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freizeit Leben, Liebe & Sex
02/18/2021

So verleiten Online-Stars Kinder zu Süßigkeiten

Foodwatch-Bericht kritisiert, dass Influencer ihre jungen Zuschauer in den sozialen Medien zu Kalorienbomben verleiten.

von Daniela Davidovits

Zwei Millionen junge Fans klickten das Video der Youtuberinnen Sarina und Viktoria über „das größte Gummibärchen der Welt“ an. Die beiden Österreicherinnen, 24 und 25 Jahre alt, sind nicht die einzigen Influencer, die im Internet Werbung für Süßes machen, kritisiert die Organisation Foodwatch in ihrem Bericht.

Auch bei Dagi Bee, die bei den Kids Choice Awards als Lieblings-Video- bloggerin ausgezeichnet wurde, und anderen bekannten Influencern fand sie Werbung für Kalorienbomben.

„Lebensmittelkonzerne wie Coca-Cola, McDonald’s und Mondelez nutzen Social-Media-Stars, um zuckersüße Getränke, fettige Snacks und Süßigkeiten gezielt an Kinder zu vermarkten. Die Industrie kommt mit dem Online-Marketing direkt ins Kinderzimmer und untergräbt die Bemühungen von Eltern, ihre Kinder für gesunde Lebensmittel zu begeistern“, ärgert sich Lisa Kernegger von Foodwatch Österreich über die Manipulation durch „Junk-Fluencer“ – Influencer, die Fans zu Junkfood verleiten.

Die Gefahr dabei?

Das sei besonders dramatisch, weil im Schnitt jeder dritte Bub und jedes vierte Mädchen in Österreich im Alter von acht Jahren übergewichtig oder adipös ist, so Kernegger.

Foodwatch hat Tausende Postings und Videos junger Social-Media-Stars untersucht: „Manches ist als Werbung gekennzeichnet, anderes jedoch nicht. Kinder können schwer erkennen, dass Werbung ihr Konsumverhalten beeinflussen will“, betont sie.

Dass Kinder ihr Taschengeld vor allem für Essen, Fast Food und Süßigkeiten ausgeben, zeigte auch eine Studie der Uni Wien. Gerade bei den jüngeren Zuschauern wirken die Influencer, bestätigt Bernhard Heinzlmaier vom Institut für Jugendkultur: „Je älter sie werden, desto besser erkennen sie, welche wirtschaftlichen Interessen hinter den Videos stehen.“

Allein in Deutschland investiert die Lebensmittelindustrie jedes Jahr rund 900 Millionen Euro in Werbung für Süßwaren – für Österreich gebe es keine Zahlen, erklärt Foodwatch.

Marketing beschränken

Der Verein fordert Marketingbeschränkungen für Lebensmittel und Getränke, die einen hohen Gehalt an Salz, Zucker, Fett, gesättigten Fettsäuren oder Transfettsäuren aufweisen. Orientieren könnte man sich dafür am Nährwertprofil der WHO aus dem Jahr 2015, sagt Kernegger.

Berthold Koletzko von der Stiftung Kindergesundheit verstärkt diese Forderung: „Der Junkfood-Verzehr in Ländern mit verpflichtenden Werbebeschränkungen hat von 2002 bis 2016 pro Kopf um rund neun Prozent abgenommen. In Ländern ohne Werbebeschränkungen ist er hingegen um etwa 14 Prozent gestiegen.“

Im Gegensatz zu Ländern wie Norwegen, Schweden oder Großbritannien gibt es in Österreich keine direkten gesetzlichen Verbote oder Einschränkungen bezüglich Kindermarketing für unausgewogene Lebensmittel.

Im Gesetz über „Audiovisuelle Mediendienste“– wie TV-Sender und seit Jahresbeginn auch Internetplattformen – sind zwar ein Werbeverbot für Tabak und Einschränkungen für Alkohol geregelt, aber es gibt nur die Vorgabe, sich einen „Verhaltenskodex“ für ungesundes Essen zu überlegen.

Heidi Porstner von Foodwatch Österreich reicht das nicht: „Immerhin ist so ein Verhaltenskodex für Werbung vor, in und nach Kindersendungen jetzt verpflichtend. Aber wir hätten uns bei der neuen Gesetzesänderung klarere Vorgaben erhofft.“ Kontrolle und Konsequenzen seien nicht klar definiert.

Graubereich Influencer

Produktplatzierungen in Kindersendungen sind verboten, aber es sei „nicht einmal klar, ob Influencer betroffen sind“, so Porstner. Nur der ORF ist streng: Jegliche Werbung, die sich an unter 14-Jährige richtet, ist direkt vor und nach Kindersendungen unzulässig.

Die deutsche Bundesernährungsministerin hat bereits auf den Bericht reagiert und den Werberat ersucht, die Verhaltensregeln zu verschärfen. Der österreichische Werberat kündigt das ebenfalls an.

Doch die Influencer bewegen sich oft in einem Graubereich zwischen gekennzeichneter Werbung, Produktplatzierung oder unmarkierter Werbung, so Porstner: „Sie ‚probieren‘ einfach eine Limonade oder einen Kuchen und befinden ihn für ‚lecker‘.“

Selbst seriöse Sendungen zeigen etwa, wie man Gummibärchen selbst macht, und in unzähligen Videos wird über Essen geredet. Porstner: „Das sind persönliche Meinungsäußerungen und die können auch nicht verboten werden. Wir möchten bei den Junk-Fluencern ein Umdenken bewirken, damit sie ihren Einfluss sinnvoll einsetzen.“

Das Thema der „Kidfluencer“ beschäftigt die Werbebranche sonst in einem anderen Zusammenhang: Für die Spielwarenindustrie sind die „Unboxing“-Videos, bei denen ein Kind Spielzeugkisten auspackt, ein Renner. Der nunmehr neunjährige Ryan Kaji ist  der bestbezahlten  YouTuber, seine Videos wurden seit Beginn im Jahr 2015 mehr als 40 Milliarden Mal aufgerufen und er verdient laut Forbes rund 26 Millionen Dollar pro Jahr. 

Seit Jahren warnen Kinderschützer davor, dass die kleinen Internet-Stars von ihren Familien überfordert werden. Oft kündigen die Eltern ihre Jobs, um sich ganz der erfolgreichen Vermarktung ihrer Kinder oder ihres Familien-Blogs zu widmen. Was wie ein großer Spaß aussehe, sei allerdings harte Arbeit.

Wie so eine Social-Media-Kampagne abläuft, führt etwa die  deutsche Agentur Wunderstudios als Beispiel an. Der Käsesnack Cheestrings ist keine Süßigkeit, aber ein gutes Beispiel für den Einsatz jugendlicher YouTuber im Lebensmittelbereich.  Hochprofessionell werden die jungen Influencer Chrissi und Max sowie die Familie von „Vier Mal Spaß“ mit über 250.000 Fans zu Challenges eingeladen, in denen der Snack immer wieder vorkommt.

Auch Dr. Oetker zählt übrigens zu den Kunden der Agentur. Deren Schoko-Pizza ging bei ihrer Markteinführung viral und wurde von unzähligen YouTubern gezeigt und verkostet. Ein Zufall?

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