Viele der fast 700 Wildbienen-Arten sind auf eine Futterpflanze spezialisiert – und auf bestimmte Nistbedingungen.

© Dominik Linhard

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05/18/2020

Artenreichtum: Ein Naturgarten muss auch unordentlich sein

Viele Kleingärtner planen wie auf dem Reißbrett, dabei bräuchte es mehr Naturchaos, sagt die Expertin Paula Polak.

von Axel Halbhuber

Auch wenn man zwischen immergrünen Hecken mehr und mehr Blüten sieht: Das Thema Artenvielfalt ist im Kleingarten und auf urbanen Terrassen nur bedingt angekommen. Global 2000 will das mit dem „Nationalpark Garten“ ändern – und mit dem Fotowettbewerb dazu (siehe Info unten). Was naturnaher Garten und Balkon brauchen, weiß kaum jemand besser als Paula Polak, die auch in der Jury sitzt.

KURIER: Wie artenreich ist Österreich denn zwischen all den Thujenheckenburgen und sterilen Rasenflächen?

Paula Polak: Das Klischee stimmt nicht mehr ganz, es gab ein Umdenken. Vor 30 Jahren haben viele meine Wildpflanzen belächelt und gesagt: Die wachsen ja eh auf der freien Wiese. Aber heute wachsen sie nicht mehr. Das haben viele Leute verstanden, auch, dass es ein Bienensterben gibt – das ja nur Synonym für Insektensterben ist, aber Bienen sind so sympathisch.

Das stimmt. Ich versuche gerade einer wunderschönen Holzbiene bei mir einen Nistplatz anzubieten. Haben Sie einen Tipp?

Haha. Das ist eher schwierig, diese Wildbiene baut bis zu 40 Zentimeter lange Brutröhren in Totholz. Aber sie liebt als Nahrungspflanze Muskatellersalbei. Die Pflanzenauswahl ist wichtig, wenn man insektenfreundlich sein will. Sie müssen biologisch sein. Laut Studien findet man auf bis zu 90 Prozent der Pflanzen im Baumarkt Insektengifte. Damit zieht man dann die Bienen an und vergiftet sie gleich. Bei der Auswahl sind heimische Pflanzen gut, viele Insekten haben sich koevolutionär mit einer Futterpflanze entwickelt. Die Raupe vom Apollofalter frisst zum Beispiel nur an der weißen Fetthenne. Jene vom Zitronenfalter nur von zwei Gehölzen. Gut sind auch alle sogenannten Bauerngartenblumen, also blühende genutzte Pflanzen, von Lavendel über Ysop bis zur Ringelblume.

Kann man Artenvielfalt auch durch den Umgang mit den Pflanzen fördern?

Zuerst macht es die Mischung, mindestens 60 Prozent sollten Wildpflanzen sein. Die sollten zum Standort passen, dann gedeihen sie gut. Und sie sollten vielfältig sein, damit von Frühling bis Herbst immer etwas blüht. Und dann muss man die Pflanzen eben auch blühen lassen. Der Kardinalfehler ist zu viel Ordnung. Unsere Vorstellung von Ordnung ist eine andere als die der Natur. Ein Rasen soll zehn Zentimeter hoch sein, dann hat er Blüten drin – wenn man die richtige Mischung nimmt. Das schaut dann eh auch aus wie ein Teppich, aber eben ein bunter. Und Pflanzen, die im Herbst abwelken und einziehen, schneiden viele gleich bodennah ab. Aber Insekten legen ihre Eier oft in Stängel ein.

Dafür hängen ja dann eh alle ein Insektenhotel auf.

Naja. Nur ein Drittel der Wildbienen geht in hohle Stängel und Löcher – der Rest nistet im sandig-lehmigen offenen Boden, den es im Garten auch nicht gibt. Bei einer Erdglatze, die entsteht, wird jeder panisch. Wenn man da großzügiger ist, finden sich Bewohner. Insektenhotels sind schon gut, aber viele sind grottenfalsch. Und daneben lässt man am besten ein wildes Eck mit blühenden Wildpflanzen stehen, denn viele Wildbienen brauchen Futter und Nistplatz nahe beieinander.