© Alexandra Klobouk

freizeit Gehen
12/12/2020

Christian Seilers Gehen: Das unbekannte Gartenpalais auf der Wieden

Karlsplatz – Argentinierstraße – Theresianumgasse – Prinz-Eugen-Straße – Karolinengasse – Sankt–Elisabeth-Platz – Belvederegasse – Rainergasse – Blechturmgasse – Ziegelofengasse – Margaretenstraße – Wehrgasse: 5.800 Schritte

von Christian Seiler

Ich streiche durch den vierten Bezirk, Argentinierstraße, Prinz-Eugen-Straße, St. Elisabeth-Platz, Belvederegasse, dann biege ich in die Rainergasse und gehe Richtung Wiedner Hauptstraße, betrachte das Palais Schönburg, das mir vor gar nicht so langer Zeit vom Himmel gefallen schien, und weil ich in dieser Gasse bei jedem neuen Spaziergang mindestens ein neues Palais finde, stehe ich plötzlich vor Nummer 22, betrachte das Haus, das eigentlich kein Haus ist, sondern etwas anderes, nämlich, warten Sie, es ist, dacht’ ich mir’s doch: ein Palais.

Es ist vielleicht kein besonders auffälliges Palais. Die Fassade sieht ein bisschen abgewohnt aus. Ihre Farbe orientiert sich an dem spezifischen, schmutzigen Grau, in das ganz Wien bis in die Neunzigerjahre gehüllt war. Feuchtigkeit hat am Fundament dunkle Spuren hinterlassen. Aber im oberen Stockwerk des breiten, einstöckigen Gebäudes bekunden harmonisch angeordnete Fensterfronten Gestaltungswillen und eine gewisse, wenn auch nicht offenkundige Eleganz. Das Hauptgebäude ist an den Seiten überbaut und in eine etwas patscherte Straßenfront inkorporiert worden, so dass ich wie ein Bankräuber, der die Location für seinen nächsten Streich auskundschaftet, vor dem Gebäude auf und abgehe, um die übrig gebliebene Harmonie zu katalogisieren.

Einstige Größe

Das Palais, das ich gerade gefunden habe, ist jenes der Grafen Thurn-Valsassina, ein ehemaliges Gartenpalais, wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts einige in dieser Gegend standen. Der Trakt, den ich betrachte, ist noch viel älter, als er aussieht: Er scheint schon in einem Stadtplan aus den Jahren 1769 bis 1774 auf. Das Besondere an dem Palais dürfte sein Garten gewesen sein, in dessen Reste ich von der Johann-Strauß-Gasse aus hineinzuschauen versuche. Damals reichte der schmale, lang gestreckte Garten bis zur Wiedner Hauptstraße hinunter, heute ist er, was ich so sehe, auf etwa ein Drittel seiner einstigen Größe geschrumpft.

Im Palais Thurn-Valsassina waren viele Künstler zu Hause, die Schriftstellerin Ada Christen machte es zum Mittelpunkt eines Künstlerkreises, dem Ludwig Anzengruber, Ludwig Ganghofer, Rudolf von Alt und Friedrich Amerling angehörten, ziemlich prominente Besetzung. Ob heute im Palais gedichtet und gestaltet wird, weiß ich nicht. Die Familie verkaufte das Palais schon nach dem Krieg an die Wiener Städtische Versicherung. Heute sind hier Mietwohnungen untergebracht.

Stolz

Ich bin ein bisschen stolz auf meine neue Entdeckung, so dass ich hinunter zur Wiedner Hauptstraße gehe, die Ziegelofengasse zur Margaretenstraße nehme, dort mit einem wehmütigen Blick aufs geschlossene Filmcasino stadteinwärts marschiere und Ecke Wehrgasse im Shop des Pub Klemo, eines Kompetenzzentrums für gehobene Weinkultur, ein paar Besorgungen mache, ich sage nur: Châteauneuf-du-Pape, und weil ein Trüffelscout aus dem Piemont auch gerade da ist, lasse ich mich nicht lumpen und suche eine schöne, vielversprechende Trüffel aus, deren Geruch mich auch durch meine FFP-2-Maske überwältigt. Ein neues Palais. Das muss doch gefeiert werden.

christian.seiler@kurier.at

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