© Kurier/Gilbert Novy

freizeit Leben, Liebe & Sex
11/14/2020

Howard Carpendale: „Bin kein alter, weiser Mann"

Als Musiker musste er erfolglose Phasen durchmachen. Privat stand er seiner Frau im Kampf gegen den Alkohol bei. Im Interview spricht er über seinen nahenden 75. Geburtstag, Authentizität und sein neues Album.

von Alexander Kern

Ein Klassiker hat Lust auf Klassisches. Als Schlagerstar hat Howard Carpendale alles erreicht. Doch seine Lieder neu zu interpretieren und vom berühmten Royal Philharmonic Orchestra begleiten zu lassen – das war ein Herzenswunsch für den ewig blonden Sänger mit dem charmanten Akzent. Weil das beim ersten Mal ein Riesenerfolg war, folgt jetzt „Symphonie meines Lebens 2“. Ein facettenreiches Leben führte der Südafrikaner auf jeden Fall. Begonnen hatte Carpendale einst als Elvis-Imitator. Privat machte er mit seiner Partnerin und ihrem Kampf gegen den Alkohol schwere Zeiten durch. 2003 beendete er schließlich seine Karriere – und startete vier Jahre später doch ein Comeback. Im Jänner kommenden Jahres feiert „Howie“ seinen 75. Geburtstag. Gute Gelegenheit für ein Interview.

freizeit: Herr Carpendale, zum zweiten Mal interpretieren Sie Ihre Lieder neu und mit klassischer Begleitung. Eine Art Zugabe, bevor Sie das Mikro für immer zur Seite legen?

Howard Carpendale: Im Gegenteil. Ich habe überhaupt nicht vor, aufzuhören. Sicher: Ich fühle mich schon ein bisschen so, als befinde ich mich in der Zugabe meines Lebens. Aber die Musik macht mir sehr viel Freude. Ich spüre keinen Druck, ich mache die Dinge, die ich machen will. Was mir in meiner ganzen Karriere bis heute immer sehr wichtig war, ist Authentizität. Und ich freue mich, dass die Leute das so gerne sehen.

Kein Druck, ganz bei sich: Sie wirken meistens so, als würden Sie beständig in sich ruhen.

Ich freue mich, dass Sie das sagen. Authentizität ist mein Ziel. Moden kommen und gehen. Für mich ist Singen eine Leidenschaft. Natürlich verdient man damit auch Geld. Aber ob man’s glaubt oder nicht, das war nie meine Motivation. Meine Motivation ist, mit der Musik, die ich mache, eine authentische Figur darzustellen. Und wenn das auch noch gut ankommt – umso schöner.

Es muss auch diese Authentizität gewesen sein, die Ihnen 2007 zum Comeback verholfen hat. Und bis heute zu anhaltendem Erfolg.

Ich musste lange genug Titel singen, die mir von den Plattenfirmen vorgelegt wurden. Das war Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-Jahre. Aber irgendwann habe ich gesagt, nein, es ist genug. Ich übernehme das jetzt selber. Und habe begonnen, meine Lieder selbst zu komponieren. Seitdem habe ich das Gefühl, recht wenig Dinge gemacht zu haben, die vielleicht nicht so echt und glaubwürdig sind, wie ich wollte.

Fühlen Sie sich jetzt freier als früher?

Ja, aber nicht erst seit Kurzem. Das Gefühl begleitet mich schon seit meinem Comeback. Ich habe mir damals geschworen, mich nicht länger an Themen und Liedern abzuarbeiten, die in erster Linie produziert werden, um mit ihnen ein Geschäft zu machen. Ich wollte Lieder singen, deren Ansichten ich voll vertreten kann. Und nicht dauernd über Geld reden.

Sie fühlten sich ausgebeutet?

Ich sag’ noch einmal: Singen ist ein Geschäft. Und es gibt Menschen, die damit Geld verdienen. Aber ich glaube, in dem Moment, in dem einem ausschließlich Geld als Motivation dient, wird man nicht unbedingt viel Erfolg haben.

Ohne Leidenschaft geht es nicht, egal in welchem Geschäft.

Für meinen Geschmack kenne ich zu wenig leidenschaftliche Menschen. Dabei rede ich nicht von meiner Branche. Mir kommt jedoch vor, Millionen von Menschen sind in Berufen tätig, in denen Leidenschaft nicht unbedingt aufkommt. Das ist eine soziale Komponente, die die Gesellschaft neu überdenken sollte. Wie? Dafür fehlt mir im Moment auch die Idee. Trotzdem ist es eine Frage, die man lösen muss. Ebenso die um sich greifende Armut. Solange es Armut gibt auf dieser Welt, werden wir nie in Frieden leben.

Beschäftigen diese großen Fragen Sie?

Die Wahl zum US-Präsidenten war für mich der vielleicht wichtigste Tag in Amerika seit 100 Jahren. Es war schon ziemlich grausam anzuschauen, was da in den vergangenen Jahren vor sich ging. 59 Menschen in den USA sind genauso reich wie die Hälfte des Landes – jeder Idiot weiß, so eine Ungerechtigkeit ist unhaltbar. Wie die meisten habe ich befürchtet, dass nach der geschlagenen Wahl ein Chaos in diesem Land die Folge sein wird. Und die USA ist ein Land, in dem wir wissen, was vor sich geht. Von vielen anderen Nationen haben wir keine Ahnung. Wir sind nicht konfrontiert mit ihren täglichen Dilemmas oder schieben sie von uns weg.

