© DAVID DREBIN

freizeit Leben, Liebe & Sex
09/06/2020

Starfotograf David Drebin: "Mir geht's um Sex"

David Drebin fotografiert keine Stars mehr, er ist selbst einer. Der "freizeit" verrät er, warum Sex und Bedrohlichkeit in seinen Bildern essenziell sind.

von Andreas Bovelino

"Sex und Liebe“, antwortet David Drebin auf die Frage, worum es bei seinen Fotos geht, was sein Leitmotiv ist. Um gleich darauf zu präzisieren: „Das Verhältnis dieser beiden Kräfte ist dabei das Wichtigste. Wie bei einem Peanutbutter-Sandwich. Nicht zu viel Erdnussbutter – aber auch nicht zu wenig, damit die Sache nicht nur nach Marmelade schmeckt.“

So ist das also. Der Meisterfotograf aus Kanada ist auch ein großer Meister des kultivierten Augenzwinkerns. Großartig etwa sein Foto „Girl in New York“, auf dem man, bei all den abendlichen Dächern und erleuchteten Fenstern doch recht lange suchen muss, bis man das „Girl“ auf einer Terrasse stehen sieht. Ganz klein in der großen Stadt.

Oder „Movie Star“, auf dem eine nicht zu erkennende Blondine sich aus unerfindlichen Gründen über einen Tresen beugt. Die tatsächlichen Movie Stars hängen als Bilder an der Wand dahinter. Ist sie an der Rezeption des Hotel California? Wir können nur spekulieren.

„Es geht bei allen meinen Bildern in erster Linie um eine Story“, erklärt Drebin. „Was ist geschehen, bevor wir die Zeit für das Bild angehalten haben? Was hat zu dieser Situation geführt? Und wie wird sie enden?“

Die Lust am Bedrohlichen

Tatsächlich macht uns Drebin auf raffinierte Weise zum Voyeur, bietet uns Einblicke in eine faszinierend fremde Nachbarschaft, ein erleuchtetes Fenster durch das wir Zeuge einer Beziehungsszene werden, die wir selbst deuten müssen. Ein Hotelzimmer etwa, in dem eine nackte Frau ganz alleine Zeitung liest. Dazu kommt meist ein verunsicherndes Element, eine unheimliche Lichtstimmung, gefährliche Schatten, eine Tür, die einen Spalt breit geöffnet ist.

Wieso diese Lust am Bedrohlichen? „Schöne Erfahrungen ergeben selten spannende Fotos. Wenn wir beide nett bei einem Bier zusammensitzen und dabei fotografiert werden, mag das für uns selbst eine hübsche Erinnerung sein, hat für andere aber kaum unterhaltenden Wert“, antwortet der Fotograf gelassen: „Wenn ich Ihnen aber mein Bier ins Gesicht schütte, dann kann daraus ein richtig gutes Foto werden!“ Klingt doch spannend, und irgendwie ist man dann auch fast ein wenig froh übers „physical distancing“, Mister Drebin sitzt in seinem heimatlichen Toronto, die Gefahr einer Bierdusche ist also überschaubar.

Der gefeierte Fotograf hat in den 1990ern an der renommierten „Parson’s“ Kunst- und Design-Uni in New York studiert und wurde ursprünglich durch seine unaufgeregten Porträts von Film- und Sportstars bekannt, bevor er High-End-Kampagnen für diverse Modemagazine schoss.

Fünf Minuten für den Star

„Je berühmter die Person, die du fotografieren sollst, desto weniger Zeit hat sie. Wenn einem die Assistenten dann ganz aufgeregt zuraunen: ,Mr. X hat aber nur fünfzehn Minuten für Sie!’ war meine  Antwort: ,Das sind zehn mehr als ich brauche’.“ Steve Jobs, John Legend, Kevin Bacon, Diane von Fürstenberg – war er da wirklich niemals nervös?  „Na ja, doch ... bei Charlize Theron. Sie ist einfach eine echte Göttin. Sie hatte damals gerade einen Oscar gewonnen und ich muss zugeben, ich war ziemlich nervös. Noch dazu fotografierten wir in diesem Château, in dem auch Helmut Newton einige seiner berühmtesten Bilder gemacht hat. Und Newton ist, war  einfach einer der Größten aller Zeiten. Aber sobald ich durch die Linse meiner Kamera schaue, ist diese Nervosität verflogen. Die Kamera ist mein Röntgengerät. Mit ihr kann ich die Gedanken, die Stimmungen der Menschen lesen.“

Apropos Newton: Der stand sein Leben lang unter Beschuss, ihm wurden immer wieder frauenfeindliche Motive unterstellt. Ist es heute nicht noch schwerer, erotische Inhalte zu veröffentlichen? „Bitte nicht ,erotisch’ sagen, mit Erotik hab ich überhaupt nichts am Hut. Wie gesagt geht’s mir um Sex und den Beginn oder das Ende von Beziehungen, der Liebe. Das interessiert mich. Aber nein, ich hatte noch nie Probleme. Und immerhin war es eine Frau, die vor 17 Jahren als erste eine größere Anzahl meiner Bilder gekauft hat: Ute Hartjen von der Berliner Galerie ,Camera Work’. Auch die Mehrzahl meiner Follower auf Social-Media-Kanälen sind Frauen.“

Frauen sind klug

Ähnlich wie Helmut Newton inszeniert Drebin seine weiblichen Modelle zwar oft spärlich bekleidet, aber doch als starke Persönlichkeiten. „Frauen sind die intelligenteren Wesen“, sagt der Künstler, „sie haben eine emotionale Intelligenz, von der Männer nur träumen können. Sie sind strategisch, manipulativ, smart, analytisch, sexy, denken voraus – haben eine fast diabolische Macht.“ Und was hält Drebin von Männern?

„Die sind auf meinen Bildern höchstens Statisten. Männer sind meistens dumm. Ganz egal, wie viel Geld sie in ihren Berufen verdienen, das bedeutet nicht, dass sie nicht trotzdem dumm sind. Im Grunde sind Männer nicht viel mehr als Penisse mit Ohren.“ Danke, das ist jetzt ein Bild, das man, ohne es tatsächlich gesehen zu haben, so schnell nicht mehr aus dem Kopf kriegt.

Aber der kanadische Star-Fotograf ist eben ein Mann, der sich kein Blatt vor den Mund nimmt. Vor die Linse schon gar nicht. Selbst ein Vergleich mit dem großen Alfred Hitchcock schmeichelt ihm kaum, der Tatsache, dass ihn internationale Fachmagazine gern den „Hitchcock der Fotografie“ nennen, kann er nichts abgewinnen: „Ich verstehe es nicht, kann damit nichts anfangen. Was mich betrifft, bin ich einfach der ,Drebin der Fotografie’.“

Wer die fantastischen Bilder des Fotografen weiterhin genießen will, wird sich übrigens verstärkt in Galerien umschauen oder sich einen seiner Bildbände zulegen müssen. Denn Werbekampagnen, Mode-Shootings oder auch Star-Porträts für Hochglanz-Magazine will David Drebin definitiv nicht mehr machen. Dafür nennt er auch einen Grund: „Ich will Werke schaffen, die an Wänden hängen, ein Leben lang gemocht werden, jemanden begleiten. Der Gedanke, dass meine Bilder nach drei Wochen im Altpapier landen oder irgendwo als WC-Lektüre gefällt mir einfach nicht.“

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