Zug fährt ab! Aber erst, wenn die Strecke übers Telefon freigegeben ist. Ganz hinten 
Obmann Nemec, davor „Chefin“ Jeannine Platzer, mitten in den Bergen: ihr Partner 
Dominic Dolinsky. Fürs Foto wurden kurz die Masken abgenommen

© Kurier/Jeff Mangione

Reportage
02/21/2021

Boom der Modellbahn: Diese Bastler verstehen Bahnhof

In Corona-Zeiten ist die Nachfrage nach Miniatur-Zügen stark gestiegen. Was macht die Modelleisenbahn so faszinierend?

von Daniel Voglhuber

Dann geht nichts mehr am Bahnhof Bad Güntersbrunn. Der alte Triebwagen bleibt wie die Dampflok im Schienen- und Weichengewirr stecken. „Du musst die Fahrstraße aufmachen“, sagt der Obmann zur „Chefin“ am Fahrdienstleiter-Stand. „Hab ich ja“, entgegnet die junge Frau energisch. Der Eisenbahnbetrieb ist eine komplexe Angelegenheit. Nicht nur im realen Leben, auch im Betrieb mit Maßstab 1:87. Aber beide sind Profis, Knöpfe werden gedrückt – sie verstehen Bahnhof. Zug fährt ab.

Es ist Nachmittag in den Räumen der Arbeiter Modellbau Vereinigung (AMV) Johnstraße – einem der ältesten Moldellbauvereine Wiens. Regelmäßig – wenn auch wegen Corona seltener und weniger – treffen sich die Mitglieder in den Vereinsräumen unter einer Schule in Rudolfsheim-Fünfhaus. Darunter der Vereinsobmann Alfred Nemec und Jeannine Platzer, die von allen ehrfurchtsvoll „Die Chefin“ genannt wird.

Frivoles Treiben am FKK-Badeplatz

Die Anlage, auf der sie fahren, ist ein wahr gewordener Bubentraum. Eine beinahe heile Welt auf 150 Quadratmetern. Schroffe Klippen, sanfte Hügel und bunte Häuser, logistisch aufwendige Stationen. Die Züge fahren neben idyllischen Ortschaften am offenbar gesitteten Sommerfest des AMV vorbei. Oder am eher frivolen Treiben bei einem kristallklaren Teich. Neben einem FKK-Badeplatz parkt ein Wohnwagen, worauf eine blinkende Schrift „LOVE“ signalisiert. Da können zwei empörte Reiter nur umdrehen.

Besuch beim Modellbahnverein in der Johnstraße

Ab und zu geht es auf der Anlage auch etwas frivol zu – zumindest hier am FKK-Badeplatz.

Besuch beim Modellbahnverein in der Johnstraße

Gesitteter geht es beim AMV-Sommerfest zu.

Besuch beim Modellbahnverein in der Johnstraße

Ein Blick auf die Anlage 

Besuch beim Modellbahnverein in der Johnstraße

Zug fährt ab! Aber erst, wenn die Strecke übers Telefon freigegeben ist. Ganz hinten  Obmann Nemec, davor „Chefin“ Jeannine Platzer, mitten in den Bergen: ihr Partner  Dominic Dolinsky. Fürs Foto wurden kurz die Masken abgenommen

Besuch beim Modellbahnverein in der Johnstraße

Blick auf die Uhr.

Das Fahren sei aber nicht das Wichtigste, versichern die Mitglieder. Vielmehr stehe die Technik im Vordergrund. „Die Faszination am Modellbau ist der Weg von der Idee im Kopf zur Realisierung. Gemeinsam mit Kollegen über technische Probleme zu reden und an einer Lösung zu arbeiten“, sagt Nemec. Die Modellbauer tüfteln an Schaltungen, Fahrwerken und Schienenplänen. Die hübsche Landschaft kommt immer erst zum Schluss. Modellbau ist ein Hobby, das einiges an Zeit braucht. Und viele Menschen haben davon während der Corona-Krise genug.

Modelleisenbahnen erleben daher einen Boom. Nachfrage beim europäischen Marktführer Märklin: „Die Indizien für eine höhere Nachfrage nach Modelleisenbahnen sind vorhanden“, heißt es dort technisch-nüchtern. „Märklin-Fans haben 2020 auffallend mehr Zeit mit ihrem Hobby verbracht und andere ein neues Hobby für sich entdeckt.“ Ende Dezember hatte Märklin einen um 40 Prozent höheren Auftragsbestand als zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr. Die Firma hat Produktionskapazitäten aufgestockt.

