© Courtesy by Wolfgang Joop

freizeit Leben, Liebe & Sex
11/21/2020

Modedesigner Wolfgang Joop im Interview: „Ich war getrieben von Angst“

Musen inspirieren ihn, Schiele bewundert er, Wien liebt er. Vorhang auf für ein Gespräch mit Wolfgang Joop: das vom Tod seiner Mutter ebenso handelt wie von den Untiefen des Erfolgs und von Heidi Klum. Nun soll sein Leben verfilmt werden.

von Alexander Kern

Er ist Maler, Autor und prägt als Designer seit fast 50 Jahren die Welt der Mode. Wolfgang Joop ist ein echtes Multitalent – und unermüdlich kreativ. Zur Mode kam er, als er in den 1970er-Jahren mit seiner damaligen Frau Karin den Wettbewerb einer Modezeitschrift gewann. Später machte er eine Weltkarriere, seine Marken Joop! und Wunderkind prägten den zeitgeistigen Lifestyle einer Generation. Mit seinem Label Looks entzieht er sich nun dem schnelllebigen Rhythmus der Fashion-Industrie und fertigt leistbare, kleine Kollektionen für Online. Im Interview zeigt Joop (der am 26. November bei den heuer online stattfindenden Vienna Awards for Fashion & Lifestyle die Laudatio für den "Photographer of the Year" halten wird) sich pointiert, geistreich – und sprüht vor Esprit.

freizeit: Herr Joop, Wien ist für Sie Inspiration, Faszination, Liebe. Wie kommt es zu dieser großen Zuneigung?

Wolfgang Joop: Zum einen wegen Egon Schiele: Er ist mein großes Vorbild, inspiriert mich. Sie kennen vielleicht meine Zeichnungen: Den herben Duktus Schieles habe ich mir beibehalten. Als ich Schiele zum ersten Mal bewusst wahrnahm, hat es mich geflasht. Für mich war er der erste Punk. Ich liebe Wien. Sogar noch mehr als Paris.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Besuch?

Das war 1972. In einer Galerie habe ich damals ein Bild entdeckt. Es ist von Ralph Peacock und heißt „Die Irin“: Eine junge Frau, barfuß, in einem weißen Hemdkleid, um die Hüften hat sie ein Leopardenfell gewickelt, ihr fülliges, rotes Haar weht im Wind. Dieses Bild hat meine Vision von Mode immer beeinflusst. Es hängt jetzt bei mir im Schlafzimmer. Es ist das Erste, das ich sehe, wenn ich aufwache und das Letzte, wenn ich mich schlafen lege. Die Inkarnation dieser Frau habe ich Jahre später getroffen: das Model Sara. Sie ist heute meine Muse. Es ist, als hätte mich das Bild zu ihr geführt.

Das Gemälde als Art Wegweiser in die Zukunft?

Ich ahnte das damals nicht. Aber oft versteht man das Leben erst in der Retrospektive. Oft suchen wir, wie in der Psychoanalyse, auch einen Zusammenhang zwischen uns und unseren Träumen. Ich glaube nicht, dass man in seinen Träumen sein wahres Ich auslebt. Es ist ein anderes Ich. Eine Parallelperson, die ein eigenständiges Leben führt. Aber eben nur im Traum.

Ein Parallel-Ich hätte bei Ihnen wohl nicht viel zu erleben. Ihr Leben verlief aufregend genug.

Oft überraschend, das ja. Dennoch war der Moment des größten Applauses öfter getrübt. Am Höhepunkt des Erfolges bist du manchmal vollkommen verzweifelt. Du denkst: Das ist nur vorübergehend, diesen Erfolg kannst du auf Dauer nicht halten. Deswegen suchen wir ja nach dem unendlichen und wahren Liebesgefühl. Erfolg ist unstet. Erst durch die Liebe eines anderen existieren wir wirklich. Erst das nimmt uns unsere Ängste.

Diese Liebe haben Sie erst bei Ihrer Frau Karin gefunden, später bei Ihrem Lebenspartner Edwin Lemberg.

Alleine gibt man sich ja meist einer Illusion seiner selbst hin. Ich glaube – und dafür ist natürlich auch die Sexualität da – dass man sich erst durch einen anderen richtig erlebt. Erst durch dessen Verhalten, nicht nur durch Worte, vermittelt sich einem ein Gefühl für sich selbst, das sich nicht betrügen lässt.

Zu Ihrer Ex-Frau haben Sie heute immer noch ein sehr gutes Verhältnis, oder?

Karin war Mutter und Muse zugleich. Die ästhetisch gelungene Verwirklichung meiner Träume – meine frühe Sara. An ihr habe ich mein Frauenbild festgemacht. Sie lebt nebenan, ihr Mann ist leider vor fünf Jahren gestorben. 15 Jahre sind wir Seite an Seite durch dieses Leben gestiefelt. Es gibt keine kreative Karriere, ohne dass dir jemand den Rücken stärkt. Das erfüllt nun Edwin seit mehr als 40 Jahren in völlig veränderter Zeit und Form.

Waren Sie ein sehr ehrgeiziger Mensch?

Ich war getrieben von der Angst zu scheitern. Deshalb bin ich konsequent, arbeitsam und erfolgreich gewesen. Nach meinem schlechten Abitur-Zeugnis fiel mir lange nicht ein, was ich machen sollte. Kunstlehrer wollte ich keiner werden, das wollte mein Vater. Zweimal hospitierte ich in Schulklassen, aber nach dem Geruch von Schulkreide und schweißigen Socken in der Nase, dachte ich, oh Gott, hier wollte ich doch immer raus. Wenn ich Karin nicht getroffen hätte, die sich selbst Kleider nähte, wäre ich nicht auf den Beruf gekommen. Es waren immer große Winke des Schicksals, denen ich gehorcht habe.

