© Klobouk Alexandra

freizeit Gehen
01/02/2021

Christian Seilers Gehen: Orte, die 2021 mit dem 2020 versöhnen

Stephansplatz – Jasomirgottstraße – Bognergasse – Kohlmarkt – Michaelerplatz – Reitschulgasse – Josefsplatz – Augustinergasse – Führichgasse – Kärntner Straße – Karlsplatz (plus ein paar Abschweifungen): 6.000 Schritte

von Christian Seiler

Ich bin heute schon weit gegangen. Ich habe das spirituelle Zentrum der Wiener Innenstadt, den Stephansplatz, in konzentrischen Kreisen umrundet und Pläne gemacht. In der Jasomirgottstraße nehme ich mir vor, demnächst bei „Mayer und Freunden“ am Küchentisch zu sitzen und Würste zu essen – Würste! Es gibt keine besseren in ganz Wien. In der Vinothek St. Stephan werde ich ein, zwei gekühlte Flaschen Riesling von der Mosel holen und diesen gemeinsam mit meinem erziehungsberechtigten Buchhändler in der Domgasse – er heißt Dieter Würch, das Geschäft heißt 777 – verzehren und dabei über die Kriminalromane von Dominique Manotti diskutieren. Die haben mir die Weihnachtsfeiertage mit Spannung und Erstaunen gefüllt, ich muss unbedingt wissen, ob es noch den einen oder anderen ungelesenen gibt.

Ich schaue durch spiegelnde Scheiben ins leere Kameel, wohin ich gedenke, meinen Freund Roland Neuwirth, den Seelenschrammler, einzuladen, um ihm bei Schinken und Kren dafür zu danken, dass er mit dem Pianisten Florian Krumpöck Schuberts Winterreise aufgenommen hat, mit neuen, wienerischen Texten, die aus Neuwirths Feder geflossen sind. Das Werk hat es verdient, auf jeden Spaziergang mitgenommen und zwischen dürren Bäumen und reifbelegten Wiesen genossen zu werden.

Grantiger Wirt

Ich gehe über den Kohlmarkt, biege in die Reitschulgasse ein, beschließe vor dem anbetungswürdigen Fifties-Portal vom Wäscheflott, mir dort für die schönen Anlässe, die dieses Jahr für uns bereithalten wird, ein, zwei Hemden schneidern zu lassen, werfe einen sehnsüchtigen Blick auf die Albertina, dann stehe ich schon lächelnd vor dem Guesthouse Vienna, wo ich mit dem grantigen Wirten aus Goldegg mindestens einmal pro Monat ein Frühstück zu nehmen gedenke, Eggs Benedict inklusive. Es kann gar nicht genug Sauce Hollandaise geben, um das Jahr 2021 zu vergolden.

Ich klappere noch ein paar Innenstadtgeschäfte und Restaurants ab, wo mich dieses Jahr mit dem vorangegangenen versöhnen wird, Konstantin Filippou, Unger&Klein, Leporello, Babette, Paremi, dann umrunde ich die Oper und gehe hinüber zum Karlsplatz, wo mich die Baustelle des Wienmuseums magisch anzieht. Vor dem entkernten Oswald Haertl-Gebäude bleibe ich stehen. Wüsste ich nicht, dass hier ein engagierter Umbau geplant ist, würde ich meinen, dass das Stadtmuseum einer Feuersbrunst zum Opfer gefallen ist. So aber kann ich die ruinenhaften Fassaden als Versprechen betrachten, als Talsohle, die man durchschreiten muss, um neue Höhen in Angriff zu nehmen.

Ich weiß, es wird noch mindestens bis zum Herbst 2023 dauern, bis das Haus, dem ich so vieles verdanke – die grandiosen Ausstellungen über das Wiener Wirtshaus, über Kunst und Pop in Wien, über Otto Wagner und Ernst Haas, Wien von oben, den Prater, die Werkbundsiedlung – wieder eröffnet und bespielt wird. Aber was spendet mehr Mut als das Wissen, dass sich die Dinge zum Besseren wenden? Ich betrachte die Baustelle als die Keimzelle neuer Schönheit. Dieses Motiv trägt mich beflügelt in dieses neue Jahr.

christian.seiler@kurier.at

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