© Alexandra Klobouk

freizeit Gehen
01/25/2020

Christian Seilers Gehen: Gartenstadt im Kleinformat

U-Bahn-Schlachthausgasse – Erdbergstraße – Gaswerksteig – Birkenwiese – Sulzwiese – Wasserwiese: 3500 Schritte

von Christian Seiler

Als ich zuletzt durch Erdberg stromerte und anschließend die Idee hatte, über den Gaswerksteig einen Abstecher in den Prater zu machen, widerstand ich dem vertrauten Impuls, zum Lusthaus abzubiegen und mir dort eine Melange und eine cremige Lusthaustorte zu gönnen. Stattdessen umrundete ich zuerst den Kleingartenverein Sulzwiese. Dann marschierte ich unter der Südosttangente durch und begab mich zur Wasserwiese, die im Sommer von kleinen und großen Fußballern, Pfadfindern, Picknickern – und mir – gern benützt wird. Diesmal ließ ich die Wiese aber rechts liegen, denn meine Aufmerksamkeit galt der gar nicht so kleinen Kleingartenanlage, die sich hier, zwischen Schüttelstraße und Wasserwiese, ausbreitet.
Die Kleingartenanlage Wasserwiese ist, sagen wir es so, nicht unbedingt das, was man auf den ersten Blick als klassische Schrebergartensiedlung erkennen würde. Sie hat sich in eine Art Gartenstadt im Kleinformat verwandelt, in ein Nebeneinander von durchaus stattlichen Häusern, erbaut von gestaltungsfreudigen Inhabern, oft im alpin angehauchten Stil, manchmal auch mit bourgeoisen Akzenten, gern ergänzt um Veranden, Swimmingpools und, wenn man diese Errungenschaften nicht mit Nachbarn und Passanten teilen möchte, Ziersträuchern und Thujenhecken.
Die Geschichte der Anlage reicht weit zurück. Sie wurde 1916 während des Ersten Weltkriegs gegründet, als eine der letzten Amtshandlungen des greisen Kaisers Franz Joseph. Das den Siedlern zur Verfügung gestellte Land durfte ausschließlich zum Anbau von Gemüse und Erdäpfeln, zum Auspflanzen von Obstbäumen und Halten von Kleintieren verwendet werden. Es herrschte Hunger, und das bisschen Land half den Siedlern, diesen zu lindern.
Schritt für Schritt entwickelte sich, was heute landläufig „Gartenparadies“ heißt. Die Siedler durften Holzhütten für die Gartenwerkzeuge aufstellen. Ein Vereinsheim entstand. Wasser wurde eingeleitet. Eine Kleingartenzeitung kam heraus. Im Schutzhaus spielte man Theater.
Die Kaninchenställe sind hundert Jahre später verschwunden, und Erdäpfeln holen die Siedler lieber beim Billa als aus der eigenen Erde. Mit dem aktuellen Baurecht hingegen ist man per Du. Viele Siedler haben gelernt, wie ihrem Gärtchen das Maximum an Bebauung zugemutet werden kann. Geräteschuppen sind in winterfeste Wohnsitze verwandelt, und die Wege durch die Siedlung tragen die Namen verdienter Kleingärtner.
Am Hofrat-Krammer-Weg bleibe ich stehen. Ein Haus fällt aus der Reihe. Während in den angrenzenden Grundstücken bessere und schlechtere Architekten am Werk waren, steht hier eine Hütte, die diesen Namen noch verdient, ein bisschen Holz, ein bisschen Glas, nicht nur rechte Winkel, dafür ein wuchernder, vielversprechender Garten. Im Hintergrund wachsen gerade die Türme einer neuen Wohnanlage am Donaukanal in den Himmel, und rundherum wird gewohnt.
Dieser Garten aber ist eine Schleuse zum Wien, wie es einmal war.

christian.seiler@kurier.at

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