sie müssten die Bibel heute vor einer Aktualisierung in westlichen Demokratien schützen. Dass sie damit zu Totengräbern der Tradition werden, bedenken sie dabei nicht. Denn jede Zeit muss einen kanonischen Text für sich neu interpretieren, sonst nimmt man ihm die kanonische Würde und lässt ihn als historischen Text stehen. Wo würde das Christentum heute stehen, wenn nicht die Kirchenväter die Glaubenswahrheiten in griechische Philosophie übersetzt hätten?

Und wie reagiert das Kirchenvolk auf Ihre Bibel-Recherchen?

Ich weiß, dass viele Katholiken mit Interesse meine Texte lesen.

In ihrem aktuellen Buch „Liebe, Laster, Lust und Leidenschaft“ (Kohlhammer, 19,90 Euro) schreibt Univ.-Prof. Irmtraud Fischer über erfüllte Sexualität, gleichberechtigte Frauen, aber auch  Untreue, Ehefrust und Gewalt. 

Warum ist Ihnen Ihr Buch wichtig?

Weil ich die Dimensionen biblischer Texte für Gesellschaften mit Geschlechterdemokratie sichtbar machen will. Und weil ich denen, die sich gegen Unterdrückung wehren, Argumente liefern möchte. Gerade in Bezug auf Erotik und Sexualität ist das Alte Testament überaus realistisch. Es konzentriert sich nicht auf Verbote, sondern erzählt unbefangen von den schönsten, aber auch schrecklichsten Dingen. Die Missbrauchsskandale, die die Kirche erschüttern, bringen den defizitären Umgang mit Sexualität ans Licht. Ich will daher nicht bei Verboten oder sexueller Gewalt stehen bleiben, sondern die positiven, sehr weiten Perspektiven des Alten Testaments auf Erotik und Sexualität bekannt machen. Mein Buch zeigt auf, wie man die Texte in den Originalsprachen auch interpretieren kann.

Welche Stelle in der Bibel macht Ihnen persönlich Hoffnung?

Oh, da gibt es viele! Am zentralsten ist wohl die Selbstvorstellung der Gottheit Israels: Ich habe dich herausgeführt aus der Sklaverei. Das Exodus-Ereignis ist zentral, es ist die Zusage, dass Gott Freiheit und nicht Unterdrückung will.

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