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freizeit
05/31/2021

H. C. Artmann: Bürgerschreck aus Breitensee

Am 12. Juni hätte der fantasievollste Schriftsteller Österreichs 100. Geburtstag: H. C. Artmann – der poetische Bonvivant und „Lauscher an Nachtigallenschnäbeln“. Erinnerungen.

von Michael Horowitz

Ich hatte das Glück, H. C. Artmann zu kennen. Vor mehr als 30 Jahren brachte uns Helmut Qualtinger zusammen. Bei zwei, drei Achterln. Nach einer Lesung aus „Die letzten Tage der Menschheit“. Immer wieder besuchte ich Artmann dann. Wir unternahmen spontane Ausflüge in schattige Wirtshausgärten, manchmal auch gemeinsame Reisen. Wo immer wir hinkamen, stellte er mich als mein Freund vor.

Als ich ihn fragte, ob er zur Präsentation meines „Menschenbilder“-Buches nach Hamburg mitkomme, sagte er nur: „Wann müss ma in Schwechat sein?“ – „Um 7 Uhr.“ Pünktlich um 6.15 Uhr stand er vor seiner Haustür.

Einmal erzählte ich ihm, dass mich Niki Lauda zu seinem Eröffnungsflug nach Danzig eingeladen habe. „Da würde ich gerne mitkommen …“ Am nächsten Tag streiften wir durch die polnische Ostsee-Hafenstadt. Vor dem Neptunbrunnen mit dem bronzenen Meeresgott erzählte mir H. C. von seinem Vater, einem Schuster, den er gern als Seemann gesehen hätte. Und von erträumten Abenteuern in fiktiven, weit entfernten Kontinenten.

Ewiger Grenzgänger

Eines Tages sagte ich, dass ich ein Buch über ihn schreiben möchte. „Ja, fein“, war seine spontane Antwort. Erschöpft von einem Leben aus Euphorie und Einsamkeit, Tatendrang und Traurigkeit, barocken Allüren und tiefer Melancholie erzählte er mir dann immer wieder. Ein ewiger Grenzgänger zwischen Realität und Fantasie sitzt mir gegenüber. Ein Mensch mit der Neugier eines Kindes, der ein Leben lang im Windschatten der Poesie segelt. Er berichtet von Erfolgen und Exzessen, dass er nie vernünftig gelebt und pro Zeile eine Zigarette geraucht habe – „Soll ich jetzt mit fast achtzig das Rauchen aufgeben?“, meinte er wenige Wochen vor seinem Tod.

Artmann spricht – aufrecht und frisch rasiert in seinem Lederfauteuil sitzend – von den schrulligen Figuren seiner Kindheit in Breitensee, der abenteuerlichen Flucht aus der Kriegsgefangenschaft, dem Exil in Berlin. Wo er einen Twist-Tanzwettbewerb gewinnt und Günter Grass die Freundin ausspannt. Oder von seinen Abenteuern in Los Angeles. Wo er nachts gemeinsam mit Helmut Qualtinger das Grab der Marilyn Monroe sucht.

Ich erlebe einen Rebell im Ruhestand. Einen Lauscher an Nachtigallenschnäbeln, für den die Sprache eine erogene Zone ist. Im Sommer 1921 kommt Hans Carl im 14. Hieb zur Welt, wächst in einem winzigen Kabinett mit Fenster auf die Gasse auf. Zwischen Breitenseer Bassena und der Poesie der Wiener Vorstadt. Bereits als Vierzehnjähriger, im B-Zug der Hauptschule, beginnt er wie besessen zu lesen, erlernt durch Selbststudium viele Sprachen. Am 14. April 1945 verfasst der 24-Jährige sein erstes Gedicht, eine Liebesballade: „Unter Blütenbäumen“. H. C. widmet es der Tochter eines Müllers, einer Unschuld vom Lande.

Im chaotischen Wien der Nachkriegszeit arbeitet er als Dolmetscher bei den Amerikanern. Und versucht sich als Edel-Statist am Burgtheater. Er darf Faust und Mephisto – Ewald Balser und Albin Skoda – Stichworte geben. Später lockt auch der Film: Eine kurze Szene im Kinoklassiker „Der dritte Mann“. Der Satz Was halten Sie von Joyce? wird vom Kleindarsteller zu dialektgefärbt gesprochen – und rausgeschnitten. In dieser Lebensphase gibt es jede Nacht exzessive „Kaffeehaus-, Keller- und Kneipenexerzitien“.

