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12/17/2021

Neues Zeug, das leuchtet

Zwei Designerinnen und eine Keramikerin setzen mit ihrer Lampen-Manufaktur Neu/Zeug auf hohen Designanspruch, traditionelles Handwerk und neueste 3D-Druckverfahren. Das UBM Magazin war zu Besuch in ihrer Porzellan-Werkstatt in Oberösterreich.

Durch die hohen Bogenfenster dringt diffuses Licht in die gründerzeitliche Werkshalle. Hinter einer schweren Tür wummern die Motoren der Rührmaschinen. Eine milchige Patina liegt wie ein Fotofilter über den Werkbänken und skulpturalen Objekten. Hier die bauchigen Gussformen aus Gips und gegenüber, auf einem Holzregal, die daraus gegossenen Porzellan-Formen. Beate Seckauer hält den Rohling der Lampe Callisto gegen das Tageslicht. „Dieser Schirm wird aus bone china gefertigt, der Diva unter den Porzellanarten. Beim Brennen macht die enthaltene Knochenasche das Material lichtdurchlässig.“

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Hier, in der traditionsreichen Ortschaft Neuzeug an der oberösterreichischen Eisenstraße, betreibt die Keramikerin ihre Porzellan-Manufaktur Neuzeughammer. 2009 übernahm sie die Gründerzeit-Fabrik, in der einst feines Tafelbesteck produziert und in alle Welt verkauft wurde. Während das „neue Zeug“, das dem Ort seinen Namen gab, einst für Silberzeug und Besteck stand, so sind es heute die Lampen des preisgekrönten Labels Neu/Zeug, die aus der hiesigen Manufaktur ausgeliefert werden.

Dieser Schirm wird aus bone china gefertigt. Beim Brennen macht die enthaltene Knochenasche das Material lichtdurchlässig.

Beate Seckauer, Inhaberin der Porzellan-Manufaktur Neuzeughammer

Callisto, der jüngste Neuzuwachs in der Lampen-Manufaktur, ist eine Leuchte, die im In- und Outdoor-Bereich unterschiedlich eingesetzt werden kann. Sie funktioniert als Hängeleuchte und – gedreht und mit Sockel – wird sie zur Tischlampe oder zur Außenleuchte mit Kerze. „Ausgangspunkt beim Design war eigentlich die klassische Laterne“, erklärt Karin Santorso. Das Modell dafür hat Seckauer händisch modelliert. „Erst durch die leichten Unregelmäßigkeiten bekommt der Entwurf etwas Lebendiges“, ergänzt Barbara Ambrosz. Gemeinsam betreiben sie das Design-Studio Lucy.D in Wien und in Steyr.

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Vom Industriedesign zur Manufaktur

Das Kreativduo konnte sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten bereits einen Namen in der internationalen Designszene machen. Mit ihrer recycelten Keramik-Kollektion Ryker schafften sie es auf Anhieb in renommierte Design-Shops, Museen sowie ins International Design Yearbook 2005. Für Alessi entwarfen sie einen intelligenten Teelöffel, für das Wiener Kaffeehaus Landtmann eine von Wallpaper prämierte Torten-Kollektion, und ihre archaische Trinkschale Liquid Skin für Lobmeyr steht im Museum of Modern Art in New York. 

Mit dem Label Neu/Zeug gehen die drei Firmengründerinnen seit 2017 einen neuen Weg. An der Schnittstelle zwischen innovativem Design, traditionellem Handwerk und neuester Technologie entstehen Produkte, die nachhaltig, regional und zukunftsweisend sein sollen. Ein wichtiger Aspekt ihrer Arbeit, da sind sich die drei einig, ist der rege Austausch untereinander während des gesamten Entstehungsprozesses. „Jedes Produkt wird vom Entwurf bis zur Produktion ganz eng zusammen entwickelt“, so Santorso. Nur so könne sichergestellt werden, dass das Design auch tatsächlich den Materialeigenschaften entspricht.

