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Freizeit
02/06/2021

Krimi und Kulinarik: Ein Menü nach Plan

Ein schüchterner Koch im neuen, weltumspannenden Thriller „Der neunte Arm des Oktopus“ zeigt, wie gut Krimi und Kulinarik zusammenpassen.

von Bernhard Praschl

Die Anfrage kommt kurzfristig herein. Ein Abendessen für sechs Personen soll Ricardo liefern. „Keine Kinder, keine Vegetarier.“ Drei der Kunden „seien Chinesen, aus Shanghai und Peking“, heißt es in Der neunte Arm des Oktopus, dem Romandebüt des deutschen Drogerieketten-Besitzers Dirk Rossmann.

Das Menü mundet, dumm nur, dass der brasilianische Catering-Koch beim Servieren neben einer kantonesischen Redensart auch etwas sehr Pikantes aufschnappt: die bedrohliche Existenz eines  tödlichen Sprengkopfs.

Nur zwei Monate nach Erscheinen wird der Thriller bereits in der achten Auflage gedruckt.  Wohl auch, weil die Konstellation in dem visionären Klima-Krimi so gefällt: Zwischen einem Haufen Bösewichter und real existierenden Personen wie der US-Politikerin Kamala Harris oder Bill Gates tummelt sich mit Ricardo da Silva ein Mann, der in diesem Genre zwar selten, aber kein Unbekannter ist: ein Koch aus Leidenschaft.

Einigen Lesern mag jetzt der Titel des alten Bestsellers von Johannes Mario Simmel einfallen: Es muss nicht immer Kaviar sein. Hier war der Held ein Londoner Privatbankier mit einem Faible für Frauen und das Kochen und Appetit auf Abenteuer. Der Wiener Autor servierte mit einem Hauch von James Bond eine kulinarische Story über einen Geheimagenten wider Willen, die selbst 60 Jahre nach ihrem Erscheinen durchaus im Trend liegt.

Für alle Geschmäcker

Denn wie bei seinen zeitgenössischen Kolleginnen Sophie Bonnet und Rita Falk finden sich jene Speisen, die im Buch verzehrt werden, im Anhang als Rezept. Simmel hatte sein Opus magnum zu einer Zeit verfasst, als eine Olive im Cocktail oder ein Käse-Igel schon als Extravaganz galten. Sein „Verzeichnis der Rezepte“ wartet mit Raffinessen wie Krebsschwanzsuppe, Steinbutt mit Austern oder einem Lemon Sponge Cake auf.

Auch nicht schlecht, was in Sophie Bonnets Provenzalischer Stolz, dem aktuellen Fall ihres Ermittlers Pierre Durand, alles an Köstlichkeiten aufgetischt wird: eine Paella Camarguaise sowie eine Fougasse d’Aigues-Mortes. Welche Speisen sich dahinter verbergen, erfährt man nebenbei. Genauso wie die Bedeutung, die sie in diesem Krimi haben.

Wer neben dem Nervenkitzel auch auf die Gaumenfreude aus ist, kann sich nach der Lektüre selbst am Herd versuchen. Quasi die Heimvariante der in manchen Restaurants beliebten „Dinner & Crime“-Abende. Aber man muss beileibe kein Hobbykoch sein, um einen Genuss daran zu haben, wenn Speisen und Spannung  harmonisch zueinander passen.

Reiberdatschi, Reiberdatschi?

Nicht, dass sich in kulinarischen Krimis der Plot zwingend um einzelne Delikatessen der Speisekarte drehen muss. Die „Reiberdatschi“ in Rita Falks bayerischem Provinzkrimi Guglhupfgeschwader spielen auch nur eine kleine, aber nicht unbedeutende Rolle.

Ja, es genügt sogar, wenn eine der Romanfiguren ein besonders inniges Verhältnis zu einer bestimmten Speise pflegt. So wie der  Held in Daniel Silvas mittlerweile bereits  achtzehn Bücher umfassenden Thrillerreihe rund um den Meisterspion Gabriel Allon. Hat dieser wieder einmal zwischen Wien, Washington und Tel Aviv die Welt gerettet, gibt es nur ein Mittel, um wieder zu Kräften zu kommen: das Risotto seiner Gattin Chiara.

Risotto with lemon and fresh basil. White wooden background

Dabei muss Daniel Silva, der US-amerikanische Bestseller-Autor, auch nicht viel mehr Worte verlieren als „Arborio-Reis, geriebener Käse, Butter, Weißwein und ein großer Messbecher mit selbst gekochter Hühnerbrühe“. Dazu noch eine „dicke Scheibe Ossobuco alla milanese“. Allein die Reaktion des Bekochten reicht aus, um sich nach dem Lesen nur zu gerne selbst daran versuchen zu wollen. „,Wie schmeckt’s?’ – ,Das sage ich dir, wenn ich wieder bei Bewusstsein bin.’“

Aufs Trinken nicht vergessen

Dabei kann auf das Essen auch ganz verzichtet werden, wie in Friedrich Dürrenmatts Klassiker aus dem Jahr 1958, Das Versprechen. Hier lassen es sich die beiden handlungsbestimmenden Kommissare mit einer „Flasche Châteauneuf-du-Pape von einem Restaurant in der Nähe“ und vielen Doppel-Cognacs so gut gehen, dass man sich direkt wundert, dass im Finale doch noch der Täter gestellt wird.

