1969, ein Konzert für 5.000 Menschen sollte es ursprünglich werden – einer der größten Mythen der Musikgeschichte ist daraus geworden: Woodstock. Hier macht sich Joe Cockers Band bereit zum Auftritt.

© Elliott Landy / Magnum Photos / picturedesk.com

freizeit
06/06/2019

Das Wunder von Woodstock

Vor 50 Jahren fand das legendärste Festival aller Zeiten statt: Woodstock. Zum Jubiläum will der Original-Veranstalter einen neuen Event der Superlative auf die Beine stellen. Die Vorzeichen stehen in vielerlei Hinsicht schlecht – aber vielleicht sorgt ja genau das für den nötigen Spirit.

Die große Liebe, ein schöner Traum, der erste Kuss. Es gibt Dinge, die lassen sich nicht wiederholen. So sehr wir uns auch bemühen, ihnen atemlos hinterherrennen. Die Wiederholung schmeckt nicht mehr so, fühlt sich anders an. Gut vielleicht, ja. Routiniert – auf jeden Fall. Aber es ist einfach nicht mehr dasselbe ...

Woodstock 50“ also, kann das klappen? „Auf keinen Fall!“, möchte man da sofort antworten. Woodstock 1969, das war doch einzigartig, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Santana, Joe Cocker, The Who – alle auf einem Platz. Und dazu der Spirit, Love & Peace und lange Haare, lockere Sitten, Befreiung von den Zwängen der konservativen Nachkriegsgesellschaft und Protest gegen Vietnam auch und gegen das Patriarchat und für Sex – alles war in dieser Wundertüte.

Ja schon, ist auch alles richtig. Und ein wenig gar romantisch.  Wie die Sache mit dem ersten Kuss. Woodstock war damals ein Festival von vielen. Zumindest in der Planung. Genau die gleichen Musiker spielten davor in Monterey, beim Miami Pop Festival, in Atlanta, beim Atlantic City Pop Festival und noch einigen anderen. Das Besondere an Woodstock war in erster Linie eigentlich, dass es völlig aus dem Ruder lief. Mitverantwortlich dafür war damals ein sympathischer Lockenkopf, der 25-jährige ehemalige Besitzer eines Ladens für Marihuana-Utensilien, der im Jahr davor schon recht erfolgreich in Miami ein Open-Air auf die Beine gestellt hatte: Michael Lang.

Ein Mann, ein Traum

Er plante groß, an die 5.000 Besucher, die er dem ersten Farmer in Woodstock, von dem er eine Wiese mieten wollte, einredete,  glaubte er selbst wohl kaum eine Minute. 80.000 Menschen sollten kommen. Dann 100.000. Nein, 150.000, also mehr als in Atlanta. Schließlich einigte er sich mit seinen Partnern auf eine Kapazität von  180.000 erwarteten Besuchern. Zwei Mal musste deshalb die Location verlegt werden, weil den Anrainern die Sache mit den vielen Hippies nicht gefiel. Schließlich landete Lang mit seinem Team in Bethel, 70 Kilometer südwestlich der beschaulichen Künstlerkolonie von Woodstock, wo alles begonnen hatte.

Wer ein Konzert dieser Größe ankündigt, macht Menschen neugierig. Wer nicht für die nötigen Zufahrtswege sorgt, die einen derartigen Zustrom bewältigen können, kommt in die Nachrichten. Mit Bildern eines endlosen Hippiestroms, der sich auf den Weg nach Mekka macht. Was durchaus viele Menschen dazu bringt zu sagen: „Hey, hast du schon gehört, was in Woodstock los ist? Lass uns doch auch hinschauen, da muss es ja megamäßig abgehen!“

Als die Sache schon vor Beginn der ersten Band nicht mehr kontrollierbar war, ließ Michael Lang seinen Produktionskoordinator John Morris schließlich den legendären Satz verkünden: „It’s a free concert from now on!“ Gratis-Eintritt? Leiwand.

Der interaktive Musikfestival Guide 2019

Gemma Woodstock!

