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freizeit Essen & Trinken
08/23/2021

Covid-Infektion: Wie ein Feinspitz wieder lernt, etwas zu schmecken

Gastrokritiker Michele Crippa hat selbst den Geschmackssinn verloren und hilft jetzt den Italienern wieder zu riechen.

von Ute Brühl

Michele Crippa hatte einen besonderen Gaumen - und war für den in den gastronomischen Kreisen Italiens berühmt. Er konnte feinste Aromen erkennen. Als Gastrokritiker entdeckte er den Duft von Champagner in rohen Kaffeebohnen aus Nicaragua und schmeckte Spuren von grünen Erbsen in einer Mischung aus Kenia.

Bis zum 17. März 2020, um 9.40 Uhr. Damals trank der 32-Jährige eine Tasse Kaffee - und schmeckte nur heißes Wasser. Den Feinspitz ereilte somit ein Schicksal wie das vieler Corona-Erkrankten: Er verlor seinen Geruchs- und Geschmackssinn.

Ein weiter Weg

Damit wollte sich der Italiener nicht abfinden und wollte das Schmecken wieder lernen. Mit Hilfe von Experten für sensorische Analysen, die Winzer und Trüffelsucher ausbilden, hat er sich monatelang umgeschult. Auch wenn er glaubt, dass er noch einen weiten Weg vor sich hat, bevor er wieder zu seinen früheren Riechleistungen zurückkehren kann, ist er in Italien zu einem Symbol für gastronomische Widerstandsfähigkeit geworden - und für die Hoffnung, dass die anhaltenden Auswirkungen von Covid-19 überwunden werden können.

Therapiekurs

Und er hat für Leidensgenossen mithilfe des Tasters Research Center einen Therapiekurs organisiert. Im Center vereinigt sich eine Gruppe von Professoren der Lebensmittelwissenschaften, die glauben, dass der Geruchssinn mit dem Hypothalamus verbunden ist, dem Teil des Gehirns, der eine entscheidende Rolle bei der Steuerung von Emotionen spielt, einen Therapiekurs organisiert.

Wie viele Mediziner sind Crippa und seine Partner der Meinung, dass das Abrufen einer mit einem Geruch verbundenen Erinnerung dazu beitragen kann, die durch das Virus unterbrochenen neuronalen Bahnen zu reaktivieren.

10-Punkte-Leitfaden

Sie haben begonnen, Online-Trainingseinheiten zu organisieren, Anleitungen zu veröffentlichen und stundenlang persönliche Ratschläge und Hinweise zu geben. In den italienischen Medien stellt Crippa seinen 10-Punkte-Leitfaden zur Wiederherstellung des Geruchs- und Geschmackssinns vor. Und er arbeitet an einem Rezeptbuch für Menschen, die ihren Geschmackssinn verloren haben.

Besser verstanden

Und davon gibt es viele: "Als ich Michele entdeckte, fühlte ich mich sicherer und besser verstanden", sagte Martina Madaschi, 22, eine Studentin des Workshops, die vor einem Jahr ihren Geruchssinn verlor, nachdem sie sich in Bergamo infiziert hatte. Sie kämpfte nun damit, den Mandelextrakt in einem unbeschrifteten Fläschchen zu riechen, das ihr unter die Nase gehalten wurde.

Michele Crippa kniete neben Madaschi und bat sie, sich an den "Geschmack, die Konsistenz und den Geruch" der Nüsse zu erinnern. Sie konnte es nicht. Aber dann gab er ihr ein Fläschchen mit Minze und führte sie durch ihre Erinnerungen an eine Sommernacht.

"Virgin Mojito", sagte Madaschi und erinnerte sich an den minzigen Geruch des Getränks. "Ich hätte es von selbst nie erkannt."

Es sind solche kleinen Erfolgserlebnisse, die Crippa darin bestärken, anderen dabei zu helfen, das zurückzugewinnen, was er am meisten liebt.

"Haben Sie eine Vorstellung davon", sagte er, "wie sehr ich Barolo-Verkostungen vermisse?"

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