Martin Walker, der schottische Autor mit Wohnsitz im Périgord, hat mit seinem  Bruno, Chef de Police, wiederum einen sympathischen Dorfpolizisten erschaffen, der gleich fünferlei beherrscht: Essen und hervorragend Kochen, Trinken und selbst Wein anbauen sowie  das  Vermitteln dazwischen – was man getrost auch als hohe Sozialkompetenz bezeichnen könnte.

In Menu surprise, seinem elften Fall, soll Bruno eigentlich Feriengästen regionale Geheimrezepte beibringen, wird jedoch von der Suche nach einer abgängigen  Kursteilnehmerin auf Trab gehalten. In Connaisseur, dem  zwölften und aktuellen Fall, darf Bruno sich auch nur kurz über seine Mitgliedschaft einer Wein- und Trüffelgilde freuen. Eine Studentin wird vermisst, die sich bald auf dem Anwesen des ältesten Gildenmitglieds findet – als Leiche.

Wie Gott in Frankreich

Wie von Sophie Bonnet – oder den Schriftstellerkolleginnen Donna Leon und Eva Rossmann – liegen auch von Martin Walker sowohl Krimis als auch Kochbücher vor. Darin lässt sich der Autor bereitwillig über die Schultern in die Kochtöpfe  schauen. Ob Trüffel, Käse oder Wein, verwendet werden ausschließlich Produkte aus der Region. Sich davon inspirieren zu lassen, ist ausdrücklich empfohlen. Um sich, wie der Verlag verspricht, „auch zu Hause wie Gott in Frankreich zu fühlen“.

Was für ein Unterschied zu der Zeit, als der Wiener Johannes Mario Simmel mit Es muss nicht immer Kaviar sein der Literaturgattung erstmals nachhaltig Futter gegeben hat. „Wir Deutschen, liebe Kitty, können ein Wirtschaftswunder machen, aber keinen Salat“, heißt es da zum Auftakt. Um dann sinnlich zu beschreiben, wie man in der Küche mit den zarten Köpfen „von zwei bildschönen Salatköpfen“ umgehen kann. Ein Genre war geboren, das Genre des „kulinarischen Krimis“.

Mahlzeit!

Dirk Rossmann: Ein Klima-Thriller, in dem ein Koch eine gewichtige Rolle spielt, kann das gelingen? Ja, überraschend gut sogar. Unternehmer Dirk Rossmann legt mit „Der neunte Arm des Oktopus“ einen echten Pageturner vor (Luebbe, 400 Seiten, 20,60 Euro).

Martin Walker: Dass kriminell-kulinarische Romane in Frankreich gut gedeihen, überrascht nicht. Eher, dass ihr Meister ein Schotte ist:  Martin Walker. In „Connaisseur“ ermittelt sein Dorfpolizist Bruno auf Haubenniveau (Diogenes, 448 Seiten, 24,70 €).

Friedrich Dürrenmatt: Statt Speisen stehen in Friedrich Dürrenmatts Krimi-Klassiker „Das Versprechen“ ein paar kräftige Schlucke an der Tagesordnung, sowohl von „leicht dubiosen Weinen“ als auch von einer Flasche Châteauneuf-du-Pape (dtv, 160 Seiten, 8,20 €).

Johannes Mario Simmel: Schon lange gilt es, Johannes Mario Simmel (1924-2009) wiederzuentdecken. Mit „Es muss nicht immer Kaviar sein“ gelang ihm 1960 der Durchbruch. Die Lektüre ist nach wie vor top (Droemer, 752 S., 9,99 €).

Daniel Silva: Agent Gabriel Allon liebt italienische Küche. Das Risotto seiner Frau Chiara gelingt auch zu Hause, veredeln kann man es mit Acquerello-Reis von Wein & Co („Die Attentäterin“, HarperCollins, 592 S., 11,30 €).

Rita Falk: Im zehnten Fall von Franz Eberhofer geht’s zu: In der Lotto-Bude gibt’s eine Explosion, am Tatort einen  Molotowcocktail.  Und Reiberdatschi gibt’s auch! Rita Falk, „Guglhupfgeschwader“ (dtv, 320 S., 11,30 €).

Sophie Bonnet: Hinter Sophie Bonnet verbirgt sich eine Hamburgerin. Die Provence nahm die Autorin so sehr gefangen, dass sie ihre Krimis wie „Provenzalischer Stolz“ hier ansiedelte. Gut so (Blanvalet, 368 S., 10,30 €).

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