Lollies, Pastellfarben, Schleifen im Haar – die Soft Girls mögen es lieblich und mädchenhaft 

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freizeit Leben, Liebe & Sex
07/22/2020

Süß, süßer, "Soft Girls": Tiktok-Trend zwischen Spiel und Rebellion

Warum sich Teenies in den sozialen Medien plötzlich als schüchterne Mädchen von nebenan inszenieren.

von Julia Pfligl

Früher gab es Punks und Emos, heute entstehen Teenager-Archetypen auf Tiktok: Die rasant wachsende, vor allem bei der Generation Z beliebte Social-Media-Plattform brachte bereits die VSCO-Girls und E-Girls (Erklärung siehe unten) hervor – nun erobern die Soft Girls das Netz.

Wie alle Social-Media-Subkulturen definieren sie sich über eine ganz spezielle Ästhetik: Laut Urban Dictionary lieben Soft Girls Haarspangen und Haarbänder, süße Halsketten und Pastellfarben, in Sachen Make-up mögen sie es „glossy“ und rosa, aufgemalte Wölkchen oder Sommersprossen komplettieren den verträumten Look. Oversize-Pullis und Mom-Jeans lassen sie noch zierlicher, noch schützenswerter wirken – angelehnt an ihr Idol, die Sängerin Ariana Grande.

Verletzlichkeit

Der Niedlichkeitshype nahm 2019 in Form der #softgirlchallenge mit mittlerweile Millionen Beiträgen Fahrt auf: In Videos dokumentieren die Nutzerinnen auf Tiktok, Youtube oder Instagram ihre Verwandlung vom eher düsteren E- zum verspielten und stets gut gelaunten Soft Girl.

Das zeigt, wie Jugendliche auf ihrer Online-Spielwiese mit verschiedenen Identitäten experimentieren, wie schnell sie diese anlegen und abstreifen, sagt die Soziologin Maria Schlechter. Im Rahmen ihrer Dissertation forscht sie über die Rolle von Social-Media-Apps im Alltag von Jugendlichen und deren Einfluss auf Freundschaften: Auch das Soft-Girls-Phänomen beobachtet sie schon länger.

Wo genau die rosa Girlies ihren Ursprung hätten, sei schwer zu sagen – „manche sehen eine Ähnlichkeit zum Schönheitsideal in der K-Pop-Kultur oder mit flauschigen Kinderkulturphänomenen wie Diddl“ (Millennials erinnern sich). Neben ihren optischen Merkmalen eine die Soft Girls ein Ausdruck von Sanftheit, emotionaler Verletzlichkeit, Unsicherheit: „Ihr Auftreten wirkt kindlich und verträumt“.

Kurz: Ein Image von Weiblichkeit, das Feministinnen lange als überholt gehofft hatten. Was den Guardian jüngst zu der Frage veranlasste: „Haben diese Mädchen nichts Besseres zu tun, als ihre Zeit und ihr Geld dafür aufzuwenden, im Internet harmlos auszusehen?“ Wie passt das zur Generation Girlpower, die im Netz für Feminismus eintritt?

„Ich sehe die Soft Girls nicht als Gegenbewegung, mit Feminismus hat das generell wenig zu tun“, glaubt die Soziologin. Die meisten Soft Girls seien sehr jung, zwischen elf und 13 – „in diesem Alter ist Feminismus meist noch gar kein Thema“.

Ironie

Jedoch deutet einiges darauf hin, dass der Soft-Girl-Hype mehr ist als bloß ein Eskapismus in eine heile, rosa Welt: Der Philosophie-Professor Simon May, Autor des Buches „The Power of Cute“ (Die Macht des Süßen), sieht darin etwa einen subtilen Protest gegen die Erwartungen der Gesellschaft an Teenagermädchen: Sie hätten in erster Linie süß und harmlos zu sein, ernst würden sie in diesem Alter nicht genommen. Diese – oft ironisch – überzeichnete Darstellung des Soften würde die Verhältnisse von Macht infrage stellen.

VSCO-Girls
Umweltbewusste Beachgirls mit Birkenstock-Style, die sich natürlich oder gar nicht schminken – wird „Visco“ ausgesprochen, nach einer Bildbearbeitungsapp   

E-Girls 
Das „E“ steht für Electronic, sie sind oft und viel online. Ihre eher düstere  Ästhetik erinnert an Emos, Anime und den koreanischen K-Pop-Style 

Soft Girls
Jüngste Strömung, definiert sich durch verträumt-liebliche, helle
Modeaccessoires, Gefälligkeit und emotionale Verletzlichkeit

Auf Youtube findet man inzwischen mehrheitlich ironische Beiträge zum Thema Soft Girls, auch die VSCO-Girls sind längst ihre eigene Parodie geworden. Ein Online-Trend bedeute noch kein neues Frauenbild, sagt Schlechter: „Jugendliche verhandeln das kontroversiell. Dabei spielen Humor und Ironie eine wichtige Rolle. Das Soft Girl ist nur einer von vielen Internetcharakteren, die man ausprobieren kann.“

Sie geht soweit, den Trend als rebellisch einzustufen: Normalerweise treten Jugendliche im Netz als stark, unternehmerisch und selbstbewusst auf, da bleibt kein Platz für Gefühle oder Verletzlichkeit. Das deutsche Kinderhilfswerk forderte nun sogar einen besseren Schutz für minderjährige Influencer, die im Web Geld verdienen.

Wer in die Rolle des Soft Girls schlüpft, darf sich unsicher, kindlich geben. Schlechter: „Auch diese Emotionen gehören zum Heranwachsen.“