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freizeit Leben, Liebe & Sex
05/29/2020

Fear of going out: Die neue Angst vor dem alten Leben

Am Ende des verordneten Stillstandes tun sich viele schwer damit, ihre Wohnungen zu verlassen. Was die Angst über unsere Gesellschaft verrät.

von Julia Pfligl

Es waren nur vier Buchstaben, die das Lebensgefühl der Generation Internet auf den Punkt brachten: FOMO – die fear of missing out, also die Angst, etwas zu verpassen – machte in den vergangenen Jahren vielen Millennials zu schaffen. Zwar ist die Angst per se so alt wie die Menschheit selbst, durch die sozialen Medien wurde das nagende Gefühl aber ständig genährt.

Dann kam das Virus und führte das Konzept von FOMO schlagartig ad absurdum. Außer Zoom-Dates gab es nichts mehr zu versäumen, weil Kinos, Bars und Urlaubsorte die Läden dichtgemacht hatten. Nachdem der erste Corona-Schock überwunden war, entdeckten viele Menschen – nicht nur Millennials – die Vorzüge der kollektiven Isolation: Ohne schlechtes Gewissen (und BH und Make-up und Rasur ...) in Jogginghosen daheim zu bleiben, fühlte sich befreiend an. Keine verpassten Konzerte, kein Freizeitstress, kein Neid auf anderer Menschen Urlaube. Stattdessen eine offiziell verordnete Auszeit, die alle auf dasselbe Level beförderte.

FOGO löst FOMO ab

Mit den Lockerungen der Ausgangsbeschränkungen macht sich nun ein neues Phänomen breit. Fear of going out (FOGO) nannte es der Ratgeber-Autor Mark Manson auf seinem Blog als FOMO-Antithese – die Angst, hinauszugehen. Trotz neuer alter Freiheiten bleiben viele Menschen lieber in ihren Wohnzimmern, Wirte und Hotels klagen über magere Auslastungen. Der Gedanke an die Rückkehr ins Büro, in eine Welt aus Smalltalk, Terminstau und Funktionierenmüssen, verursacht vielerorts Magenschmerzen.

Dies kann verschiedene Gründe haben, erläutert die Psychologin Regine Daniel, auf deren Couch auch viele Millennials Platz nehmen. Viele hätten Angst, sich selbst oder andere anzustecken, auch die Unsicherheit einer zweiten Welle spiele eine Rolle. Soziale Ängste würden bei jungen Erwachsenen aber generell zunehmen, beobachtet die Therapeutin. „Aufgrund der Digitalisierung müssen wir soziale Kontakte weniger üben. Der Shutdown kann soziale Ängste verstärken, weil man lange Zeit daheim bleibt. Dadurch steigt die Angst vor dem Draußen, weil es ungewohnter wird.“ Auch die Furcht vor Fehlern im sozialen Umgang hemmt die Rausgeh-Lust: „Unsere Leistungsgesellschaft hat die Folge, dass Ängste, nicht gut genug zu sein, häufiger werden.“

Das elastische Beinkleid ist freilich nur ein Symptom für die Gemütlichkeit, die sich in vielen Haushalten  breitgemacht gemacht hat. Diese bald gegen Jeans zu tauschen und in die Hektik des Alltags einzusteigen, bereitet vielen Kopfzerbrechen.  

„Der erste Schritt ist immer schwierig und es ist normal, dass auch eine gewisse Angst da ist“, beruhigt Persönlichkeitscoach und Mentaltrainerin Klara Fuchs.  „Angst lässt sich mit Fakten bekämpfen, indem ich mich etwa genau informiere, wo ich hindarf und was ich tun darf.“ Dazu zählt, Freunde zu treffen. Die Psychologin Regine Daniel rät, die Dosis an sozialer Interaktion langsam zu steigern – erst ein Spaziergang mit einer Freundin, in der nächsten Woche vielleicht zwei Treffen usw.

Auch beim Sport hilft es, mit anderen einen Termin zu vereinbaren, sagt Fuchs, eine ausgebildete Yogalehrerin. „Wenn wir eine Verpflichtung haben, die uns wichtig ist, fällt es uns leichter, etwas dafür zu tun. Wir dürfen wieder wandern, es gibt  Gruppentrainings in Parks und sogar die Studios öffnen bald.“    

Die Rückkehr ins alte Leben bedeutet nicht, dass man lieb gewonnene Lockdown-Gewohnheiten verwerfen muss, sagt Fuchs. „Das Wichtigste ist, zu reflektieren, was einem   gutgetan getan hat. Möglicherweise braucht es dafür neue und mutige Handlungen: etwa dem dem Chef sagen, dass man künftig mehr Zeit im Homeoffice verbringen möchte.“ 

Erlaubter Rückzug

Die Kulturwissenschafterin Beatrice Frasl, sie betreibt den feministischen Podcast „Große Töchter“, ist eine jener Influencerinnen, die im hippen Social-Media-Kosmos psychische Erkrankungen thematisieren. Auch über ihren eigenen Umgang mit Depressionen spricht sie offen. „Der äußere Ausnahmezustand hat mich beruhigt, weil er mit dem inneren zusammenfiel“, schrieb sie vor einigen Tagen anlässlich der Lockerungen auf Instagram. „Es war nicht nur in Ordnung, stillzustehen, es war angeordnet. Jetzt gehen alle weiter und ich stehe weiter still.“

Auf ihren Text erhielt Frasl viele zustimmende Reaktionen, größtenteils von jungen Frauen ohne Betreuungspflichten, wie sie betont . „Die Menschen, von denen ich Antworten bekam, empfanden das Wegfallen von professionellen und sozialen Verpflichtungen und Erwartungen als große Erleichterung. Es war okay, sich zurückzuziehen, weil es alle taten. Viele berichten, dass sich der Rückzug wie ein natürlicher Modus anfühlt, dem sie endlich nachgehen konnten.“

Die Rückkehr ins Hamsterrad werde daher von vielen als belastend empfunden, sagt Frasl: „Weil man nun wieder muss, obwohl man vielleicht gar nicht kann. Ich denke, dass der Lockdown vielen gezeigt hat, wie überfordert sie eigentlich waren und sie erleichtert hat, da sie endlich Ruhe hatten.“

Bereits vor Corona entdeckten viele Junge die Freuden am Stubenhockerdasein (was medial als JOMO, joy of missing out, tituliert wurde). „Auf den Millennials lastet sicher ein großer Druck: Es gibt beruflich wie partnerschaftlich unzählige Möglichkeiten und es entsteht der Anspruch, daraus das Beste zu wählen. Natürlich ist dann so eine Auszeit, in der alle weniger tun, angenehm“, analysiert Regine Daniel. „Der Druck kommt aber bald zurück.“

Vielleicht, sagt die Psychologin, sei die Krise ein Wendepunkt, an dem man sich selbst eine Frage stellt: Mit welchen Ansprüchen möchte ich leben? Wie möchte ich mein Leben führen, was ist mir wirklich wichtig?

An eine vereinzelte Gesellschaft, in der jeder gemütlich hinter seinem Computer verharrt, glaub sie nicht: „Wir sind soziale Wesen, wir brauchen die Gesellschaft anderer und nicht nur übers Internet. Ich denke, dass dieses Bedürfnis schon siegen wird.“