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Freizeit
03/17/2021

Das Ich als Kunstwerk: Vom Selbstporträt zum Selfie und retour

Lange vor den Instagrammern entdeckten Künstler die Lust an der Inszenierung des Selbst. Was für Warhol das Polaroid, war für van Gogh die Leinwand.

von Bernhard Praschl

Wer bin ich? Und vor allem wie viele? Was bei manchem Instagrammer bisweilen den Charakter einer Challenge um das coolste Motiv annimmt, hat bei großen Meisterinnen und Meistern des Selbstporträts einen ganz anderen Zweck – den der Selbsterfahrung. Der Selbsttherapie. Und auch der Selbstbestätigung. Was aber sind die Motive hinter den Selbstporträts?

Ein Museumsdirektor und eine Psychologin geben Auskunft.

Die mexikanische Künstlerin Frida Kahlo (1907-1954) etwa versuchte so den Schmerzen zu entkommen, die sie nach einem Busunfall ihr Leben lang verfolgen sollten.

„Ich male mich, weil ich sehr viel Zeit alleine verbringe, und weil ich das Motiv bin, das ich am besten kenne“, erklärte sie einmal ihre beachtliche Serie von 55 Selbstporträts. Mit diesen verarbeitete sie nicht nur erlittenes physisches Leid, sondern auch die Ehekrise und spätere Trennung von Diego Rivera. 

Andy Warhol: Mann mit der Kamera

Ganz anders hingegen die zahlreichen Selbstporträts von Andy Warhol (1928-1987). Der Pop-Art-Künstler wirkt darin stets distanziert, ganz darum bemüht, zumindest  länger als 30 Minuten lang berühmt zu sein. Man könnte vermuten, dass hinter ihnen ein sehr selbstverliebter Künstler steckt.

Bei allem, was man über den vor 34 Jahren verstorbenen Selbstdarsteller weiß, mag das auch zutreffen. „Selbstbildnisse sind mehr als andere Werke vom Vorwurf betroffen, einer narzisstischen Künstlerhand zu entspringen“, bestätigt die Berliner Psychologin und Verhaltenstherapeutin Aline Vater. Denn „während Porträts den Blick des anderen widerspiegeln, der für das Modell weniger steuerbar ist, sind Selbstporträts maximal gestalt- und manipulierbar“.

"Ich bedaure, wie immer..."

Warhol traf mit seinen Selbstporträts offenbar den Nerv der beginnenden Ego-Ära. Van Gogh (1853-1890) hingegen vermochte es, zeit seines Lebens nur ein einziges Bild zu verkaufen. Die Verzweiflung darüber spricht aus nicht wenigen seiner Selbstbildnisse. Dass er sich selbst so häufig malte, hatte  daher auch einen simplen Grund: Ihm mangelte es schlicht und einfach an Geld.

Seinem Bruder Theo  schrieb er einmal: „Ich bedaure, wie immer – das ist dir ja bekannt –, dass ich so selten Modelle haben kann, und  alle die tausenderlei Unannehmlichkeiten, um diese Schwierigkeit zu überwinden.“ In der Lage dürften sich viele Künstlerkollegen befunden haben.

Was sagt die Psychologin?

Psychologin Aline Vater: „Selbstporträts zählen zu den klassischen Genres der Kunst. Sie lieferten den bildenden Künstlern Informationen über die menschliche Physiognomie und strapazierten im Gegensatz zu Modellen den Geldbeutel nicht.“

Diese Porträts  können aber mehr als bloße Selbstdarstellungen verkörpern. Wesentlich mehr. Von der Aktbild-Pionierin Paula Modersohn-Becker (1876-1907) über Maria Lassnig (1919-2014) zu Cindy Sherman (geb. 1954) ist gerade die weibliche Kunstgeschichte geprägt von feministischen Blicken in den Spiegel. Das sei „ein starkes Mittel“, so Vater, „um mit sich selbst ins Gespräch zu kommen und Klarheit über Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse zu gewinnen, die sich an der Grenze des Sagbaren bewegen“.

Zeigen statt sagen

Mit seinem „Selbstbildnis als 13-Jähriger“ bewies der junge Albrecht Dürer (1471-1528) nicht nur Können. Sondern auch einen Sinn für Symbolik.

Der ausgestreckte Finger auf dem rechten Bildrand gibt jedenfalls bis heute Rätsel auf.

