Sasha Pivovarova (l.) in einem Kleid namens "Catharsis" aus der Frühlingskollektion 1995, Dior von Gianfranco Ferré, Fei Fei Sun (r.) in "Francis Pulenc" aus der Frühlingskollektion 1950, Dior von Christian Dior

© PETER LINDBERGH/TASCHEN

freizeit
11/07/2019

Der letzte Blick

Vor zwei Monaten starb Peter Lindbergh. Ein Foto-Band zeigt jetzt seine letzten, unveröffentlichten Arbeiten für Dior – die noch einmal demonstrieren, was ihn zu einer derartigen Ausnahmeerscheinung machte.

von Andreas Bovelino

Es war sein Blick, der Peter Lindbergh zu einem so außergewöhnlichen Fotografen machte. Sein Blick auf das Wesen der Dinge, auf die Schönheit, die für ihn nie in der Perfektion bestand. Sein besonderer Blick auf Frauen, der 1989 am Strand von New York junge Fotomodelle zu Supermodels machte – gerade WEIL er sie ganz einfach Frauen sein ließ. „Er machte aus unseren Fehlern etwas Schönes, Einzigartiges“, twitterte eine traurige Cindy Crawford, als der deutsche Fotograf vor fast genau zwei Monaten starb.

Es sollte die Aufgabe eines jeden Fotografen sein, Frauen vom Terror der Jugend und der Perfektion zu befreien

sagte Lindbergh, der Photoshop und Retuschen hasste, selbst. Immer wieder.

Die Models vertrauten seiner sanften Stimme, seinen wachen Augen. Sie wussten, dass er sie nie vorführen wollte, nicht als Objekt oder Projektionsfläche seiner eigenen Fantasien missbrauchen wollte. Auch das sieht man in seinen Bildern, in denen es immer um Gefühle geht, ein ganz besonderer Moment festgehalten wird. Und, egal ob er Hollywoodstars oder Models ablichtete, immer auch ein besonderes Gesicht.

„Es sind ihre Gesichter, die mich an Frauen wirklich interessieren“, gab er offen zu, ohne sich groß um die Vorgabe von Modehäusern zu kümmern.

Im Taschen Verlag erscheint jetzt Peter Lindberghs letzter Blick auf Dior-Mode, und so auch die Modefotografie, werde sehr oft mit der Vorstellung einer bis ins letzte Detail reichenden Perfektion verbunden, und er habe „einfach ganz große Lust, 70 Jahre Couture aus dem beschützten Dior-Museum mit dem Leben von heute zu konfrontieren“. Das tat Lindbergh da, wo es „am härtesten zugeht“, auf den Straßen New Yorks.

Das Ergebnis ist so faszinierend wie alles, was der Mann in seinem Leben gemacht hat. Kultkleider, viele davon noch von Christian Dior selbst entworfen, im wuselnden Alltag der Metropole. Frauen, die verträumt oder zielstrebig wirken, glücklich, nachdenklich, verletzlich und stark. Deren Schönheit nicht von den Kleidern, die sie tragen abhängt. Sie helfen nur, uns auf sie aufmerksam zu machen. Mit all ihren kleinen Fehlern ...

Das Vermächtnis eines wahren Meisters.

TASCHEN „Peter Lindbergh. Dior“, von Peter Lindbergh und Martin Harrison.
Hardcover, 2 Bände im Schuber,
28 x 37 cm, 520 Seiten, € 150