Klingt, als würden Sie sich sorgen.

All das hat mich auf jeden Fall sehr nachdenklich gestimmt. Das betrifft auch die Art, wie wir mit der Klimasituation umgehen. Es scheint die Meinung vorzuherrschen, das würde unser Heute nicht betreffen. Und es reicht, sich erst damit zu beschäftigen, wenn es zu einem ernsten Problem geworden ist – morgen oder irgendwann. Tatsache ist: Die Lage ist jetzt bereits ernst.

Dennoch blicken Sie hoffentlich auch mit ein wenig Optimismus auf Ihren 75. Geburtstag, den Sie im Jänner begehen. Welches Lied wünschen Sie sich, soll man an diesem Tag spielen?

Etwas von Elvis.

Einen bestimmten Song?

(denkt nach) „I Just Can’t Help Believing“. Nicht einer seiner größten Hits, aber einen Titel, den ich immer sehr geliebt habe.

Welche persönliche Bedeutung hat dieser Song für Sie, warum gerade dieser?

Der Song bedeutet mir sehr viel, weil meine Frau und ich mit ihrem Kampf gegen den Alkoholismus 18 Jahre lang wirklich die Hölle durchlebt haben. Sie war krank und hat diese Krankheit besiegt, was nur 20 Prozent aller Menschen überhaupt schaffen. Seitdem genieße ich mit ihr die schönste Zeit, die ich je erlebt habe. „I Just Can’t Help Believing“, das heißt auch: Ich kann es immer noch nicht glauben, dass du dieses Gift besiegt hast.

Wie haben Sie diese schwere Zeit zusammen so lange durchgehalten?

Weil ich sie immer sehr geliebt habe.

Und was hat am Ende geholfen, diese Krankheit zu besiegen?

Diese Frage werde ich Ihnen nie ganz beantworten können. Noch heute, drei Jahre später, stelle ich mir dieselbe Frage. Die Heilung ist von einem Tag auf den nächsten passiert. Ich bin mir jedenfalls sehr sicher, dass dieses Problem nie wieder auftauchen wird.

Wenn Sie eine Bilanz ziehen wollen zum 75. Geburtstag, wie würde die ausfallen?

Ich bin ein Mensch, der nie in den Rückspiegel schaut. Gestern ist für mich vorbei und gegessen und die einzige Hoffnung, die ich mit 75 habe, ist, dass es irgendwann eine Pille gibt, die mir erlaubt, noch 20 Jahre zu singen. Das wäre mir am allerliebsten.

Altwerden ist nichts für Feiglinge, hat Bette Davis gesagt. Wie geht es Ihnen damit?

Es stimmt, Älterwerden ist nichts für Feiglinge. Man macht viele verschiedene Phasen durch, körperlich und ebenso im Kopf. Man hat auch mit Menschen zu tun, die gegenüber einem gewissen Alter wie meinem Vorurteile haben. Man braucht schon eine ziemlich dicke Haut, um manche Sätze über sich zu lesen. Etwa wenn einer schreibt: Warum singt der alte Sack noch ... Da muss man die Größe haben drüber zu stehen. So ist unsere Welt nun mal.

Welche Bedeutung hat dieses Jubiläum für Sie?

Ehrlich gesagt spielt Alter für mich keine Rolle. Diese Zahl 75, die ist für mich peripher. Die ist nicht in mir drin. Ich fühle mich vom Kopf überhaupt nicht wie 75. Vielleicht liegt das ja daran, dass ich in der Musikbranche arbeite. Vielleicht sind es die jungen Menschen, mit denen ich dauernd zu tun habe. Ich komme gut mit den Jungen zurecht. Im Grunde spreche ich genau deren Sprache. Ich bin kein alter, weiser Mann. Jedenfalls glaube ich nicht, dass ich mich wie einer anhöre. Ich verlange auch nie Respekt wegen meines Alters. Das ist, glaube ich, ein Fehler, den viele alte Menschen machen. Ich verlange höchstens Respekt für meine Leistungen – oder hoffentlich für die Art, wie ich bin.

Sie sind ein Mann, der sich die meisten Wünsche wahrscheinlich bereits erfüllt hat. Dennoch: Was wünschen Sie sich zum Geburtstag?

(lacht) Das ist leicht: einfach mit meiner Familie gemeinsam essen gehen zu können. Aufgrund der derzeitigen Bedingungen ist noch nicht ganz klar, ob das klappen wird, weil wir aus drei verschiedenen Haushalten kommen. Aber ich war nie ein großer Geburtstagsmensch. Ich lasse mich privat nie so gerne feiern.

Weil Sie auf der Bühne ohnehin immer gefeiert werden?

Das stimmt, ja.

Letzte Frage: Wie finden Sie es eigentlich, wenn man Sie mit „Hello Again“ begrüßt?

Ich finde das sehr schön. Ich werde oft noch mit „Hello Again“ begrüßt. Auch Fernsehshows sind nach dem Song benannt. Es ist zu einem geflügelten Wort geworden.

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