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freizeit Leben, Liebe & Sex
10/24/2020

Cornelius Obonya: "Ich wäre gern länger Kind geblieben"

Cornelius Obonya wurde in die berühmteste Schauspielerdynastie Österreichs geboren. Im Gespräch erörtert er, ob sein Sohn in seine Fußstapfen tritt, spricht über die Chuzpe sich als „Jedermann“ auszugeben und seine Kritiker.

von Alexander Kern

Immer ein wenig schelmisch, mit angegrautem Dreitagesbart und dem Anflug eines Lächelns, dabei präzise formulierend: So kennen wir Cornelius Obonya, und so erleben wir ihn auch im Interview. Das funktioniert in natura wie auf der Bühne – und selbst im Zoom-Interview als Videoschaltung. Der 51-Jährige ist ein Vollblutschauspieler. Seinen Beruf nimmt er ernst und zugleich mit Humor; eine permanente Gratwanderung. Am heutigen Theater vermisst er das Pathos, die Konflikte, die Geschichten. Und schlüpft umso lieber in die Rolle des Dorfpolizisten, der nun im ersten Ausseerland-Krimi „Letzter Kirtag“ vor malerischer Kulisse auf ServusTV ermittelt. Die uniformierte Optik ist für Obonya entscheidend fürs Spiel, „ich entwickle eine Rolle von außen nach innen“. Seinen Stil erarbeitet hat er sich ab 17 am Reinhardt-Seminar, das er nach einem Jahr verließ, um beim Kabarettisten Gerhard Bronner zu lernen. Als „Jedermann“ in Salzburg trat er in die Fußstapfen seines Großvaters Attila Hörbiger. Obonyas Familie ist die der klingenden Namen: Großmutter Paula Wessely, Mutter Elisabeth Orth, Vater Hanns Obonya, die Tanten Christiane und Maresa Hörbiger.

freizeit: Herr Obonya, können Sie den Begriff Schauspielerdynastie eigentlich noch hören?

Cornelius Obonya: (lacht) Nein. Ich verstehe die Zuschreibung selbstverständlich, immerhin geht unsere Familie in der vierten Generation ans Theater. Aber für mich sind wir eine ganz normale Familie – die sich leider viel zu wenig sieht. Übrigens ist mir der Begriff „Dynastie“ viel lieber als „Clan“. Wenn ich das höre, sehe ich meine Familie in Schottenröcken über die Sümpfe stapfen, die Breitschwerter gezückt, um mit ihnen auf die Theatergeschichte einzuhämmern. Das tun wir nicht.

 

Hatten Sie überhaupt die Chance, etwas Anderes zu werden als Schauspieler?

Alle haben die stille Hoffnung, dass endlich einer in der Familie etwas Anständiges lernt. Das will nur nicht funktionieren. Wir impfen unseren Kindern aber nicht ein, sie müssten eine Tradition fortsetzen oder ein bestimmtes Level erreichen. Nein. Wer den Spieltrieb in sich spürt, wird damit innerhalb der Familie sogar, vollkommen zu Recht, mehr oder minder alleingelassen. Protektion bringt nichts. Oben auf der Bühne oder vor der Kamera ist jeder allein. Entweder man gewinnt oder verliert. Aber das muss jeder mit sich ausmachen.

Ihr Sohn Attila ist 14 Jahre alt. Spüren Sie, er könnte ebenfalls eine Laufbahn auf der Bühne einschlagen?

Er weiß, worum’s geht. Er kennt die Positiva. Die Negativa noch nicht, woher sollte er auch. Ich werde ihm jedenfalls keine Steine in den Weg legen. Das Einzige, was zu verlangen ist: nicht erst in den Beruf hineinriechen. Wenn du es spürst, diesen Weg einschlagen zu wollen, dann musst du es auch tun. Sonst überlebt man in diesem Beruf nicht – oder wird vollkommen unglücklich. Er wird spüren, was er möchte, da bin ich mir sicher. Vielleicht wird er auch Zahnarzt, Banker oder Industrieller – und verdient endlich das Geld, das wir gerne hätten. (lacht)

Sie haben auf jeden Fall schon als kleiner Bub den Drang verspürt, Geschichten zum Leben zu erwecken.

Als Kind habe ich mir selbst Geschichten erzählt und sie auf Tonband aufgenommen. Ich erinnere mich an eine Kassette, die im Wilden Westen gespielt hat. Ich fand die Filme über Winnetou und Old Shatterhand als Kind sehr schön. Gedreht wurden sie im ehemaligen Jugoslawien, aber für mich war das damals Amerika. Ich habe allerdings auch den „Club 2“ nachgespielt.

Dann müssen Sie aber ein sehr erwachsenes Kind gewesen sein.

Ja. Meine Mutter hatte mir immer den Zugang zu allen Informationen ermöglicht. Aber dieses frühe Erwachsensein ist auch der Tatsache geschuldet, dass mein Vater so früh gestorben ist. Danach habe ich mit meiner Mutter mehr oder weniger alleine gelebt. Sonst wäre ich vielleicht viel länger Kind geblieben.