Der neue finanzielle Anreiz war auch ganz ohne Internet erstaunlich rasch kommuniziert, und aus 200.000 Menschen wurden in relativ kurzer Zeit weit mehr als 400.000. Und hier setzt wahrscheinlich die tatsächliche Magie ein. Eine derartige Menschenmasse kombiniert mit viel zu wenig Security, kaum sanitären Einrichtungen, dazu  fehlte es an Verpflegung jeder Art: Besucher heutiger Festivals hätten auf der Stelle eine Online-Beschwerde eingereicht, sich beim Ombudsmann aufgeregt oder Mama angerufen, dass sie sofort wieder abgeholt werden wollen. Aber damals passte ganz einfach der Spirit. Und wer das nur auf rauchbare Substanzen zurückführt, macht es sich dann doch ganz einfach zu einfach. Wenn, dann könnte unsere Beschwerde-Gesellschaft sich hier ein bisschen was abschauen ...

"Aber die Musik – das waren schon ganz andere Kaliber damals! Legenden halt.“ Nein, waren sie nicht. Legenden sind Jimi, Janis & Co. heute. Damals waren sie angesagte Musiker, die einfach richtig viele Platten verkauften. Dazu kamen neue, spannende Acts wie Santana oder die blutjunge Melanie.

Sieht man sich die fürs „Woodstock 50“ angekündigten Acts an,  gibt es per se keinen großen Unterschied, im Gegenteil. Mit Gary Clark Jr., Jay-Z, Miley Cyrus, The Raconteurs, Janelle Monae, Run The Jewels einerseits und jungen Acts wie Maggie Rogers, Bishop Briggs, IAMDDB, Cherry Glazerr und vielen weiteren andererseits wird genau das nachempfunden, was auch vor 50 Jahren wichtig war: Zeitgemäßer Pop, Rock und Soul von arrivierten Kräften und jungen Wilden. Wer später mal eine Legende wird, das muss die Zukunft erst zeigen. Aber das wusste man 1969 auch noch  nicht. Man hat einfach mal den Augenblick genossen.

Am seidenen Faden ...

Wird diesen Sommer in Woodstock nun gespielt oder nicht? Die Antwort auf diese Frage lautet natürlich nein. Denn auch diesmal soll das Konzert nicht in Woodstock, sondern im 70  Kilometer entfernten Watkins Glen abgehalten werden.  Und ob es das wird, hängt – natürlich – wieder einmal an einem seidenen Faden. Veranstalter Michael Lang, mittlerweile ein visionärer Mittsiebziger, sind die angepeilten Zuschauerzahlen wieder einmal nach oben entglitten. Der Sponsor bekam kalte Füße und sprang nicht nur ab, sondern wollte verbieten, dass das Konzert überhaupt durchgeführt werden darf. Mittlerweile gibt es einen Gerichtsbeschluss, nachdem das Festival sehr wohl stattfinden darf.  Michael Lang ist überzeugt, dass es klappt. Woher er das nötige Geld bekommt, stand zu Redaktionsschluss noch nicht fest.  Aber ein Mann wie er scheint alles möglich machen zu können ...

Star-Regisseur Martin Scorsese, der als Assistent und Cutter bei den Dreharbeiten zum oscarprämierten Woodstock-Film dabei war, meinte später: „Ohne den Film wäre Woodstock nur eine Notiz unter vielen aus dieser Zeit. Erst durch den Film konnten die Menschen es miterleben. Und erst dadurch entstand der Mythos.“ Vielleicht hat er Recht. Zum Teil. So wie die, die auf den Spirit verweisen, der nie wieder so war wie damals.  Und klar,  viele der Performances waren atemberaubend. Aber zu einem guten Teil beruht die Magie dieser Tage auch auf den Visionen eines jungen Mannes, der zu groß plante. Mit einer Betonung auf groß und weniger auf plante. Michael Lang. Und wenn man sich die Schwierigkeiten ansieht, mit denen sein Projekt „Woodstock 50“ konfrontiert ist, die ganzen Widerstände, die vielen Male, die es nun schon totgesagt wurde, möchte man fast sagen: „Wow, das könnte was werden.“

Buch-Tipp:

Woodstock – Chronik eines legendären Festivals“, Mike Evans & Paul Kingsbury, riva Verlag, 288 Seiten, 24,99 Euro

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