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freizeit Essen & Trinken
04/12/2021

Wein und Winzer: Neues aus der Südsteiermark

Erich Polz Junior ist zurück auf dem Familienweingut und denkt einiges neu. Das könnte auch die Region und ihren Wein verändern.

von Marlene Auer

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Erich Polz Junior steht im steilen Weingarten und hebt bedächtig die Arme, schwenkt sie sanft durch die Luft, um auf die Lage Grassnitzberg zu deuten. So wie er da steht, mit kerzengeradem Rücken, hochgezogenem Kinn, beiden Beinen fest auf dem Boden, kann man ihn sich gut in seinem „alten Leben“ vorstellen. Schriftstellerin Ingeborg Bachmann sagte einmal: „Ein Dirigent ist als Magier am Werk. Er behält seine Hände beschwörend hoch, bis die Musik wetterleuchtet und donnert.“

Ein Zitat, das für den 36-jährigen Winzer zutreffender nicht sein könnte. Bis vor Kurzem stand er tatsächlich vor Orchestern, 2017 leitete er etwa das Symphonieorchester St. Gallen in der Schweiz, dirigierte auch bei den Tiroler Festspielen Erl oder Konzerte des Philharmonischen Orchesters Gießen. Er hatte große Pläne, eine seiner nächsten Reisen wäre auch nach China gegangen. Doch es kam die Coronakrise, die Kultur ging in Zwangspause und Polz zurück in die Heimat.

Buschenschank wiederbeleben

Dass das geschieht, damit hätten seine Eltern nicht gerechnet – doch er kam offenbar gerade zur richtigen Zeit: Nach dem Verkauf an einen Wiener Investor, holte er sich in Windeseile den renommierten steirischen Weinbaubetrieb zurück, der nun in vierter Generation geführt wird, und leitet nun dessen Geschäfte, sein Bruder Christoph fungiert nach wie vor als Kellermeister.

Die Eltern stehen mit Rat und Tat zur Seite, auch den Buschenschank möchte man wiederbeleben, spätestens im Sommer, wenn es die Umstände zulassen.„Dirigieren und Weinmachen haben sehr viel gemein“, sagt der junge Winzer und seine Augen funkeln. „Es geht um das Fingerspitzengefühl, um die Kreativität und um die Seele des Produkts.“ Er wolle ihm „auf den Grund kommen“, es spür- und erlebbar machen, in jedem einzelnen Schluck. „Am Ende ist Wein ebenso kompromisslos wie Musik“, sagt er. „Entweder es entsteht etwas Faszinierendes – oder eben nicht.“ Geschmacklich darf es bei manchen Sorten besonders intensiv, bei anderen aber bewusst leicht und luftig sein. Die neue Linie „Polz Blitz“ reiht sich hier ein, ein „idealer Jausenwein“.

Übernommen hat er den Betrieb von der vorigen Generation, also von seinem Vater, der 1987 zusammen mit Ehefrau Margret und Unterstützung von Familie und Freunden rund 12.500 Rebstöcke auf den Hängen verpflanzte. Manch Südsteirer dachte damals, das Winzerpaar sei verrückt. Aber es fruchtete: Der überwiegende Teil der Rebstöcke wurzelte sofort und so gut, dass der Jahrgang 1989 ein ganz besonderer wurde und heute noch in auserwählten, seltenen Momenten verkostet wird.

Nicht immer pure Idylle

Damals war die Südsteiermark jedenfalls noch nicht das begehrte Weinland, das sich „steirische Toskana“ nennt und heutzutage von Touristen wie von Einheimischen gleichermaßen geschätzt wird. Die Hänge waren teilweise grob verwildert, die Häuser kahl und karg, die Menschen arm, die Arbeit schwer. Winzer waren weder angesehen noch wohlhabend, viele Weingüter kämpften mit finanziellen Engpässen oder verschuldeten sich.

Dabei waren die Voraussetzungen stets gut: Die steilen Weingärten der Südsteiermark bringen knackig-frische Weine hervor, das liegt auch an den kühlen Fallwinden, die vor allem abends durch die Rebzeilen ziehen. Es dominieren die Rebsorten Sauvignon Blanc, Welschriesling und Weißburgunder, sowie Morillon, ein wenig Muskateller und sogar ein bisschen Rotwein, vor allem Zweigelt – ein Ausreißer in der Weißweinregion. Drüben in der Weststeiermark ist es der Schilcher, der die Nase vorne hat, und das Vulkanland bringt mit seinen selbstbewussten Winzern so manch großartigen Gewürztraminer ins Glas.

Doch zurück in die Südsteiermark: Ein Heben der Qualität der Weinproduktion ging nicht immer und vor allem nicht sofort mit wirtschaftlichem Erfolg einher. Auch heute ist Weinmachen nicht für alle ein lukratives Geschäft, die Coronakrise führte zudem bei vielen Winzern zu vollen Kellern. Der Großabnehmer Gastronomie reduzierte wegen der Lockdowns die Bestellmengen in enormem Ausmaß, auch der Zuwachs beim Wein-Einkauf im Handel konnte diesen Einbruch nicht wettmachen. Mancherorts wurde die Ernte erst gar nicht verarbeitet. Zugeben will das freilich kaum jemand, doch liegt dadurch auf der Hand: Der Markt wird enger, der Wettbewerb intensiver.