Fühlten Sie sich auf eine gewisse Art für die Familie verantwortlich?

Das kam ganz automatisch. Mein Vater war ein eher altmodischer Mann, Jahrgang 1922. Immer als er von daheim wegging, hat er zu mir gesagt: Jetzt bist du der Herr im Haus – das hat sich mein sechsjähriges Ich stets zu Herzen genommen. Auch danach, als ich verstanden habe, was das heißen kann oder soll. Als er starb, war es für mich ein natürlicher Vorgang, diese Rolle erfüllen zu wollen. Obwohl das im Alter von neun Jahren mehr eine Vorstellung war.

Haben Sie sich später gedacht, Sie wären gerne länger Kind geblieben?

Ja. Ich wurde relativ früh in eine Art Ernsthaftigkeit gestoßen. Andererseits konnte ich dadurch meine Kindheit zum Beruf zu machen. Und ein Beruf ist es tatsächlich, verbunden mit viel Arbeit und auch Angst. Es ist kein Wohlfühlprogramm, das mich mit der Leichtigkeit meiner Kindheit Geld verdienen lässt. Den Mut des Kindes gilt es mit Technik zu unterfüttern, um vor tausenden Menschen behaupten zu können: Ich bin Jedermann. Oder Hamlet. Letztlich wollen wir aber vor allem eines: vor dem Publikum bestehen.

Wie sieht es mit Kritikern aus?

Der Kritiker an sich hat mich nie besonders gestört. Natürlich ärgere ich mich, wenn eine Kritik schlecht ausfällt. In Österreich ist sie leider öfter unterfüttert mit unsachlichen, persönlichen Angriffen. Das schätze ich nicht.

Publikum wie Kritik erwartet jetzt ein neuer Fernsehkrimi, in dem Sie die Hauptrolle spielen und der im Ausseerland spielt. Wie gut kennen Sie das Land?

Mein Heimvorteil ist, dass ich das Land seit 35 Jahren kenne. Meine Mutter hat dort einmal ein Haus gebaut. Ab und zu sind wir draußen, zum Skifahren oder im Sommer.

Und die Menschen?

Die Ausseer sind unendlich selbstbewusst. Und sie sind knorrig, wie viele Menschen im alpinen Raum, die mit den Bergen vor dem Gesicht umgehen müssen. Ihre Klarheit und Direktheit macht mir Freude. Eindeutig, ein eigener Menschenschlag.

Die Lust aufs Land nimmt allgemein zu. Hat das mit einer gewissen Sehnsucht nach Idylle zu tun?

Absolut, und diese Sehnsucht ist großteils ein Missverständnis. Es ist ähnlich wie mit „Heimat“. Die kommt mittlerweile in jeder zweiten Lebensmittelwerbung vor. Nicht falsch verstehen, ich schätze Regionalität – meine Paradeiser müssen nicht aus Spanien stammen. Aber wir müssen aufpassen, wie wir mit diesen Begriffen umgehen. Sie bieten Aufsprungsmöglichkeiten für Extremisten aller Art. Die wünschen sich dann die Heimaterde herbei, Frauen zurück an den Herd oder ein Nein zur Abtreibung – wenn solch ein Weltbild befördert wird, dann nein danke!

Tragen Sie eigentlich Tracht?

Sie sind ja in Wien geboren.Ich trage Tracht, aber grundsätzlich nicht in der Stadt. In Wien hat das nichts verloren, diese Form der politischen Zeichensetzung ist mir zu massiv. In Wien sollte eine gewisse Internationalität herrschen. Ich besitze allerdings eine Lederhose, die trage ich gerne, wo sie hingehört: ins Ausseerland. Es gibt hier drei verschiedene Arten von Lederhosen, an der Faltung am unteren Ende erkennt man genau, woher eine ist. Ich trage aber nie Volltracht. Ich breche das gern mit etwas Städtischem.

Vielseitigkeit liegt Ihnen auch beruflich, Sie halten Lesungen, führen mit Ihrer Frau bei Opern Regie, machen Theater, drehen für Film und Fernsehen.

Dennoch gibt es etwas, das ich mir mit Sicherheit nicht zutraue: einen Roman schreiben zu können. Das liegt mir einfach nicht. Selbst den Versuch, Tagebuch zu führen, habe ich nach dem fünften Mal abgebrochen. Dabei sollte ich das gerade jetzt tun. Je älter man wird, desto weniger erinnert man sich an viele Dinge.

Wie erinnern Sie sich an die mehrmalige Zusammenarbeit mit Ihrer Frau Carolin Pienkos?

Birgt die Vermischung beruflich und privat keine Tücken? Das sind inhaltliche Auseinandersetzungen, nach der Probe sind die in einem abendlichen Gespräch geklärt. Wir ticken unendlich gleich, sowohl privat als auch beruflich, das stellt das größte Lebensglück dar, das ich mir jemals hätte vorstellen können. Ich kann gar nicht oft genug mit ihr zusammenarbeiten. Und ich gebe zu, was man sich ja kaum noch auszusprechen traut: Ich bin sehr glücklich.

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