Das Kunstpädagogik-Studium haben Sie abgebrochen, warum?

Es waren die Sechziger. Ich wollte mich durch das Studium von allen Autoritäten befreien. An der Uni machten die Studenten dann im Gammelrausch angeblich Kunst. Unser Professor war Otto Mühl, der berühmte Maler mit seiner Kommune. Der hat sich in der Aula nackt ausgezogen und auch mal ein Schwein geschlachtet, und wir mussten uns im Blut wälzen und Körperabdrücke machen, wie bei Yves Klein. Alles hatte einen politischen und revolutionären antibürgerlichen Bezug, der auch stets eingefordert wurde. Das schlimmste Schimpfwort war: Das ist aber schön. Das wurde quasi mit Todesstrafe geahndet.

Wie ging es danach weiter?

Ich war orientierungslos. Begann Gemälde malte im Stil großer Meister. 6.000 Mark habe ich für ein Bild bekommen, hatte ein ganz gutes Einkommen. Aber es bedeutete mir nicht viel, war dekorative Kunst. So ehrlich war ich zu mir, dass ich nicht versuchte, einen Maler mit großem Konflikt darzustellen, der am Abgrund steht. Da habe ich mich lieber der Oberfläche zugewandt. Wie Oscar Wilde schon sagte: Der tiefe Sinn des Menschen ist schnell enthüllt. Ich finde, an der Oberfläche ist auch genug zu tun. Die Mode hat Karin und mich aus diesem Chaos befreit. Zudem wurde ich 1968 mit 23 Vater. Ich hatte jetzt Verantwortung.

Heute sind Sie wieder an Ihren Geburtsort heimgekehrt, leben im Familiensitz am Park von Schloss Sanssouci in Potsdam. Wie ist es dort?

Ich bin ungeheuer dankbar, wieder auf Gut Bornstedt zu sein. Es ist hier wie in Italien, irgendwie toskanisch. Genau gegenüber von uns ist eine Kirche mit einem Campanile. Jetzt, mit der Klimaerwärmung, sehe ich jeden Abend in einen rosa gefärbten Himmel, und es riecht noch gar nicht richtig nach Herbst. Ich habe den November, der so viel mit Abschied zu tun hat, immer verabscheut. Obwohl ich da geboren bin.

Ihre Kindheit in Bornstedt war sehr glücklich. Und es war der letzte Wunsch Ihrer Mutter, dass Sie hierher zurückkehren.

Meine Mutter ist 94 geworden, war bei klarem Verstand und immer noch sehr schön. Nachdem ich einen Kaffeeklatsch abgesagt hatte, erfuhr ich, dass der Gärtner sie an alle Plätze gefahren hatte, die ihr etwas bedeuteten. Danach saßen wir zusammen und sie sagte: „Was wird nur aus all dem hier, Wolfgang?“ Und ich antwortete: „Mutter, man muss doch auch loslassen können“ – und kaum hatte ich das ausgesprochen, sagte sie: „Oh“ – und verlor das Bewusstsein. Es passierte so schnell, ich konnte es erst nicht fassen. Drei Tage lebte sie noch. Ich habe mich im Krankenhaus neben sie gesetzt und sie gezeichnet, diese drei Phasen des Sterbens. Das war für mich die einzige Möglichkeit, ihr so nahe zu kommen wie möglich, um nicht in Tränen zu ersticken. Ich durfte ja nicht weinen, sonst hätte ich nicht zeichnen können.

Wie geht es Ihnen mit der aktuellen Zeit?

Die Leichtfertigkeit, die wir hatten, war zu kritisieren, aber sie war auch schön. Ich komme aus der alten DDR, demnach sind die Regeln, die nun dauernd befolgt werden müssen, nichts, auf das ich mich gefreut habe. Aber mich leitet das Prinzip Hoffnung. Ich beschwere mich nicht über diese Zeit, die mir nicht so gut gefällt. Sondern passe mich den Bedingungen an und mache weiter meine Kollektionen.

Bei jungen Menschen hat Sie vor allem „Germany’s Next Topmodel“ bekannt gemacht. Hören Sie noch von Heidi Klum?

Ja, wir sind noch ständig in Kontakt. Ich bewundere, was Heidi leistet. Sie ist ein Supermodel, das nicht jeder wollte. Die High-Fashion Labels haben sie nicht akzeptiert, viele Türen gingen leider zu. Es ist ihr nicht leichtgefallen, dass Karl Lagerfeld sagte, sie sei kein Runway Model. Aber ich habe sie wirklich achten und schätzen gelernt. Die Lebensenergie dieses Mädchens ist enorm, sie ist ein moderner Typ, der für sich selbst steht. Und sie wird immer schöner, finde ich. Ich bin ein ganz großer Fan von ihr.

Sollte Ihr Leben verfilmt werden?

Ich lese gerade ein Treatment, das mir aber noch nicht gefällt. Man dürfte die Zeit von damals nicht versuchen abzubilden, sondern müsste sie ins Heute transferieren. Das gilt auch für die Hauptrolle. Wenn man sich so einen Revolutionär der Mode vorstellt, der würde heute anders aussehen als ich damals. Das Original ist das Original, jedoch das Phänomen gilt es zu übersetzen. Zudem benötigt mein Leben keine Übertreibungen – das war schon übertrieben genug.

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