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freizeit Leben, Liebe & Sex
07/06/2020

Bussi Baba? Was die Krise mit dem Küssen macht

Tag des Kusses. Masken, Viren und Abstandsgebote haben den Kuss in Verruf gebracht – aber für wie lange?

von Julia Pfligl

Just eine Woche vor dem heutigen Tag des Kusses meldete sich das Gesundheitsministerium mit einer weiteren Empfehlung in Sachen Corona: Vorerst solle auf jegliche Art des Speichelaustauschs verzichtet werden, hieß es in einem Regelkatalog anlässlich der wieder geöffneten Bordelle.

Der Kuss steckt in einer Pandemie-bedingten Imagekrise, auch jenseits der Sexarbeit – schließlich gibt es für Coronaviren nichts Besseres als Schleimhäute und innigen Körperkontakt. Soll man also noch küssen – und wenn ja, wie viele?

Bei haushaltsfremden Personen gilt streng genommen nach wie vor das Gebot des physical distancing – zumindest bis man beschließt, einander näher zu kommen. Single-Coach Eva Fischer ortet zunehmende Verwirrung im Dating-Dschungel: "Corona hat einen neuen Zwischenschritt ins Kennenlernen eingebaut. Das ,Risiko‘ Kuss geht man erst ein, wenn ein paar Parameter mehr abgecheckt sind. Wie ,riskant‘ lebt die andere Person: Superspreader oder Einsiedler? Lohnt es sich, dafür ein Infektionsrisiko einzugehen?“

Intimer als Sex

Ähnliches beobachtet die Verhaltensforscherin Elisabeth Oberzaucher. "Der Kuss ist ein wichtiger Schritt beim Kennenlernen, auf diese Weise testet man, ob es passen könnte. Diese Informationsquelle ist momentan sozusagen nicht verfügbar.

Das bedeutet, dass man das Ganze vielleicht langsamer angeht und mehr auf die Alltagstauglichkeit achtet. Was kein Fehler ist." Außerdem erfordere die neue Situation ein rascheres Bekenntnis zur exklusiven Zweisamkeit, sprich: kein Knutschen mit anderen.

In Zeiten wie diesen sei ein Kuss – bekanntlich die Virenschleuder schlechthin – ein doppelter Vertrauensbeweis, sagt die Biologin. Manche Psychologen stufen ihn sogar als intimer ein als Sex. "Das liegt an der Mikroflora der Mundhöhle", formuliert es Oberzaucher unromantisch. "Da wimmelt es nur so vor Bakterien. Küssen ist de facto unhygienischer als der Sexualakt. Jetzt, wo Infektionskrankheiten ein Thema sind, wird dem Gegenüber beim ersten Kuss viel Vertrauen entgegengebracht."

Feiertag
Immer am 6. Juli findet der Internationale Tag des Kusses statt

Beim Küssen
flutet ein Hormon-Cocktail aus Oxytocin, Serotonin und Dopamin den Körper

Philematologie
heißt der Wissenschaftszweig, der sich mit dem Kuss beschäftigt 

34 Gesichtsmuskeln
werden während eines ausgedehnten Kusses aktiv

76 Tage 
hat ein 70-Jähriger im Laufe seines Lebens mit Küssen zugebracht. Durchschnittlich küssen Menschen zwei- bis dreimal pro Tag 

0,4 Sekunden  
dauerte das schnelle Bussi, das Prinz Charles seiner frisch angetrauten Diana am 29. Juli 1981 aufdrückte. Einer der kürzesten Hochzeitsküsse, aber wohl der berühmteste 

Dreckschleuder
Forscher aus Amsterdam stellten fest, dass bei einem zehnsekündigen Zungenkuss etwa 80 Millionen Bakterien übertragen werden

Aus evolutionsbiologischer Sicht hat der Kuss eine ähnliche Funktion wie das Impfen: Der Austausch der Keime wirkt wie eine Absicherung gegen bestimmte Infektionskrankheiten. So gesehen wird der romantische Zungenkuss die globale Distanzphase wohl locker überstehen. Aber wie sieht es mit dem Begrüßungsritual „Bussi links, Bussi rechts“ aus?

"Das Begrüßungsbusserl scheint mir massiv vom Aussterben bedroht", sagt Fischer. "Handshake ist da schon hygienischer, und die Japaner machen es uns ja mit einer leichten Verbeugung vor, wie es aussieht, wenn eine Kultur schon lange Vorsicht übt."

Schnüffelbussi

Je länger die Krise dauert, desto mehr Menschen werden wohl zu früheren Ritualen zurückkehren: "Die allgemeine Wahrnehmung ist, dass das Schlimmste vorüber ist und wir wieder zur Tagesordnung übergehen können", sagt Oberzaucher. Der Appell zur Eigenverantwortung nach drei Monaten strengster Vorgaben seitens der Regierung hätte zur Folge, dass viele Menschen nun weiterleben wie davor. "Sie übersetzen das in: Wenn ich einen Fehler mache, wird mir das schon jemand mitteilen."

So werde sich vermutlich auch das Wangenbussi wieder einschleichen. "Beim Küssen werden Glückshormone aufgebaut, soziale Bindungen gestärkt und aufrecht erhalten. Das gilt beim romantischen Kuss ebenso wie beim freundschaftlichen. Daher fällt es vielen schwer, darauf zu verzichten."

Ob die Bussi-Bussi-Gesellschaft ihren Namen in einem Jahr noch verdient, bleibt abzuwarten. Eva Fischer hätte da einen anderen Vorschlag – auch für Frischverliebte: "An den Nasenflügeln werden besonders viele Pheromone gebildet. Angeblich gab es vor 100 Jahren noch einen Schnüffelkuss, bei dem Liebende ihre Nasen aneinanderreiben. Vielleicht wäre das eine Abwandlung."

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