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UBM Development
02/24/2020

Ein Hochhaus legt sich „quer“

Das Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron soll dem Gelände der 1875 gegründeten Moskauer Badaevskiy-Brauerei neues Leben einhauchen. Der Entwurf dazu ist in der Tat spektakulär: Ein auf Stelzen ruhendes Hochhaus legt sich in 35 Metern Höhe quer über restaurierte historische Gebäude.

Die Moskauer „Badaevskiy“ war eine der ältesten Brauereien Russlands. Seit ihrer Schließung in den 2000er Jahren dämmerten die meisten der historischen Gebäude verlassen vor sich hin. Abgesehen von jenen, in denen sich private Betreiber mit Geschäften und Lokalen um Erhaltung bemühten. Jetzt wird das sechs Hektar große Fabrikgelände in einen modernen neuen Stadtteil verwandelt. Das Konzept dazu stammt vom Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron. Und es sieht einen beeindruckenden Neubau vor, der wie ein horizontales Hochhaus quer über revitalisierten Gebäuden „schwebt“.

Preisgekrönter Entwurf

Herzog & de Meurons Entwurf wurde im Dezember 2019 beim World Architecture Festival in Amsterdam mit einem Award ausgezeichnet. Die Jury bezeichnete das Projekt als kluges Beispiel für „kritische Erhaltung“. Es sei eine „mutige Gegenüberstellung von Altem und Neuem, die den Einsatz von Pilotis im städtischen Raum neu interpretiert“. Auch die Jury der MIPIM Awards, die im März 2020 in Cannes vergeben werden, zeigte sich beeindruckt: Das Projekt zur Revitalisierung der Badaevskiy Brauerei ist einer der Finalisten in der Kategorie „Best Futura Mega Project“.

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Das quer liegende Hochhaus ist allerdings nicht alles, was den Entwurf besonders macht. Die 2017 vom russischen Investor Capital Group beauftragten Schweizer Architekten haben vorab mehrere Jahre detaillierter Arbeit in die Planung investiert. Immerhin liegt das Areal der Badaevskiy Brauerei in einer sensiblen Zone, am Ufer der Moskwa und nur wenige Kilometer vom Kreml entfernt. Und es galt, historische Substanz zu erhalten.

Denkmalgeschützte Industriebauten

Zwei von drei zwischen 1875 und 1912 errichteten Ziegelbauten – die Gebäude „1“ und „3“ – waren unter Berücksichtigung von Denkmalschutzauflagen zu sanieren. Insgesamt 30.000 Quadratmeter alter industrieller Strukturen sollten restauriert und für neue Nutzung bereitgemacht werden.

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Gebäude „1“ ist ein Arkadenbau im Stil der russischen Romantik. Es hat eine Fläche von 20.000 Quadratmetern und liegt im östlichen Bereich des Areals. Gebäude „3“ indes ist ein Industriecluster im englischen Stil und liegt am westlichen Ende: Eine 15.000 Quadratmeter große, komplexe Ansammlung von einzelnen Einheiten auf acht Etagen mit variabler Höhe.

Das faszinierende Gebäude „3“

Jede dieser Einheiten hat ihre eigene Fassade und Symmetrie, Doch die Ziegelstruktur und gemeinsame industrielle Nutzung vereint alle zu einem stimmigen Ganzen.

Vier neue interne Lichtquellen und der vorhandene Innenhof bringen Tageslicht in die tiefen Ebenen. Dadurch wird die ursprüngliche vertikale Clusterstruktur des Gebäudes betont, ohne die historische Außenhülle zu beeinträchtigen.

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Haus „2“ – der eigentliche Mittelpunkt des Ensembles – war bereits verloren, als Herzog & de Meuron die Aufgabe in Angriff nahm. Deshalb wird dieses Gebäude nun mit Hilfe historischer Dokumente völlig neu gebaut. Und zwar exakt so, wie es sein ursprünglicher Entwurf einst vorgab. Seine 3.000 Quadratmeter Fläche werden künftig eine große Halle und – ähnlich seiner früheren Funktion – eine kleine lokale Brauerei beherbergen.

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„Die restaurierten Gebäude sind ein Teil der Stadtgeschichte und das Herzstück unseres Projekts“, betonen die Architekten. Nach sorgfältiger Modernisierung sollen diese Bauten für verschiedene öffentliche Zwecke verwendet werden.

