© Klobouk Alexandra

freizeit
09/02/2021

Weinviertler Kellergassen und ein Tarantinos Gebeinhaus

Christian Seiler geht 10.000 Schritte. Von Fahrndorf bis Ziersdorf. Und er sieht einen Friedhof, der ihn an Filme erinnert.

von Christian Seiler

Auf einer Wanderung durch das westliche Weinviertel komme ich nach Kiblitz, einen kleinen Ort, der zur Gro√ügemeinde Ziersdorf geh√∂rt, Postleitzahl 3710, 128 Einwohner. In der h√ľbschen Kellergasse f√§llt mir ein wei√ü verputztes Geb√§ude auf, das einen anderen Charakter hat als die √ľblichen Weinviertler Weinkeller. Auf dem Dach w√§chst Gras. √úber dem von behauenem Stein ummantelten Eingangstor erhebt sich eine geschwungene Fassade, auf der ein Schild aus Stein befestigt ist. Ich kann darauf die in altert√ľmlicher Schrift verfasste Jahreszahl der Errichtung lesen: 1792.

1792, das ist das Jahr, als in Paris die 1. Republik ausgerufen, als Franz II. zum r√∂misch-deutschen K√∂nig gew√§hlt, als in Venedig das Teatro La Fenice er√∂ffnet wurde. Kiblitz, urkundlich zum ersten Mal 1140 als ‚ÄěChubilizi‚Äú erw√§hnt, steuert zu diesem Jahr diesen Keller bei. Da steht er noch. Das erf√ľllt mich mit Ehrfurcht.

Ich gehe weiter, komme an einem Haus vorbei, das offenbar einmal eine Schule gewesen ist, biege nach rechts in Richtung Rohrbach ab und passiere ein ausladendes Grundst√ľck, in dessen Mitte ein Gutshof steht. Man sieht dem ehemaligen Zehenthof selbst von der Stra√üe aus seine barocke Vergangenheit an. Auch er stammt aus dem 18. Jahrhundert. Die ehemalige Parkanlage hat vielleicht nicht mehr den Glanz fr√ľherer Zeiten, der Gehsteig liegt voller Ringlotten, die nicht geerntet wurden.

Friedhof Kiblitz

Ich wechsle auf die andere Stra√üenseite und n√§here mich dem Friedhof, der, umgeben von einer wei√ü gekalkten Mauer, au√üerhalb des Ortes abseits der Stra√üe liegt. Der Friedhof von Kiblitz ist ein besonderer Ort. In der Fluchtlinie des Eingangstores steht nicht nur ein m√§chtiges Kruzifix, sondern auch ein von wildem Wein √ľberwachsenes Beinhaus, das jedem Film von Quentin Tarantino als Kulisse dienen k√∂nnte: eigenwillig, geheimnisvoll und ein bisschen verwunschen.

Ich kann nicht widerstehen und √∂ffne das Friedhofstor, gehe auf das Beinhaus zu und versuche, die T√ľr zu √∂ffnen: Mit einem knarrenden Ger√§usch geht sie auf. Ich trete ein.

Auf dem Boden eine Grabplatte, an der Stirnseite eine Art Altar, an der Decke die Reste einer bunten L√ľftelmalerei. Das Beinhaus ist kein Beinhaus, sondern ein Mausoleum, eine Familiengruft der Familie Riegler, die um die Jahrhundertwende vom 19. aufs 20. Jahrhundert den Gutshof bewohnt und f√ľr den Weg in die Ewigkeit diese Zeitkapsel erbaut haben. Ich verliere sofort jede Orientierung. Ist jetzt 2021 oder doch erst 1912?

‚ÄěDieser Friedhofsgrund wurde im Jahre 1912 vom Gutsb. Ant. u. Marie Riegler der Gemeinde Kiblitz gestiftet‚Äú, sagt eine Tafel, das k√∂nnte ein Hinweis sein.

Sp√§ter setze ich mich vor dem Friedhof auf eine Bank, um mich wieder an die Gegenwart zu gew√∂hnen. Ein freundliches Paar f√§hrt vor, um Blumen an ein Grab zu bringen. Wir kommen ins Gespr√§ch, und es stellt sich heraus, dass ich gerade den Chronisten des Ortes kennengelernt habe, der mir zwischen T√ľr und Angel mehr erz√§hlt √ľber Ort und Leute, als ich sonst in langer Recherche erfahren h√§tte. Noch einmal nimmt die Vergangenheit Gestalt an.

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