freizeit
12.11.2013

Weltmeisterin im Weglassen

Gertrud Höchsmann, die bedeutendste Wiener Couturière des 20. Jahrhunderts.

Cool, minimalistisch, geradlinig – so erscheinen Modelle von Gertrud Höchsmann auf den ersten Blick. Nicht zufällig wurde sie „Weltmeisterin im Weglassen“ genannt. Die ganze Raffinesse ihrer präzisen Verarbeitung, ihrer oft schrägen Schnitte erschließt sich erst beim genauen Hinschauen. Dazu kommen die edelsten Stoffe, gemixt mit subtilem Farbfeingefühl. Der Ausspruch ihres Vorgängers an der Akademie für angewandte Kunst, Eduard Wimmer-Wisgrill, hätte genauso gut von ihr sein können: „Die große Qualität darf man erst auf den zweiten Blick sehen.“ Vier Jahre, nachdem Wimmer-Wisgrill die Akademie verlassen hatte, 1959, konnte Gertrud Höchsmann als Leiterin der Modeklasse gewonnen werden. Sie bleibt es bis 1972 und bezeichnet diese Entscheidung selbst einmal als ihre „richtigste und wichtigste“. Ihr Credo für die Studenten verrät ihre Arbeitsweise: „Der Absolvent der Modeklasse hat gelernt, aus guten Proportionen, aus der Schönheit des Materials und seiner richtigen Verwendung, aus den Beziehungen verschiedener Materialien zueinander und vor allem aus der Vielfalt der Farben und ihrer Kontrastierungen neue und gute Wirkungen zu erzielen.“

Wer einmal zu ihren Anhängerinnen zählte, war süchtig nach den kompromisslos puristischen Modellen. Nach einer ihrer Modeschauen beschrieb das die Wochenpresse 1964 unter dem Titel „ Wien und die Welt“ wunderbar: „Eine Mode, die dem Hang der Wienerinnen zum aufwendigen, verspielten Detail keinen Schritt entgegenkommt, ließ die versammelten Höchsmann-Fans begeistert aufstöhnen.“ Und: „Anschließend wird gelobt, dass sich die so oft totgesagte Wiener Mode, zumindest in diesem Haus, Weltniveau bewahrt hat.“ Zweiflerinnen wurden spätestens bei Auslandsaufenthalten eines Besseren belehrt. So passierte es immer wieder, dass Kundinnen, die sich den Rock trotz Empfehlung im Salon Höchsmann nicht hatten kürzen lassen, nach der Rückkehr aus Frankreich oder Italien ihre Säume reumütig nach oben korrigieren ließen. Was Höchsmann bedauerte: Den Mangel an generellem modischen Interesse im Land. Ihre bestechende Analyse dazu: „Ich glaube, auch ein Christian Dior hätte von Wien aus seine Ideen nicht durchsetzen können.“

Im Ausland wurde hingegen lobpreisend nach Wien geblickt. So schrieb die erste deutsche Lifestyle-Zeitschrift „Die neue Linie“: „Gertrud Höchsmann in Wien ist eine Modeschöpferin, deren Stil die Begriffe vom Wiener Modeschaffen erweitert haben dürfte. Denn sie entwickelt eine Form der Materialgesinnung, die neu ist auf dem Hintergrund der wienerischen Tradition.“Doch das alles war der großen Wiener Couturière nicht wirklich wichtig. Die Werbetrommel zu rühren oder rühren zu lassen, war ihre Sache nicht. Wie ihr großes Idol, Cristóbal Balenciaga, oder später dann auch Helmut Lang, hielt sie sich stets im Hintergrund. Stellte nicht sich selbst, sondern die Arbeit in den Mittelpunkt. Zog sich gerne in ihr geliebtes Landhaus am Kaufmannberg in Hainfeld in Niederösterreich zurück. Neben ihrer intensiven Salonarbeit stattete sie Filme und Theateraufführungen aus. Viele bekannte Schauspielerinnen ihrer Zeit trugen Höchsmann auch privat: Käthe Gold, Aglaja Schmid, Gusti Wolf, Johanna Matz, Helene Thimig, Senta Wengraf, Nadja Tiller... Aus Begeisterung. Nicht, weil ihnen die Garderobe geschenkt wurde, oder sie womöglich dafür bezahlt wurden, wie das heute von Wien über Paris bis Hollywood oft der Fall ist. Auch ihr einstiges Lieblings-Model, Susi Stelzer – inzwischen fast neunzig und in den USA zu Hause – gehört nach wie vor zu ihren Fans. Hat jedoch im eigenen Haus schwere Konkurrenz bekommen. Denn die rund 20-jährigen Enkelkinder borgen sich gerne die Höchsmann-Klamotten der Großmutter aus. Und werden von Gleichaltrigen darauf angesprochen, wo es denn diese tolle Mode zu kaufen gäbe.

Puristin mit Meisterprüfung

Gertrud Höchsmann wurde 1902 in Wien geboren und starb 1990. Sie absolvierte die Wiener Kunstgewerbeschule bei den Architekten Josef Hoffmann und Oswald Haerdtl. 1927 eröffnete sie einen Modesalon auf der Lerchenfelder Straße, verlegte ihn 1929 in die Mariahilfer Straße 1c. Im selben Jahr absolvierte sie die Meisterprüfung im Frauenkleidermachergewerbe. Nach den Kriegswirren und einem Bombenschaden gestaltet Oswald Haerdtl den Salon neu, er wird 1947 eröffnet. Im gleichen Jahr wird ihr der Preis der Stadt Wien für Kunsthandwerk verliehen, 1956 die Goldmedaille der Handwerksmesse München, 1966 der Staatspreis für Mode. 1967 sperrt sie den Salon zu. Von 1959 bis 1972 leitet sie die Modeklasse der Akademie (heute Universität) für angewandte Kunst in Wien. 2002, zum 100. Geburtstag, widmete ihr das Museum der Stadt Wien und die Angewandte im Heiligenkreuzerhof eine Gedächtnisausstellung.