Bunte Nutzungspalette

So werden sie unter anderem Raum für eine Kindertagesstätte, eine Schule, Kunst, Handwerk und einen Bauernmarkt bieten. Eine Banja, also ein traditionelles russisches Badehaus, ist ebenfalls vorgesehen. Außerdem sollen hier ein Fitness-Center mit Pool, Restaurants, Gemeinschaftsräume, Geschäfte, Cafés und die kleine lokale Brauerei mit Museum hier Platz finden.

Man müsse in die Erhaltung der historischen Substanz investieren, um das wertvolle Ensemble vor dem endgültigen Verfall zu bewahren, heißt es bei Herzog & de Meuron. Mit der Renovierung der Fassaden allein sei es nämlich nicht getan. Das Ziel der Architekten: Die Sanierung aller tragenden Wände, Gewölbe, Kuppeln, Bögen, gusseisernen Säulen und anderen einzigartigen architektonischen Elemente. Denn der Charakter der alten Badaevskiy Brauerei soll erhalten bleiben.

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Nicht unter Schutz stehende und desolate Gebäude werden abgerissen. Um ausreichend Platz für Neubauten zu schaffen, ohne zu viel Fläche für vorgesehene Grünzonen zu verlieren, konzipierte das renommierte Architekturbüro eine „erhabene“ Lösung: Das außergewöhnliche, horizontale Hochhaus, das auf Stelzen in 35 Metern Höhe quer über dem Gelände „schwebt“. Eine Idee, die auch verhindern sollte, dass der neue Trakt das Gelände in privilegierte und weniger privilegierte Bereiche trennt.

Hoch & quer gibt mehr Fläche her

Die von der Stadt vorgegebene maximale Höhe von 75 Metern werde planmäßig eingehalten. Das auf seinen Stelzen quer gelegte Hochhaus soll nach der Fertigstellung rund 100.000 Quadratmeter Wohnfläche aufweisen. Und zwar ohne für andere Teile des Großprojekts benötigten Boden zu verbauen.

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Auf der dadurch gewonnenen, freien Fläche soll ein Stadtpark entstehen. Ein vielfältiger Grünbereich, der sich unter der schwebenden Struktur und zwischen den Ziegelbauten auftut und über die Flussfront erstreckt. Weil das Hochhaus auf Stelzen ruht, bleiben die historischen Gebäude trotz der Verdichtung des Geländes sichtbar und mit Fluss und Stadt verbunden. Das gesamte Areal soll öffentlich und durchlässig gestaltet werden. Damit wird einfacher und direkter Zugang von der Flusspromenade zum neuen Mikrokosmos ermöglicht.

Nähe zu Lissitzkys „Wolkenbügel“

Obwohl der „horizontale Wolkenkratzer“ viele Vorteile bringe, habe man anfangs gezögert, eine Gebäudetypologie zu entwickeln, die an El Lissitzky's legendären „Wolkenbügel“ erinnert, erklären die Architekten. Dieser sei schließlich eine Ikone der russischen Avantgarde. Allerdings habe das Projekt hier ohnehin „nicht heroisch oder monumental“ gewirkt: „Das Gebäude fliegt nicht. Es steht eher auf vielen schlanken Stelzen, wie eine erhöhte Hütte im Wald. Die Stelzen verbinden es wie Baumstämme mit Boden und Park“.

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Den künftigen Bewohnern soll das Hochhaus auf Stelzen hohe Qualität bescheren. Alle Wohnungen in der schwebenden Struktur sind „oberste Stockwerke“. Und sie bieten erstklassigem Blick auf die Brauerei, den Kutusow-Prospekt, das Ukraina Hotel, die Staatsduma und die Stadt.

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Der neue Komplex verläuft entlang der Grundstücksgrenze am Flussufer. Er folgt den Umrissen der historischen Strukturen und der Nord-Süd-Ausrichtung des alten Industrienetzes. Daraus ergibt sich eine wellige Form. Diese ähnelt der Geometrie der mäandrierenden Gebäude am Wasser, die sich in diesem Teil des historischen Moskau befinden. Und sie eröffnet freie Aussicht auf den Fluss.

