Weinviertler Kellergassen und ein Tarantinos Gebeinhaus

Weinviertler Kellergassen und ein Tarantinos Gebeinhaus
Christian Seiler geht 10.000 Schritte. Von Fahrndorf bis Ziersdorf. Und er sieht einen Friedhof, der ihn an Filme erinnert.

Auf einer Wanderung durch das westliche Weinviertel komme ich nach Kiblitz, einen kleinen Ort, der zur Großgemeinde Ziersdorf gehört, Postleitzahl 3710, 128 Einwohner. In der hübschen Kellergasse fällt mir ein weiß verputztes Gebäude auf, das einen anderen Charakter hat als die üblichen Weinviertler Weinkeller. Auf dem Dach wächst Gras. Über dem von behauenem Stein ummantelten Eingangstor erhebt sich eine geschwungene Fassade, auf der ein Schild aus Stein befestigt ist. Ich kann darauf die in altertümlicher Schrift verfasste Jahreszahl der Errichtung lesen: 1792.

1792, das ist das Jahr, als in Paris die 1. Republik ausgerufen, als Franz II. zum römisch-deutschen König gewählt, als in Venedig das Teatro La Fenice eröffnet wurde. Kiblitz, urkundlich zum ersten Mal 1140 als „Chubilizi“ erwähnt, steuert zu diesem Jahr diesen Keller bei. Da steht er noch. Das erfüllt mich mit Ehrfurcht.

Ich gehe weiter, komme an einem Haus vorbei, das offenbar einmal eine Schule gewesen ist, biege nach rechts in Richtung Rohrbach ab und passiere ein ausladendes Grundstück, in dessen Mitte ein Gutshof steht. Man sieht dem ehemaligen Zehenthof selbst von der Straße aus seine barocke Vergangenheit an. Auch er stammt aus dem 18. Jahrhundert. Die ehemalige Parkanlage hat vielleicht nicht mehr den Glanz früherer Zeiten, der Gehsteig liegt voller Ringlotten, die nicht geerntet wurden.

Friedhof Kiblitz

Ich wechsle auf die andere Straßenseite und nähere mich dem Friedhof, der, umgeben von einer weiß gekalkten Mauer, außerhalb des Ortes abseits der Straße liegt. Der Friedhof von Kiblitz ist ein besonderer Ort. In der Fluchtlinie des Eingangstores steht nicht nur ein mächtiges Kruzifix, sondern auch ein von wildem Wein überwachsenes Beinhaus, das jedem Film von Quentin Tarantino als Kulisse dienen könnte: eigenwillig, geheimnisvoll und ein bisschen verwunschen.

Ich kann nicht widerstehen und öffne das Friedhofstor, gehe auf das Beinhaus zu und versuche, die Tür zu öffnen: Mit einem knarrenden Geräusch geht sie auf. Ich trete ein.

Auf dem Boden eine Grabplatte, an der Stirnseite eine Art Altar, an der Decke die Reste einer bunten Lüftelmalerei. Das Beinhaus ist kein Beinhaus, sondern ein Mausoleum, eine Familiengruft der Familie Riegler, die um die Jahrhundertwende vom 19. aufs 20. Jahrhundert den Gutshof bewohnt und für den Weg in die Ewigkeit diese Zeitkapsel erbaut haben. Ich verliere sofort jede Orientierung. Ist jetzt 2021 oder doch erst 1912?

„Dieser Friedhofsgrund wurde im Jahre 1912 vom Gutsb. Ant. u. Marie Riegler der Gemeinde Kiblitz gestiftet“, sagt eine Tafel, das könnte ein Hinweis sein.

Später setze ich mich vor dem Friedhof auf eine Bank, um mich wieder an die Gegenwart zu gewöhnen. Ein freundliches Paar fährt vor, um Blumen an ein Grab zu bringen. Wir kommen ins Gespräch, und es stellt sich heraus, dass ich gerade den Chronisten des Ortes kennengelernt habe, der mir zwischen Tür und Angel mehr erzählt über Ort und Leute, als ich sonst in langer Recherche erfahren hätte. Noch einmal nimmt die Vergangenheit Gestalt an.

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