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freizeit Leben, Liebe & Sex
09/20/2020

Taschenmesser: Scharfe Sache

Früher waren Taschenmesser fixer Bestandteil des Erwachsenwerdens, dann gerieten sie in Vergessenheit. Jetzt sind die kleinen Dinger wieder groß da - sogar als künstlerisches Statement.

von Andreas Bovelino

Was ein Feitel ist? Ganz einfach, ein Taschenmesser. Ohne Schnickschnack. Durch und durch zweckmäßig. So eines wie Opa hatte, der damit auch die härteste Bauernsalami schneiden konnte, indem er sie einfach am Daumen anlegte, und das Messer mit den restlichen Fingern dagegendrückte.

Okay, sein Daumen war hart wie ein Schneidbrett – und ähnlich zerklüftet. Und meistens war’s dann auch der Opa, der dem Enkel zum Leidwesen der Mutter sein erstes Taschenmesser geschenkt hat. Nach dem Motto: „A richtiger Bua braucht an Feitel und a Schnur.“

Und auch wenn das Figurenschnitzen dann nicht so hinhaute wie bei „Michel aus Lönneberga“, konnte man doch immer und jederzeit an einem Stück Holz herumsäbeln und sich dabei fühlen wie Tom Sawyer. Der große jugendliche Abenteurer der US-Literaturgeschichte war im Gegensatz zum schwedischen Lausbuben künstlerisch auch nicht sonderlich begabt und beließ es hauptsächlich beim Stöckchenspitzen. Es geht ja ums Feeling, meine Herren, um alles, was mit so einem Teil mitschwingt, man muss nicht gleich zum Herrgottschnitzer werden deshalb.

Selbst ist der Mann

Die Zeiten, in denen man so ein Taschenmesser tatsächlich vom Opa bekommen hat, sind natürlich längst vorbei. Man ist vorsichtig geworden mit den Kindern und Messer sind doch viel zu gefährlich, beim Schnitzen verletzt man sich viel zu schnell, an einem Ast rumzuschnipseln muss doch auch wirklich nicht sein in der Stadt, und weiß Gott, was da sonst noch alles passieren kann. Klar, alles schon gehört und vielleicht auch selbst gesagt.

Dafür kaufen sich heute Männer jeder Altersstufe selber eines, und man findet Taschenmesser im Handschuhfach des Jaguars eines Erfolgsarchitekten genauso wie in der schräg umgehängten Skiwimmerl des Start-up-Hipsters und in der Hosentasche des distinguierten Rechtsanwalts. Gut, einfach „eines“ zu sagen, wird diesen Taschenmessern nicht gerecht, immerhin ist eines der begehrtesten unter ihnen ein Ausstellungsstück im New Yorker Museum of Modern Art: das  französische Opinel.

Ein Taschenfeitel, wie es im Buch steht. Eine Klinge aus acht entimeter langem Kohlenstoffstahl, Buchenholzgriff, basta. Vor 130 Jahren kreierte Joseph Opinel im französischen Alpendorf Albiez-le-Vieux  ein kleines, robustes Messer für die Bauern der Region. Ein Klappmesser, das man bequem und ohne Gefahr im Hosensack transportieren konnte, das keine Scheide benötigte und das trotzdem voll funktionstüchtig war, alles andere als ein Spielzeug. Ein Messer für Männer, die arbeiten – und sich hin und wieder auch eine Jause gönnen.

Alles, was Mann braucht

Dabei war das Opinel natürlich nicht der erste Feitel. Schon die alten Kelten vor 2.700 Jahren wussten die Vorzüge dieser Messerart zu schätzen, die Römer ebenso, und in Frankreich gab es mit dem Laguiole einen veritablen Platzhirsch, der auch heute noch bei Sammlern unglaublich beliebt ist. Zu Recht, denn die spanisch-arabisch inspirierte Klinge mit Griffen aus Oliven- und Wacholder-Holz sucht, was Eleganz anbelangt, ihresgleichen. Das Opinel überzeugte dagegen durch eine kompromisslose Kosten-Nutzen-Rechnung. Nichts Überflüssiges, nichts „nur“ Schmückendes, quasi der VW Käfer, die Ente oder der Cinquecento unter den Messern.

Zusätzliche Features kamen übrigens bei beiden Messer-Typen relativ früh zum Einsatz. Beim Laguiole war das erste hinzugefügte Werkzeug der sogenannte Trokar, eine Art Ahle, mit der gefährliche Blähungen von Rindern durch Punktion gelindert werden konnten. Die zweite Erweiterung für beide Hersteller war für alle Nicht-Rinder-Hirten die wesentlich wichtigere: der Korkenzieher.

Die Dinge, die man aus- und einklappen kann, wurden im Lauf der Zeit mehr und mehr, bis wir es schließlich mit einem absoluten Phänomen zu tun hatten: dem Schweizer Taschenmesser. Eigentlich heißt es ja Schweizer Offiziersmesser. Auch wenn es 1890 eigentlich als Soldatenmesser erfunden wurde. Die ursprünglichen Werkzeuge übertrafen das Angebot der Konkurrenz von Beginn an: Neben der Klinge beinhaltete es Dosenöffner, Ahle und Schlitzschraubenzieher. Also wirklich alles, was ein Soldat so brauchen kann.

Ab 1897 hieß es dann Schweizer Offiziers- und Sportmesser, für die zivile Welt wurde es bald mit Schere, Pinzette, Fingernagelreiniger, Feile, Zahnstocher, Holzsäge und dergleichen erweitert. Mittlerweile gibt es sogar Pitchgabeln für Golfer. Das Erstaunliche daran: All diese kleinen Gimmicks funktionieren tatsächlich.

Und sind, wie der Taschenfeitel bei Wanderungen, beim Camping, aber manchmal auch einfach im  eigenen Garten oder auf der Terrasse durchaus nützlich. So ein Ding für alle Fälle – welcher Mann hätte das nicht gerne?

Ein Feitel als Kulturerbe

Dass man ganz ohne Schnickschnack aber auch gut zurechtkommt, haben unsere Altvorderen jahrhundertelang bewiesen. Und zwar genau hier in Österreich, wo die Kelten ihre Taschenmesser erfunden haben. Passend dazu wurde ausgerechnet ein österreichisches Taschenmesser von der UNESCO zum Kulturerbe erklärt. Der Trattenbacher Taschenfeitel. Er kommt aus dem „Tal der Feitelmacher“ im oberösterreichischen Steyr-Land, wo seit Jahrhunderten Taschenmesser hergestellt werden. Ganz einfach. Einfach gut: Feiteln.

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