Nah am Wasser gebaut: Das Stadshuset gehört mit seinen drei Kronen zu Stockholms Wahrzeichen.

© Moment/Getty Images

freizeit
10/19/2019

Für ein Wochenende nach Stockholm: Gretas Welt

Was für eine Stadt! Zwischen Schlössern und Schären lebt man gelassener als in anderen Metropolen. Und voller Respekt vor der Umwelt. Das Leben am Wasser prägt die Einwohner. Und die ökologische Musterstadt Stockholm.

von Michael Horowitz

Den schönsten Moment erlebte das Mädchen am zweiten Tag. Als sich eine 14-jährige Schülerin neben sie setzte. Am 20. August 2018 hatte sich Greta Thunberg zum ersten Mal mit ihrem Skolstrejk för Klimatet-Schild still vor das schwedische Parlament gesetzt – und noch nicht im Traum ahnen können, dreizehn Monate später den alternativen Nobelpreis zu erhalten.

Längst wurde aus dem Protest des Mädchens aus Stockholm mit den blonden Zöpfen die globale Bewegung Fridays for Future. Eine scheue 16-Jährige initiierte den Kampf für konsequente Klimapolitik. Und führt den Mächtigen der Welt die Bedrohung des Klimawandels mit drastischen Aussagen vor Augen: „Unsere Ökosysteme brechen zusammen, wir stehen am Anfang eines Massensterbens.“

In Stockholm fand bereits Ende der 1980er-Jahre ein Umdenken für die Umwelt statt: Damals ächzte man unter verschmutztem Wasser und verpesteter Stadtluft. An der Stelle, wo einst eine riesige Ölraffinerie stand, leben bereits seit 25 Jahren im Vorzeige-Wohnviertel Hammarby Sjöstad rund 30.000 Einwohner. Mit üppigen Grünflächen und Badestrand, einem unterirdischen Mülltransportsystem und einem Auto Pool, in dem sich je 1.000 Menschen 50 Autos teilen. Und seit zwölf Jahren gibt es in Stockholm bereits die City Maut, Stockholms Busse fahren mit Äthanol oder Biogas, das Fahrradwege-Netz wird ständig erweitert.

  • ein Buch, das seit Jahren auf eine Schwedenreise wartet: „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ von Jonas Jonasson ist für ein fröhliches Wochenende in Stockholm perfekt.
  • Sommer- oder Winterdaunenjacke – Regenschutz inklusive – sind im hohen Norden ein Must.
  • Kreditkarte und kein Bargeld! Nirgends kann man bar bezahlen.

 

 

Schlösser und Schären

Die ökologische Musterstadt gilt längst als Vorbild im urbanen Kampf gegen Verkehrschaos, Luftverschmutzung und den Ausstoß von Treibgasen. Seit 1990 ist hier die CO²-Emission pro Einwohner um mehr als 25 Prozent zurückgegangen. In einer weltoffenen Kulturmetropole mit mediterranem Feeling. Über mehr als 50 Brücken schlängelt sich die Stadt um Buchten und Wasserflächen.

Stockholm. Zwischen Schlössern und Schären – was für eine Stadt! Jeder der sieben Stadtteile hat eine ganz eigene Geschichte. Und eine unverwechselbare Atmosphäre: Vom historischen Herz der Stadt Gamla Stan über die Luxusinsel Djurgarden mit prachtvollen alten Holzvillen, wo sich früher die königlichen Jagdgründe befanden, bis zum kultig-lässigen SoFo-Viertel, dem Designer- und Künstlerparadies  von  Stockholm. Mit der Kunstgalerie Fiberspace, dem Vintagegeschäft Lisa Larsson und dem Antiquitätenparadies Milda Matilda. Und mit den kultigsten Bars und Restaurants der Stadt. Wie dem Café String mit einem wunderbaren Frühstücksbuffet am Wochenende und der eleganten, mit dunklem Holz getäfelten Bierhalle Pelikan, die es bereits seit 1664 gibt.

Kunst und Köttbullar

Seit mehr als 100 Jahren verzieren hier Künstler die Wände. Und erhalten dafür Aquavit und Glögg, skandinavischen Glühwein, dazu Heringe, Lachs und Köttbullar, Fleischbällchen, die so groß wie Golfbälle sind und bei denen man das IKEA-Buffet schnell vergisst.