Jüngstes Mitglied ist 21, ältestes 101

Beim Club in der Johnstraße, wo man auf andere Marken setzt, habe es trotz Booms noch kein verstärktes Interesse gegeben, meint Nemec. Das Durchschnittsalter der 45 Mitglieder liegt bei 61,7 Jahren. Die jüngste Person ist 21, die älteste 101 Jahre alt. Sie ist eine der wenigen Damen in der Runde, wie die 25-jährige Maschinenbautechnikerin Platzer. „Ich bin die Chefin hier. Die Herren finden gut, dass ich das mach’. Und ich konnte schon immer mehr mit Männern.“

Einmal im Monat ist Fahrbetrieb – in Nicht-Corona-Zeiten sind die Türen für Besucher offen. Was den Verein so besonders macht: Wenn die Züge rollen, dann nach Fahrplan. Da sitzen zwei Personen an einem Stand. Wenn sie einen Zug losschicken, greifen sie zum Telefon – zurufen können sich die Stationsvorstände im realen Leben auch nichts.

Besuch beim Modellbauverein in der Wiener Johnstraße

Auf der Anlage in der Wiener Johnstraße sind meist  alte  Modelle in hübscher Landschaft unterwegs.

Besuch beim Modellbauverein in der Wiener Johnstraße

Die Anlage unter einer Schule.

Besuch beim Modellbauverein in der Wiener Johnstraße

Aufwendige Schienenkonstruktionen

Besuch beim Modellbauverein in der Wiener Johnstraße

Hübsche Dörfer

Besuch beim Modellbauverein in der Wiener Johnstraße

Der Nachbau des Wiener Westbahnhofs. Nicht eingepfercht zwischen zwei monströsen Blöcken, so wie es derzeit der Fall ist.

Besuch beim Modellbauverein in der Wiener Johnstraße

Nur schauen, nicht greifen

Besuch beim Modellbauverein in der Wiener Johnstraße

Obmann Alfred Nemec

Besuch beim Modellbauverein in der Wiener Johnstraße

Es wird Nacht im Würstelstand am Westbahnhof im Untergeschoß der Anlage. 

Besuch beim Modellbauverein in der Wiener Johnstraße

Komplizierte Schaltungen

Besuch beim Modellbauverein in der Wiener Johnstraße

Die Züge kommen hier vom Ober- ins Untergeschoß

Besuch beim Modellbauverein in der Wiener Johnstraße

Eine schöne alte Dampflok

Gefahren wird mit Zügen der „Epoche 3“, die zwischen 1945 und 1970 im Einsatz waren. Nur wenn Fasching ist, kennt die Begeisterung keine Grenzen. Nemec: „An drei Besuchstagen können alle Fahrzeuge, die wir im Club haben, benutzt werden.“ Sehr zur Freude von Dominic Dolinsky, der gerne S-Bahnen und Schnelleres losschickt. „Der Railjet ist mir am liebsten.“ Der 30-Jährige ist Platzers Partner. Sie haben sich im Verein kennengelernt.

Aber – wir erinnern uns – tüfteln geht vor fahren: „Wir sind anders als andere keine Showanlage. Das wollen wir auch nicht“, sagt Nemec. Solche sind – anders als das wieder erwachte Interesse am Bau – seit Jahren ein Renner. Kaum eine Familie auf Hamburg-Trip, die nicht das Miniatur Wunderland besucht. In der größten Anlage der Welt liegen auf 1.500 Quadratmetern rund 16 Kilometer Gleise. Auch im Wiener Prater steht seit Sommer 2020 das „Königreich der Eisenbahnen“ um 13 Millionen Euro, das dereinst das zweitgrößte der Welt sein will.

Schöne Summen. Auch im kleineren Rahmen ist Modellbau ein nicht ganz günstiges Hobby: „Insgesamt werde ich 70.000 Euro ausgegeben haben“, meint Nemec.

Hohe Summen für kleine Züge

Für die dicke Brieftasche leidenschaftlicher Sammler hat die Branche einiges in petto. Vor einigen Jahren hat Singer-Songwriter Neil Young für einen guten Zweck mehr als 230 Stücke seiner wertvollen Modelleisenbahn-Sammlung versteigert und knapp 300.000 Dollar erzielt. Und die Unternehmen selbst lassen sich ohnehin immer wieder etwas für ihre Fans einfallen. „Märklin produziert immer wieder kostbare Sammlermodelle in einer geringen Stückzahl. Das grüne Krokodil (die alte E-Lok ist quasi das Markenzeichen der Firma) aus Platin mit einer Auflage in lediglich zweistelliger Stückzahl war Sammlern mehrere Zehntausend Euro wert. Grundsätzlich ist begehrt, was aufwendig produziert wurde“, heißt es beim Betrieb aus Franken. „In jüngster Zeit war es zum Beispiel das goldene Krokodil, das mit 24-karätigem Feingold überzogen wurde und auf 3.500 Modelle begrenzt war.

Solche Spompanadeln braucht man beim AMV eher nicht. Die Mitglieder expandieren viel lieber die seit 1980 bestehende Anlage in ein noch nüchternes Untergeschoß. In ein paar Jahren soll auch hier eine so bunte Welt wie wenige Meter oben drüber entstehen. Über eine Spirale kommen die Züge von dort zum Endpunkt, dem Wiener Westbahnhof. Und der ist – nicht eingepfercht zwischen den zwei umstrittenen monströsen Gebäude-Blöcken in der Wirklichkeit – Glanzstück genug.

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