© Andreas Bovelino

freizeit
10/29/2020

Herrenzimmer: Selbst ist der Mann!

Ein altes Kulturgut erlebt derzeit ein grandioses Revival: Heimwerken liegt derart im Trend, dass sogar ein ehemaliger König des Genres aus dem Ruhestand zurückkommt. Eine Annäherung.

von Andreas Bovelino

Endlich. Es ist so weit. Die Ärmel sind aufgekrempelt, es wird gehämmert und gesägt, geschnitten, gebohrt, gedübelt und weiß Gott was alles verlegt. Männer tun wieder, was ursprünglich ganz tief in ihnen steckte und nur durch Stress, Zeitmangel und ja, sagen wir es, wie es ist, auch aus Bequemlichkeit – „Kauf ma neu!“, „Lass ma machen!“, „Schatz, ich ruf den Notdienst an!“ – in Vergessenheit geraten ist: sie heimwerken.

Und zwar richtig. Auf 15 bis 30 Prozent belaufen sich die Umsatzsteigerungen bei deutschen und österreichischen Baumärkten fürs erste Halbjahr 2020. Und der Trend wird anhalten, meint der renommierte Wirtschaftsexperte Gerrit Heinemann: „Weil durch weggefallene Urlaubsreisen  Budgets freigeworden sind.“

Baumarkt statt Pub

Außerdem bestätigt sich, was einige Damen  wohl immer schon gedacht haben: Wofür Mann nicht alles Zeit hat, wenn Pub-Besuch, Fußball, Clubs, Herrenabende und Konzertbesuche als Ablenkung zumindest teilweise wegfallen. Und tatsächlich, wer heute einen x-beliebigen Baumarkt besucht, sieht immer wieder Gruppen von Männern im besten Alter, die quasi zwischen Echtholzböden, Kabeltrommeln und Abflammgeräten abhängen.

Ganz wie in den 1990ern der berühmteste Heimwerker der Welt, Tim Taylor in „Hör mal, wer da hämmert!“ Und ganz wie in der TV-Serie gibt es auch heute im Baumarkt keine Standesdünkel, der Flugkapitän fachsimpelt mit dem Briefträger, der Banker mit dem Pizzamann, Hauptsache man kennt sich aus, weiß, welche Dübel man für die alte Ziegelwand benötigt, wie man am besten eine  festgefressene Madenschraube entfernt, welcher Fliesenkleber für Naturstein-, Terrazzo- oder Keramikfliesen geeignet ist und welcher nicht.

Man denkt unwillkürlich an die längst ausgestorbenen Auskenner-Plattenläden, in denen man sich kaum nach einem halbwegs bekannten Titel zu fragen traute. Weil man die verächtlichen Blicke von Verkäufern und Stammkunden fürchtete, deren Diskussion  über die Bedeutung des nicht in den Credits genannten Assistenztontechnikers der egendären ersten und einzigen Aufnahme dieser Band, die sich nach einem nie veröffentlichten Beatnik-Poeten benannt hatte, man aus einem banalen Grund unterbrechen müsste.  Da fragte man nicht einfach nach der neuesten Madonna.

Wer weiß Rat?

Also: Eine Bohrmaschine? Ja, aber welche, Schlagbohrer oder normal, oder vielleicht gar einen Bohrhammer, was für Stein und Beton oder eh nur für den Selbstzusammenbaukasteb, dann reicht nämlich ein Akkuschrauber. Und was für Bohrfutter? Für Ziegel, Stein, Beton oder für Holz und wenn ja, für welches Holz?

Wieso wissen die Jungs im Baumarkt das alles? Wo doch die Väter des alten Jahrhunderts, die aus irgendeinem Grund alles konnten, eher selten die Geduld aufbrachten, um ihre Söhne in die Magie der Monierzangen, Nippelspanner und Mutternsprenger einzuweihen.

Aber natürlich, das Internet weiß Rat. Zum einen bieten Baufachgeschäfte mittlerweile detaillierte Anleitungen für Reparaturen aller Art, aber auch  für die Fertigung neuer Möbel. Eine wirklich coole Couch aus Europaletten etwa, inklusive Bierhalter in der Armlehne. Oder Pläne für die Verarbeitung von Altholz, wunderbare, charakterstarke Tische, Regale und Kommoden. Man macht so ein Teil, ein einfaches für den Anfang, fährt dann mit der Hand über die perfekt versenkten Schrauben, setzt sich drauf – und spürt ein Gefühl, das viel zu selten geworden ist: völlige Zufriedenheit.

Zum anderen gibt es auf YouTube veritable Stars in der Heimwerkerszene (siehe unten). Praktisch die Tim Allens des neuen Jahrtausends. Aber seriös.

Apropos Tim Allen

Wie stark der Trend zum Selbermachen geworden ist, zeigt auch, dass der Schauspieler zu einem Comeback mit seinem Flanellhemd-Partner Richard Karn alias „Al“ überredet werden konnte. Allerdings will er nicht mehr den chaotischen Heimwerkerkönig spielen, sondern moderiert eine Show mit echten Tipps und Anleitungen: „Wir schmeißen viel zu viel weg. Es wird Zeit, dass wir wieder lernen, Dinge zu reparieren“, sagt er. Und das klingt doch richtig stark.

DIE NEUEN HEIMWERKERKÖNIGE AUF YOUTUBE

„Woodworking for Mere Mortals“ – Der Amerikaner Steve Ramsey ist der ungekrönte König des DIY.  UND echt witzig. Jetzt auch für Gärtner und Häuselrenovierer.

„Fynn Kliemann“ – Der 29-Jährige ist der wahre Erbe des Heimwerkerkönigs Tim Taylor. Wagemutig, mit schrägen Ideen und ein bissl patschert.

„Let’s Bastel“ – Noch ein deutschsprachiger Kanal, auch ein wenig abgedreht, aber auch sehr professionell und mit wirklich guten Tipps.

„This Old House“ – Eine Legende unter den YouTube-Kanälen, knapp 1,6 Mio Abonnenten verfolgen Videos in Sachen Holzarbeit, Hausrenovierung, Dachdeckerarbeiten, Technik und Elektrik.

„die Frickelbude“ – Tipps von einer Heimwerkerin? Ja, starke Männer wissen das zu schätzen.

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