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freizeit
04/05/2021

Kirchen-Architektur: Wie moderne Gotteshäuser aussehen

So wohnt Gott: Das sind die Kirchen von heute! In knapp 2000 Jahren haben sie sich mehr als einmal dramatisch gewandelt.

von Andreas Bovelino

Ein Haus für Gott zu bauen. Keine ganz einfache Aufgabe. Von den schlichten Basiliken des frühen Christentums wuchsen die Ambitionen der Bauherren und die Pläne der Architekten immer weiter, streckten sich quasi Richtung Himmel wie die gotischen Kathedralen, versetzten die Gläubigen der Renaissance und des Barock mit Prunk und gestalterischem Wagemut in atemloses Staunen.

Über Jahrhunderte war die Kirche der größte und wichtigste Auftraggeber für alle Kunstformen und erst recht für die „Mutter aller Künste“, wie schon Vitruv die Architektur bezeichnete.

Heute ist es eher umgekehrt, viele alte Kirchen werden umgewidmet, in schicke Bars oder Geschäftslokale verwandelt. Aber hier und da werden doch immer wieder neue Gotteshäuser gebaut. Und es sind einige der bedeutendsten Architekten der Gegenwart und der jüngeren Vergangenheit, die sich intensiv mit diesem modernen Kirchenbau auseinandergesetzt haben.

Als eine der „Urkirchen“ der Moderne und selbst schon wieder Statement für die Ewigkeit gilt Le Corbusiers Chapelle Notre-Dame-du-Haut im französischen Ronchamp, die Wallfahrtskirche „Unsere liebe Frau in der Höhe“. Ein Meisterwerk aus dem Jahr 1954, ohne das – da sind die Architekturkritiker einig – die berühmte Oper von Sydney kaum denkbar wäre, und das auch im 21. Jahrhundert nichts an Einfluss und Aktualität verloren hat.

Eine weiße Arche hat Corbusier in die herrliche Landschaft gestellt, kühn geschwungen, vor allem das Dach, wie gereffte Segel oder ein Krebspanzer. Seine zeitgenössischen Kollegen, die mit strengeren Formen gerechnet hatten, zeigten sich einigermaßen überrascht, heute gilt die Konstruktion als visionär. Dabei hatte der nicht praktizierende Calvinist Corbusier ursprünglich Bedenken, den Auftrag überhaupt anzunehmen.

Erst ein Lokalaugenschein des Ortes auf einem Hügel an der Burgundischen Pforte, der seit keltischer Urzeit praktisch kontinuierlich für religiöse Zeremonien genutzt worden war, ließ ihn umdenken. Und mit wahrer, beinahe spiritueller Begeisterung ans Werk gehen.

Österreich und die Welt

Wahre Begeisterung ist auch in der Kirche eines österreichischen Star-Architekten spürbar: Wolf D. Prix, preisverwöhnter Chef des heimischen Architekturaushängeschildes Coop Himmelb(l)au, baute in seiner Heimatgemeinde Hainburg die mehrfach ausgezeichnete Martin Luther Kirche (siehe auch ganz oben). Ähnlich wie Corbusier fand Prix direkt vor Ort die richtige Eingebung. „Der romanische Karner der ehemaligen Martinskirche in Hainburg war eine Quelle der Inspiration“, erklärte Prix 2011, in einem Interview.

Und so entwarf der nicht praktizierende Katholik Prix eine evangelische Kirche, die den Gläubigen als Abendmahltisch empfängt, mit einer Trinität von Lichtöffnungen im Dach, einem beinahe filigranen, an eine göttliche Stimmgabel erinnernden Campanile – und mit Offenheit, Schlichtheit und Würde im gesamten Inneren des Baus. „Alles hat kirchlichen Charakter“, sagt Prix über sein Bauwerk. Und hat Recht, auch wenn es nicht unseren traditionellen Sehgewohnheiten entspricht.

Wer sucht, findet neue, beeindruckende Kirchenbauten praktisch auf der ganzen Welt. Cino Zucchis Auferstehungskirche in Mailand etwa oder die Chapel of St. Lawrence von Ville Hara und Anu Puustinen in Finnland oder die Holy Rosary Catholic Church in Louisiana. Ein guter Teil des Œuvres von Mario Botta besteht aus Sakralbauten, darunter die berühmte San Giovanni Battista im Bergdorf Mogno in der Schweiz. „Wenn ich könnte, würde ich nur Kirchen bauen“, sagt der Star-Architekt selbst.

Das innovative portugiesische Architekturbüro e|348 arquitectura stellte vor wenigen Jahren eine so schlichte wie schöne Kirche ins Hinterland Portos: Capela Santa Ana in Sousanil. Und in Bregenz wurde erst diesen Winter eine Kirche der Vorarlberger Architekten Michelangelo Zaffignani und Rene Bechter eingeweiht. Ein Haus des Glaubens als klares Statement, ohne Schnickschnack, aber mit bestechend reiner Formensprache.

Und das ist ja vielleicht, was die neuen Kirchen ausmacht: Sie haben den Ehrgeiz, in den Himmel wachsen zu wollen, abgelegt. Sie sind Gotteshäuser, die hierher gehören: mitten unter die Menschen.

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