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Das neue Leben von Daisy

In der hinteren Ecke der Porzellan-Manufaktur werden die Rohlinge gerade von einer Mitarbeiterin händisch glasiert, bevor sie ein zweites Mal in den Brennofen kommen. In der Stellage dahinter lagern die Farbpigmente. In einigen dieser Kübel steckt ein Stück österreichischer Design-Geschichte, wie Seckauer verrät. „Als Lilien Porzellan 1999 die Daisy-Serie einstellte, verschenkte der Betrieb in Wilhelmsburg die Original-Pigmente, und ich konnte mir ein paar der Farben sichern.“ 

Ein historischer Schatz in meeresgrün, rosé, gelb und hellblau, der in der ersten Neu/Zeug-Kollektion Pearls fortan weiterlebt. „Diese Farben waren der Ausgangspunkt unserer gestalterischen Überlegungen“, erzählt Santorso. Daraus entwickelten die Designerinnen die geometrischen Formen, die sich modular zu individuellen Skulpturen zusammensetzen lassen. „Wir ergänzten die Farbkollektion mit lachs, grau, blau, schwarz und weiß. Durch die Verwendung von eingefärbtem Porzellan als Engobe ergibt sich ein Spiel zwischen matten und glasierten Oberflächen“, beschreibt Ambrosz das mit dem Blickfang-Design-Preis ausgezeichnete Konzept.

Vom Leinenkabel bis zum Graskarton

Mit der Serie Pearls stellten die drei zu Beginn das Crowdfunding auf die Beine, das all ihre Erwartungen übertraf. „Es zeigte uns, dass der Markt reif war für ein hochwertiges Design-Produkt mit einer regionalen und nachhaltigen Wertschöpfung“, so Santorso. Mittlerweile stattet Neu/Zeug auch Großkunden wie Hotels und öffentliche Einrichtungen mit Beleuchtungskonzepten und geschossübergreifenden Lichtinstallationen aus.

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Der Markt war reif für ein hochwertiges Design-Produkt mit einer regionalen und nachhaltigen Wertschöpfung.

Karin Santorso, Designerin und Mitgründerin von Neu/Zeug

„Pearls ist ein ganzheitliches Produkt, das wirklich zu Ende gedacht ist“, darin sind sich die Unternehmerinnen einig. Der oft vernachlässigte Baldachin wurde im Design mitgedacht, der Strom führt durch ein hochwertiges Leinenkabel, die Verpackung besteht aus recycliertem Graskarton und kommt durch die modulare Verwendung ganz ohne Kunststoff aus. Und natürlich müssen auch Corporate Identity und Kommunikation stimmig sein, so der Anspruch.

Wie viele heimische Produzenten, so konnte auch Neu/Zeug in der Corona-Krise von steigendem Absatz profitieren, wie Seckauer freudig anmerkt. „Auf einmal gab’s diese Konzentration auf das Regionale.“ Was sonst oft viel Erklärungsarbeit brauchte, um Kunden von der höheren Wertigkeit eines regionalen und nachhaltigen Produktes zu überzeugen, war in der Pandemie – mit Lieferengpässen aus China – plötzlich selbsterklärend.

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Porzellan-Leuchten aus dem 3D-Drucker

In der Werkshalle öffnet Seckauer die breite Tür des größten Brennofens, der soeben neu mit Heizwendeln ausgekleidet wurde. Er hat ein Fassungsvermögen von 1300 Liter und ist das Herzstück der Manufaktur. Auch hinter die schwere Tür lässt die Keramikerin blicken, wo das Rührwerk die Porzellanmasse ständig in Bewegung hält. Das Handwerk spricht hier eine durch und durch analoge Sprache.

In diesem 3D-Porzellan-Druck steckt sehr viel experimentelle Forschungsarbeit.

Barbara Ambrosz, Designerin und Mitgründerin von Neu/Zeug

Wenn allerdings die filigranen Scheiben der Serie Laces hier im Ofen gebrannt werden, dann verschränkt sich dieses traditionsreiche Handwerk mit der neuesten Technologie. In Kooperation mit dem Ingenieur Ernst Forster wurde für Neu/Zeug ein eigener 3D-Drucker für Porzellan entwickelt. Die dreidimensionalen Ornamente der Wand- und Pendelleuchten können damit seriell produziert werden.

„In diesem 3D-Porzellan-Druck steckt sehr viel experimentelle Forschungsarbeit“, so die Designerin Barbara Ambrosz. „Da das Porzellan beim Trocknen schwindet und eine spezielle Konsistenz haben muss, brauchte es für den ersten Prototypen einige Anläufe.“ Die lichtdurchlässigen, organischen Strukturen werden von dimmbarer LED-Technik hinterleuchtet und sorgen für eine weiche Lichtstimmung im Raum.

Ob handwerklicher Feinschliff oder computergenerierter 3D-Druck, was macht denn für das Neu/Zeug-Team am Ende ein gutes Produkt aus? „Wenn man es schafft, den zukünftigen Käufer zu inspirieren und ihm eine neue Vision von Produkten zu geben.“

Reportage: Gertraud Gerst Fotos: Gertraud Gerst, Neu/Zeug

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