1951 wird der „Art Club“ als Treffpunkt der künstlerischen Avantgarde in Wien gegründet: Man pflegt Savoir-vivre im Souterrain. Gerne tritt auch ein schlanker, soignierter Herr nachts hier auf. Was er tagsüber macht, weiß niemand. Irgendwann sickert durch, der Mann sei Dichter. 1953 verkündet dieser die „acht-punkte-proklamation des poetischen actes“. Als Protest gegen das „konventionelle, anonyme, normative“ initiiert H. C. eine „poetische demonstration“: Die Teilnehmer mit weißgeschminkten Gesichtern deklamieren – begleitet von Lampionträgern – Texte von Baudelaire, Poe und Trakl. Und verursachen ein Verkehrschaos in der Wiener Innenstadt.

Um H. C. Artmann hat sich schon ein Jahr zuvor die „Wiener Gruppe“ formiert, ein Kreis experimenteller Schriftsteller wie Friedrich Achleitner, Konrad Bayer, Gerhard Rühm und Oswald Wiener. Aus verschiedensten künstlerischen Sphären stammend, sind sie sich in der Zersplitterung und Neuordnung der literarischen Form einig, wollen aufrütteln, Kunst und Leben verbinden.

„med ana schwoazzn dintn“

1958 erscheinen die Dialektgedichte „med ana schwoazzn dintn“. Poesie pur. Artmanns erster wirklicher Erfolg. Eines Dichters, der die Menschen über den Dialekt zur Lyrik bringt. Der Band mit den Balladen aus der Vorstadt wird zur literarischen Sensation Wiens, H. C. zum populären Volksdichter. Man spricht in der Tramway über ihn. Der dichta aus bradnsee erhält erstmals Honorare. Jeden Ersten 4.000 Schilling – „am 10. hatte ich nur mehr 400, mit denen musste ich mich bis zum Monatsende durchg’fretten ...“

Und der plötzlich berühmt gewordene Artmann bekommt eine Gemeindewohnung zugewiesen. Nach einiger Zeit folgt jedoch die Delogierung – wegen permanenter nächtlicher Ruhestörung und massivem Mietrückstand. Die schulterklopfende Anerkennung ufert aus. Es wird zu eng in Wien. Mit einer schwedischen Studentin flüchtet H. C. nach Stockholm. Später findet er in Berlin Asyl. Nach diesen wilden Zeiten reist der ruhe- und rastlose kuppler und zuhälter von worten durch ganz Europa. Irgendwann findet er in einem kleinen Haus am Ende einer Birkenallee in Salzburg-Moos Ruhe und genießt es, dass Hasen bis an sein Fenster kommen. Hier lebt er mit seiner Frau, der Schriftstellerin Rosa Pock, die drei Jahrzehnte verlässlich an seiner Seite bleibt, und ihrer Tochter Emily Griseldis.

H. C. Artmann, ein Herr mit Grandezza, ein Dichter, der durch die ungewöhnliche Verbindung von Avantgarde und Volkstümlichkeit literarische Maßstäbe setzt. Ein Mann, der mit fünf Frauen fünf Kinder hat. Ein Dichter, der ein Leben lang versucht, seine Biografie zu verschleiern, der sich hinter Masken und Synonymen von der Außenwelt abschirmt. Er gibt sich als Husar, Surrealist, oder chinesischer Hofdichter.

Während der letzten fünf Jahre lebt er in Wien, in der Josefstadt. Flügeltüren. Parkettböden. Gediegene Eleganz. Im Dezember 2000 ist H. C. Artmanns Herz zu schwach, um weiterzuschlagen. In zwei Wochen würde er 100. Geburtstag feiern, essen und trinken. Er wäre froh und traurig zugleich, weil er das Leben sehr schätzte, auch wenn er immer betont hat, wie schwer es ist, zu altern.

BUCH: "H.C. Artmann – Bohemien und Bürgerschreck", von Michael Horowitz, 208 Seiten, 22 €, Ueberreuter Verlag 

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