Die Apartments werden individuell gestaltet. Ihre verglasten Fassaden sollen famosen Panoramablick bieten. Zudem verfügen alle neuen Wohnungen über große Balkone. Damit erhält jeder Bewohner seine private Outdoor-Oase im Zentrum von Moskau. Die größten diese luxuriösen Außenbereiche sind Dachgärten, die zu den acht Sky-Villen gehören. Für Parkplätze, Liefer- und Hilfseinrichtungen steht ein unterirdischer Komplex mit drei Etagen bereit, der alle Gebäude miteinander verbindet.

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Der größte Vorteil der Badaevskiy-Brauerei besteht in der Schaffung neuer städtischer Räume, die für alle zugänglich sind. Entlang des Flusses eröffnet sich ein neuer, attraktiver Bereich mit Restaurants, Bars und Geschäften. Zwischen dieser Flusspromenade und dem Kutusow-Prospekt wird eine neue Landschaft angelegt.

Stadtpark unterm Hochhaus

Die Grünflächen mit Übergängen zwischen öffentlichen, halböffentlichen und privaten Zonen bieten Rasenflächen und niedrige Bepflanzung, aber auch urbanen Wald. Das gesamte Areal ist Fußgängern vorbehalten.

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Den Ist-Zustand des Umfelds der Badaevskiy Brauerei definieren drei Schritte der historischen Entwicklung: 1875 wurde die berühmte Brauerei knapp außerhalb der Moskauer Stadtmauer als Trehgorniy-Fabrik gegründet. Die Anlage wuchs wie ein Produktionskomplex dieser Zeit: In industrieller Ziegel-Architektur. Mit repräsentativer Front und ungeordneter Ansammlung von Stützgebäuden.

„Moskau City“ drängt himmelwärts

In den 1950er Jahren schnitt der Kutusow-Prospekt durch die alten Stadtblöcke. Er bildete mit einheitlich neoklassizistischen, zwölfstöckigen Wohngebäuden den geraden westlichen Vektor des heute bekannten radialen Schemas der Metropole.

Um die Wende des 21. Jahrhunderts veränderten die Neubauten des neuen Hochhausviertels „Moskau City“ die baulichen Maßstäbe des Standortes.

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„Wir fanden es besonders reizvoll, die Gelegenheit zu nutzen, um einen so radikal anderen urbanistischen Ansatz voranzutreiben. In einer Stadt, die traditionell sowohl in der sowjetischen als auch in der postsowjetischen Zeit Tabula-Rasa-Konzepte bevorzugt“, heißt es in Herzog & de Meurons Projektbeschreibung.

Die Türme am anderen Ufer

Als Beispiele in der Nachbarschaft der Badaevskiy Brauerei nennen die Architekten Gebäude, die man vom Stelzen-Hochhaus aus vor Augen haben wird. Dazu zählen etwa das 206 Meter hohe Ukraina Hotel, Blöcke des Kutusow-Prospekts und natürlich jene der neueren, 350 Meter hohen „Moskau City“.

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Quergelegt, auf Stelzen und im Rahmen der aktuellen Höhenvorgabe: Trotzdem begeistern die Pläne für das Badaevskiy Gelände nicht alle Moskauer. Vor allem jene privaten Betreiber nicht, die sich in den vergangenen Jahren mit Lokalen und Geschäften um neues Leben in der alten Brauerei bemühten. Denn es wurde angeordnet, dass sie die mit eigenem Geld renovierten Gebäudeteile bis Oktober 2019 räumen müssen.

Verärgerte „Locals“, begeisterte Experten

Wie etwa „The Christian Science Monitor“ in einer ausführlichen Reportage berichtet, sollen die verbannten Privatiers keine Entschädigung für ihre Investitionen erhalten. Grund genug für die Betroffenen, sich gegen das Projekt zu engagieren. Dass der Entwurf begehrte Architekturpreise sammelt, wird an ihrer Ablehnung vermutlich nichts ändern können.Das Büro Herzog & de Meuron ist Kummer allerdings gewohnt. Denn die Architekten hatten (und haben) auch bei anderen Großprojekten Hürden zu nehmen. Dass etwa ihre Elbphilharmonie inzwischen ein international bewunderter Besuchermagnet ist, wird trotzdem kaum jemand bestreiten.

Text: Elisabeth Schneyder

Bilder: Herzog & de Meuron

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