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freizeit Essen & Trinken
08/21/2021

Winzertöchter: Bitte übernehmen!

Michaela Riedmüller, Hanna Glatzer und Johanna Markowitsch aus der Weinbauregion Carnuntum erzählen, was sie anders in den Weingärten und im Keller als ihre Väter machen.

von Anita Kattinger

Es handelt sich mit 906 Hektar Rebfläche um eine der kleinsten Weinregionen Niederösterreichs – aber die Weingärten im Leithagebirge, Arbesthaler Hügelland und in den Hainburger Bergen eignen sich mit ihren schweren Lehm- und Lössböden besonders gut für geschichtsträchtige Weine. Eine neue Winzerinnen-Generation will im Weinbaugebiet Carnuntum – östlich von Wien bis zur slowakischen Grenze – mit modernen Anbaumethoden und einem großen Naturvertrauen im Keller von sich reden machen.

Über ihre Väter verlieren die Winzertöchter kein schlechtes Wort und doch machen sie so einiges anders.

Die Corona-Krise hat der 20-jährigen Hanna Glatzer vom Weingut Walter Glatzer in Göttlesbrunn die Entscheidung abgenommen: Die damalige Jus-Studentin zog während des ersten Lockdowns wieder zu Hause ein und übernahm Vertrieb und Außendienst.

2019 begann sie zum Experimentieren im Keller des 45 Hektar großen Weinguts, herausgekommen sind Hannas Drillinge: „Es sind bunte Weine, die Spaß machen sollen. Die man jetzt kauft und trinkt. Keine Lagen-Weine, die für die nächsten 20 Jahre gemacht sind.“

Wieder studieren

Die Winzertochter entschied sich für unfiltrierte Weine: „Ich bin kein Fan vom Ausdruck Natural Wines: Es ist ja auch keine Chemie in unseren anderen Weinen drinnen – wir schönen kaum. Ich spreche lieber davon, dass ich keine klassischen Produktionsmethoden anwende.“

Wie es weitergehen soll? Im Herbst startet die junge Winzerin ihr Önologie-Studium im renommierten deutschen Geisenheim. „Es gibt dort einen recht guten Frauenanteil unter den Studierenden, auch Professorinnen, nicht wie vor 20 Jahren.“ Falls sie mal Unterstützung braucht, muss sie nur in ihrer Heimat um Hilfe fragen: „Wir sind fast nur Mädels in der nächsten Generation in Carnuntum. Wir tauschen uns über Wein und das Leben aus.“

Die 26-jährige Johanna Markowitsch kann dem nur zustimmen: „Die nächste Generation sind alle nur Mädels, das hat es zuvor nicht gegeben, weil man dachte, es geht nicht.“ Die junge Winzerin hat eine erfolgreiche Karriere als Marketing-Expertin bei Wein&Co hinter sich: Gleich danach kehrte sie aber nicht nach Göttlesbrunn zu ihrem Vater Gerhard Markowitsch zurück, schließlich kann man nicht zurückkommen und alles besser wissen. Zuerst half sie bei der Ernte von Friedrich Becker mit, einem der besten Winzer Deutschlands, dann ging sie nach Südafrika.

„Auf dem Weingut gab es keinen Stapler, keine optische Sortierungsmaschine: Wir haben alles mit den Händen gemacht. Obwohl Südafrika für große Weingüter bekannt ist, war dort alles back to the roots.“ Seit drei Jahren ist die Winzertochter zurück, ihre Natural Wines sind ihre „Spielwiese“, weil die klassische Linie funktioniert: „Die machen wir gemeinsam, aber ich bringe den frischen Wind. Meine Weine sind leichter, ohne Zusätze, ich ernte etwas früher.“

Die Winzerin will die Welt erobern: Japan und Kanada kamen als neue Märkte hinzu, als Nächstes möchte sie in die USA expandieren.

Frauen-Solidarität

Was die beiden Winzerinnen noch vor sich haben, hat die 31-jährige Michaela Riedmüller schon hinter sich. Sie übernahm neben dem Studium den sieben Hektar großen Weinbau und die Buschenschank ihrer Eltern, die 80 Hektar große Landwirtschaft ist verpachtet: „Jetzt allerdings ist mir erst richtig bewusst, was es bedeutet, einen Betrieb selbst zu führen. Jetzt merkt man, welches Zeitmanagement dahinter steckt. Jetzt ist das Bewusstsein viel größer als in jungen Jahren.“

Gleich nach dem Pensionsantritt ihrer Eltern war die Übernahme gar nicht so einfach: „Meine Weine hatten bereits mein Etikett, die anderen Flaschen noch das Etikett meiner Eltern. Obwohl ich bereits alle Weine gemacht habe, wurden die Weine von den Kunden unterschiedlich bewertet, obwohl alles aus meiner Hand gekommen ist. Dass man hier sehr sensibel herangehen muss, war mir am Anfang nicht klar.“

Was sie anders als ihre Eltern macht? Ihre Weingärten liegen an den Hängen des Spitzerbergs und des Braunsbergs – beide sind Ausläufer der Kleinen Karpaten und Naturschutzgebiete. Auch für die nächsten Generationen müsse sie landwirtschaftliche Flächen erhalten. Ihre Eltern haben die Lagen nicht ausgebaut, nie mit österreichischer Eiche gearbeitet, sondern mit Barrique und Tanks.

„Mir geht es um eine Geradlinigkeit, ungeschminkt wie die Herkunft in der Flasche. Vielleicht haben meine Eltern die Philosophie einfach anders transportiert.“

Riedmüllers erster Coup war ein unfiltrierter Riesling in einem neuen Holzfass vergoren, dann folgte Wein aus dem Betonei und demnächst aus dem Keramikei: „Ich will verschiedene Wege ausprobieren: Anders als Beton schmeckt Keramik wirklich komplett neutral.“

Solidarität mit Frauen ist der Winzerin wichtig – gerade in der Corona-Krise. Aus diesem Grund wird es im Winter ein Wein-Paket mit 14 anderen Winzerinnen aus der Steiermark, dem Burgenland, Kärnten und Niederösterreich geben. Der Erlös fließt an ein Frauenhaus.

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