Im Hause Polz ist letzterer nun auch innerhalb der Familie angekommen, denn Walter Polz – Onkel von Erich Polz Junior – stieg aus dem Familienbetrieb aus und heuerte vergangenen Herbst bei Investor Hans Kilger an, leitet nun die „Domaines Kilger“. Jahrzehntelang hatte er das Weingut mit seinem Bruder Erich Polz Senior geführt, nun aber gehen sie geschäftlich getrennte Wege. NeuausrichtungNun ist also die vierte Generation am Werk und Erich Polz Junior will mit Bruder und Kellermeister Christoph einiges neu denken. Die Anbauflächen wurden von 105 auf rund 80 Hektar verkleinert und sollten künftig ausschließlich biologisch-organisch bewirtschaftet werden.

Top-Lagen

Der Fokus liege darauf, was Polz einst groß gemacht habe: die Konzentration auf das Vinifizieren von Weinen aus den Top-Lagen wie Grassnitzberg, Hochgrassnitzberg oder Obegg, heißt es. Kein Wunder, sind die Bewertungen dieser Weine doch einzigartig: Der Sauvignon Blanc der Ried Hochgrassnitzberg etwa beeindruckt mit dezenter Würze, aber kräftigem Körper, ist mineralisch und verfügt über gute Länge. Der Chardonnay vom Obegg schmeckt saftig, aber zugleich elegant, ist fruchtig, aber nicht zu süß, besonders mineralisch und hat einen langen Abgang.

Pikant dabei: Die Top-Lage Obegg gehört Walter (und Renate) Polz. Da dieser nun für Hans Kilger arbeitet, könnte es also durchaus möglich sein, dass dieser die wertvollen Weinhänge künftig pachten möchte. Immerhin geht es hier um einen besonderen Leithakalk-Boden, entstanden vor mehr als zehn Millionen Jahren aus Resten von Algen, Korallen, Muscheln und Schnecken.

Investor auf EinkaufstourLange wurde über Kilgers Engagement und seine Investments in der Steiermark unter Einheimischen getratscht, seit Walter Polz nun aber die Leitung seines Weinguts übernommen hat, ist er auch für Platzhirsche wie Tement oder Sabathi ein ernstzu- nehmender Konkurrent. Und einer, der es offensichtlich ziemlich ernst meint: Seit etwa einem Jahr kauft er in der Südsteiermark zusammen, was nicht niet- und nagelfest ist. So gehören zu seinem Portfolio neben Weingärten unter anderem der Stupperhof in Kitzeck, das Loisium Ehrenhausen, die Peterquelle-Gruppe oder das Gasthaus Hasewend in Eibiswald – um nur einige Beispiele zu nennen. Mit dem Schloss Gamlitz schloss er einen langfristigen Pachtvertrag ab, zuletzt wurde auch bekannt, dass er sich die Mehrheitsanteile der Domäne Müller sichern möchte. Nun soll der Münchner Wirtschaftstreuhänder Gerüchten zufolge seine Fühler auch nach Carnuntum ausstrecken.

Staunen und StirnrunzelnNicht wenige Südsteirer waren skeptisch. Was will dieser Geschäftsmann aus München? Baut er vielleicht eine Immobilienblase auf, die dann zerplatzt? „Ich spüre die Vorbehalte“, sagte Kilger dazu bereits im vergangenen Herbst im Interview, und es ärgert ihn. „Wenn man sich mit mir beschäftigen würde, würden die Leute sehen, dass ich ihnen nichts wegnehmen will.“ Die Betriebe, die er übernommen hat, seien zum großen Teil ohne Zukunft gewesen. Hunderte Arbeitsplätze habe er in der Region geschaffen, daher „habe ich mittlerweile null Toleranz, wenn jemand so einen Blödsinn erzählt“. Im Weinsektor möchte er das Premium-Segment bespielen, dafür sei die Region ideal geeignet.

Mit Kilger werden also viele Millionen in die Region gepumpt, das kann schließlich auch die Region verändern samt ihren Größenverhältnissen. Im Hause Erich Polz sieht man das aber gelassen, von Konkurrenz will man hier nicht sprechen. Vielmehr würde man sich freuen, dass damit die steirische Weinszene bereichert würde und mit Walter Polz ein Profi am Werk ist. Einzig wenn es dazu komme, dass plötzlich viel mehr Masse produziert werde, könnte es problematisch werden – denn damit wäre die Region auch im Preissegment unter Druck.

Herausfordernde Region

Danach sieht es aber nach derzeitiger Betrachtung bei Kilgers Investments nicht aus. Und das bestätigt er auch selbst: „Die Region ist herausfordernd in Boden- und Rebbearbeitung. Man muss fast alles per Hand machen, die Arbeit auf den steilen Hängen ist intensiv. Hier ist es gar nicht möglich, einen Wein in Massenproduktion kostendeckend herzustellen.“ Natürlich gebe es Produzenten, die das tun, „aber ob unterm Strich Profit übrig bleibt, ist mehr als fraglich“.

Wie sich die Region entwickelt, wird sich in den nächsten Jahren herauskristallisieren, wenn die Veränderungen Fuß gefasst haben. Noch höherwertiger könnte es werden. Jedenfalls wird es spannend bleiben, mit den alten, neuen und interessanten Familienbanden. Das weinaffine Publikum ist gespannt. Die vinophile Reise zum nächsten Level hat in der Südsteiermark offenbar gerade erst begonnen.

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