Grosshandlarmiddag, das traditionelle Menü für Großhändler, nachdem sie einen Geschäftsabschluss gefeiert haben, ist der Klassiker für trinkfeste Gäste und wird für 869 Kronen, rund 85 Euro, gerne auch Touristen serviert: Man beginnt mit 4 cl Eau de Vie-Schnaps, bekommt zu skandinavischen Fisch- und Fleischspezialitäten reichlich Bier, Wein und Aquavit  und beendet das üppige Mahl mit Schokolade-Pralinen und 6 cl Eau de Vie.

Auch im Östermalm-Viertel mit seinen vier eleganten Boulevards, wo einst die königlichen Schafherden grasten, sind Gourmets gut aufgehoben – die Fama, dass man in Schweden nicht gut essen kann, ist absurd. Jeder Stockholm-Besucher kann sich ab Beginn nächsten Jahres in der Saluhall, einer Markthalle mit traditionellen Spezialitäten davon überzeugen: Vor 130 Jahren eröffnete König Oscar die Oase für Gourmets, jetzt wird renoviert. Und bald werden hier wieder rund 150 Gastronomen ihre Delikatessen anbieten: Gravad Lax, mild gebeizter Lachs, und Rendjurskina, Rentierschinken, Janssons frestelse, Erdäpfelgratin mit Sardellen, und Ärtsoppa, Erbsensuppe mit Fleisch. Leben am WasserSchon beim Anflug erkennt man: Stockholm ist wie eine schwimmende Stadt, auf vierzehn Inseln erbaut. Mit einem eigenen Inselgarten vor der Tür, den Schären. Das Leben am Wasser prägt die Einwohner und ihre Stadt. Eine vielfältige, entschleunigte Metropole mit Prachtbauten und Schlössern, moderner Architektur, liebevoll kuratierten Museen und den verwinkelten Kopfsteinpflaster-Gassen der Altstadt Gamla Stan.

Mit rasch wechselnden Szenelokalen, Design- und Modegeschäften – leider aber auch immer mehr Ramschgeschäften mit Souvenirs Made in China. Wie sogar im Zentrum der Kreativszene, im Vasastan-Viertel, wo in Galerien das Herz der zeitgenössischen, skandinavischen Kunst schlägt. In einer Stadt, die auch für ihre unterirdische Kunst berühmt ist, in den Stationen der U-Bahn.

In Stockholm ist es nie weit bis zum Wasser. Ein Drittel der Stadt ist grün – der Ekoparken, ein 56 Quadratkilometer großer Nationalpark, zieht sich mitten durch die Innenstadt. Das zweite Drittel der Stadtfläche ist Wasser. Auch im Zentrum der strahlenden Hauptstadt des Nordens sieht man fast mehr Boote als Autos. Vor der Altstadt und dem Königlichen Schloss – die Wachablöse hoch zu Ross ist ein pittoreskes Erlebnis – ankern auch die neuen Moloche der Meere, die gigantischen Kreuzfahrtschiffe. Die man in Stockholm, wie in Venedig, gerne aus der Stadt verbannen würde. Während der Sommermonate zieht es die Stockholmer wie magisch hinaus in die Schärengärten. In eine einzigartige Inselwelt, ein Paradies für Segler und Angler, Wanderer und Radfahrer. Auch Touristen sollten eine Schärenrundfahrt unternehmen, auf der man die Stadt am Wasser am besten erkundet. Mit schreienden Möwen, die über den Dampfern kreisen.

Wussten Sie, dass ...

... 2011 eine Familie bei Stockholm einen besonderen Gast hatte: Ein besoffener Elch hing in ihrem Garten im Apfelbaum fest. Er hatte gegorene Äpfel gegessen. Erst  nach zwei Tagen war er ausgenüchtert.
... es am Stockholmer Flughafen Arlanda ein Hotel für Brotteig gibt. Schweden lieben Sauerteigbrot, der Teig dafür muss mehrere Stunden gehen und immer wieder geknetet werden. Wer keine Zeit  hat, gibt seinen Teig  im Brotteig-Hotel ab. Pro Woche ca. 9,20 Euro.
...  dass im Zentrum Stockholms  die Schleuse Slussen das Süßwasser des Mälarsees  vom salzhaltigen Wasser der Ostsee trennt.

