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freizeit Fragen der Freizeit
06/30/2020

Warum ist nicht mit jedem gut Kirschen essen?

Fragen der Freizeit ... und Antworten, die Sie überraschen werden.

von Annemarie Josef

„I liaßat Kirsch’n fia di wachs’n ohne Kern“, heißt es im vielleicht schönsten Wienerlied von Karl Hodina (Text: Walter Pissecker). Dabei hat der harte Kern der süßen Frucht sehr wohl auch sein Gutes. Mich zum Beispiel erinnert er an einen besonderen Kindheitssommer auf einem Bauernhof mit Hühnerfüttern, Heuhüpfen und Kirschkernweitspucken. Und an die Kirschkernweitspuck-Weltmeisterschaft, die mir letztens beim Lesen unterkam.

Den Rekord hält derzeit der Schweizer Thomas Steiner mit dem passenden Spitznamen „Steini“. 22,52 Meter weit katapultierte er einen Kern beim „Chriesisteispucke“ (= Kirschkernweitspucken). „Steini“ beherrscht die Zungenakrobatik, die es dazu braucht, würde aber niemals auf Menschen spucken. Mit ihm ist sicher gut Kirschen essen.

Die Redewendung, dass mit jemandem nicht gut Kirschen essen sei, hat ihren Ursprung im Mittelalter und lautete ursprünglich so: „Wer mit Herren Kirschen essen will, dem werfen sie die Stile in die Augen.“ Verfasst hat den Satz der Dominikanerpater Ulrich Boner vor knapp 700 Jahren. Martin Reisigl, Sprachwissenschaftler an der Universität Wien: „Dem Spruch scheint die ungute Erfahrung mit sogenannten hohen Herren zugrunde zu liegen, die beim Kirschenessen ihre Untergebenen erniedrigten, indem sie ihnen Kirschkerne und Stiele ins Gesicht warfen.“ Eine Geste, nicht weit davon entfernt, jemanden anzuspucken. „Es ist eigentlich eine Warnung davor, sich mit hohen Herren einzulassen, die sich gegenüber Untergebenen arrogant, hochnäsig und herablassend verhalten“, so Reisigl. Bei der Prägung der Redewendung soll auch die Geschichte eine Rolle gespielt haben, dass Bischof Withego I. von Meißen dem Markgrafen Friedrich Tuta angeblich vergiftete Krischen reichen ließ, an denen dieser 1291 starb.

Heute gilt jemand, mit dem nicht gut Kirschen essen ist, als autoritär, streng, schwer umgänglich, unfreundlich. Bleibt die Frage, wie der Satz in unseren Alltag kam. Reisigl: „Es ist nicht davon auszugehen, dass die Erniedrigungspraxis gegenüber Untergebenen überall im deutschen Sprachraum üblich war.“ Wer weiß, vielleicht hat die Redewendung sich ja festgesetzt, weil vor allem Kinder sich seit jeher im Weitspucken messen, einem Kerne dabei aber auch mal fies um die Ohren fliegen? Also aufpassen, mit wem Sie Kirschen essen. Etwa nächsten Samstag, den 4. Juli, beim Internationalen Tag des Kirschkernweitspuckens.