Virtuos auch, wie sich anno 1524 ein Spross einer Künstlerfamilie aus dem italienischen Parma abbildet: Parmigianino (1503-1540). Sein berühmtes Selbstporträt hängt in der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums in Wien und scheint auch Vorlage für sämtliche Schallplattencover mit einem Motiv in „Fischaugenoptik“  zu sein. Revolutionär: Hier scheint die Hand im Vordergrund zu versuchen, zum Betrachter zu greifen.

Von Parma zum gebratenen Speck: Der Katalane Salvador Dalí (1904-1989) präsentierte vor 80 Jahren sein ironisches Selbstporträt „Soft Self-Portrait  with Grilled Bacon“.

Der Meister selbst ist leicht an dem legendären Zwirbelbart zu erkennen. Aber auf einer Scheibe gegrilltem Speck? Dalís surreale Erklärung dafür lautete: „Der Speck ist ein Symbol der organischen Materie. Das Konsequenteste unserer Darstellung ist nicht der Geist oder Vitalität, sondern die Haut.“

„Ich werde oft gefragt“, so die Psychologin aus Berlin, „ob Künstler eigentlich narzisstischer sind als andere Personen. Die Frage nach der ,Künstlerpersönlichkeit’ kann nicht hinreichend mit empirischen Befunden beantwortet werden.“

Einen Dürer, einen Dalí oder einen Warhol gab’s eben wirklich nur ein Mal. 

Schröder: "Am Anfang war Albrecht Dürer"

Durch die Bildermaschine „Instagram“ erfährt das „inszenierte Ich“ ungeheuren Auftrieb. Klaus Albrecht Schröder, Direktor der Albertina in Wien, erklärt, was ein Selbstporträt von einem Selfie unterscheidet.

Auf der einen Seite scheint das Selbstbildnis heute so aktuell wie nie zuvor in der Geschichte zu sein. Wir sprechen geradezu von einer Selfie-Kultur. Auf der anderen Seite kommt mit dieser inflationären Selbstabbildung, dem Selbstbildnis sein eigentlicher Kern abhanden: Eine treffsichere und erhellende Aussage über den Charakter, das Wesen eines Menschen, seine gesellschaftliche Rolle, seine Position in und zur Welt.

Das erste Selbstbildnis

Die Albertina ist in der glücklichen Lage, das erste abendländische Selbstbildnis überhaupt zu besitzen: jenes des 13-jährigen Knaben Albrecht Dürer. Darüber hinaus das erste Selbstbildnis, in dem der Künstler sein Selbstverständnis als Artist Modi artikuliert, als einer, der von der Welt nicht verstanden wird. Es handelt sich dabei um die berühmte Zeichnung von Pieter Bruegel dem Älteren, das auf jegliche Ähnlichkeit mit dem Künstler verzichtet zu Gunsten eines Herausstreichens eines Künstlerselbstbildes, das zukunftsträchtig werden sollte. Natürlich hat die Albertina in ihren Zeichnungen und Druckgrafiken das gesamte Spektrum der Selbstthematisierung von Rembrandt.

Über Jahrhunderte oszilliert das Selbstbildnis zwischen dem Streben nach Ähnlichkeit und der Darstellung, der Repräsentation: dem Selbstverständnis als Künstler. Erst im 20. Jahrhundert ändert sich das radikal mit dem Auftreten von Egon Schiele. Er sollte der einflussreichste und zukunftsträchtigste Künstler für das Selbstbild über die nächsten 100 Jahre werden.

Insbesondere bei Maria Lassnig, Cindy Sherman und Elke Krystufek, aber auch bei Arnulf Rainer, Georg Baselitz und Günter Brus, bei Valie Export und Jim Dine kommt der Frage, wieweit eine Abbildung des eigenen Gesichtes, des eigenen Körpers eine Aussage über das Ich trifft oder eine gesellschaftliche Aussage darstellt, immense Bedeutung zu.

Dem Thema der Selbstdarstellung Egon Schieles und seiner Folgen widmet sich die große Herbstausstellung in diesem Jahr in der Albertina Modern.

Sie reicht von Egon Schiele bis Cindy Sherman. Von der Selbstthematisierung als Heiliger, als Artist Modi, als dem Tod geweihter bis zu den Rollenbildern der Amerikanerin. Sie reicht von der Selbstentdeckung noch nie erprobter mimischer und gestischer Ausdrucksweisen bei Arnulf Rainer bis zur feministischen Attacke gegen die Fremdbeschreibung des Weiblichen Ich bei Valie Export. Sie reicht von der existenziellen täglichen Selbstbefragung bei Jim Dine, der über 350 Selbstbildnisse gezeichnet hat, bis zu den tagebuchartigen Notaten bei Elke Krystufek.

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