 

 

Die Bedeutung von Fika

Wer mehr als ein kurzes Wochenende Zeit hat, sollte sich weiter hinaus wagen, auf eine der 30.000 Inseln rund um Stockholm. Nur ein Bruchteil davon ist bewohnt. Kristallklares Wasser, wohin das Auge reicht, üppiges Grün, intakte Natur und Menschen mit gelassenem Temperament beruhigen sogar Touristen, die – wie bei jedem City Trip – ein pralles Programm abspulen wollen. Man muss sich nur darauf einlassen, auf erholsame Entspannung in nordischer Frische. Fika, eine kleine Pause zwischendurch, ist hier eine Art Lebensphilosophie. Mit Tee oder Kaffee und Kuchen. Doch wie überall in Stockholm kann man in Cafés nicht bar bezahlen. Nicht einmal in öffentlichen Toiletten … Die Klofrau und der Taxifahrer – alle verlangen nach der Kreditkarte.

Am Beginn des Aufenthalts Geld beim Bankomaten zu beheben – oder wie mein Hamburger Freund Günter meint, Geld aus der Wand zu holen – ist hier ein großer Fehler.

 Donnerstag

Sturebadet/Sturegallerian
  Jugendstil-Bad in einer der elegantesten Einkaufspassagen Stockholms. Schon  Greta Garbo erfrischte sich hier.
 sturebadet.se, sturegallerian.se

  Rolfs Kök
  Preiswertes Bib Gourmand-Restaurant.  Ideal für den Lunch.
 www.rolfskok.se

   Stockholms stadsbibliotek
  Öffentliche Art-Déco-Bibliothek mit mehr als 200.000 Büchern.
 www.biblioteket.stockholm.se
 
  Tak
  Roof-Top-Bar mit sensationellem Ausblick. Schwedisch-japanischer Minimalismus.
 https://tak.se


 Freitag

SoFo
  Der angesagteste Stadtteil.    Cafés, Avantgarde und Vintage-Geschäfte.
 https://sofo-stockholm.se

  Stutterheim
  So schön kann Regenmode sein: Ob beim Waterproof Bucket Hat oder dem Chelsea Rainwalker.
www.stutterheim.com
 
 GrandPa

 Dieses charmante Geschäft verkauft einen Mix aus jungem Design, Trendmode und Kuriosem.
 www.grandpa.se

  Abba-Museum
Eintauchen  in die Welt der Schweden-Schlager. Mitsingen ist  erlaubt.
 www.abbathemuseum.com


Samstag

Stockholm by Boat
 Ob „Under the Bridges“ oder eine Schärenrundfahrt – Stockholm vom Wasser aus sehen – ein Muss.
 www.stromma.com

 Den Gyldene Freden
 Mittagessen im ältesten Restaurant der Welt, in Gamla Stan.
 https://gyldenefreden.se
 
 Djurgarden
 Das Treiben der Stadt hinter sich lassen, auf die  Insel flüchten und  durch  die wilde Landschaft spazieren.

Oaxen Krog & Slip  
Zwei Restaurants in einer Werft aus dem 17. Jh.: „Krog“ & „Slip“. Nicht billig, aber außergewöhnlich.  
 http://oaxen.com

Sonntag

Pom & Flora
Vielleicht das beste  Frühstück der Stadt.  Mit Riesen-Auswahl.
www.pomochflora.se
 
 Moderna Museet
Unbedingt Zeit nehmen für Skeppsholmen, die Museumsinsel.
 www.modernamuseet.se

 Fotografiska
 Fotografie-Museum:  Ausstellungen und Sonntags-Brunch mit Traumblick. Reservieren.
 www.fotografiska.com
 
 Kungsträdgarden
 Einer der ältesten Parks der Stadt, der ehemalige Küchengarten des Königshofs. Ideal, um am Sonntagnachmittag zu flanieren.

Hoteltipps

Hotel Diplomat
 Der Hotelklassiker  ist ein Jugendstilpalast mit Werken  zeitgenössischer schwedischer Künstler.
 www.diplomathotel.com

Hotel Birger Jarl
Hier haben sich schwedische Designer  in Farbe, Form und  nordischen Materialen ausgetobt.
 www.birgerjarl.se

Hotel Sven Vintappare
Kleines Haus aus dem Jahr 1607 mit sieben Zimmern an einem ruhigen Platz in der Gamla Stan. Kein Lift.
 www.hotelsvenvintappare.se

 

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