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02/23/2021

Corona-Krise: KSV1870 Bewertung als Sargnagel?

Wie pandemiebedingt Unternehmen beurteilt werden und warum jetzt die von Hand recherchierte Bonitätsauskunft ein Revival erlebt, erklärt Gerhard Wagner, Geschäftsführer der KSV1870 Information GmbH.

In Ihrem Unternehmen wird die wirtschaftliche Performance von Unternehmen bewertet. Viele Betriebe liegen am Boden. Und jetzt auch noch ein schlechtes KSV1870 Rating?

Eines gleich vorweg, wir „raten“ niemanden in den Keller, nur weil momentan in gewissen Bereichen kaum Umsätze zu machen sind. Aber wir schauen uns die Unternehmen ganz genau an. Uns ist die große Verantwortung, die mit der Bewertung von Unternehmen einhergeht, mehr als bewusst. Daher haben wir im Vorjahr überlegt, wie wir eine Wirtschaft im Ausnahmezustand seriös abbilden können. Die Herausforderung war und ist, das Ausfallrisiko von Unternehmen, die vor Corona solide wirtschafteten, nun aber stillstehen, realistisch einzuschätzen. Gleichzeitig dürfen wir die Betriebe nicht besser machen als sie sind. Denn unsere Kunden vertrauen darauf, dass KSV1870 Empfehlungen halten.

Der KSV1870 hat stets ein Team von Experten beschäftigt, das harte Zahlen hinterfragt und zusätzlich recherchiert

Gerhard Wagner | Geschäftsführer der KSV1870 Information GmbH

Wie bewerten Sie aktuell ein Unternehmen, das seit Wochen keine Umsätze hat und dazu einen Schuldenberg vor sich herschiebt?

Wir schauen uns an, wie diese Unternehmen vor Corona aufgestellt waren und gehen aktiv auf sie zu. Ist der Betrieb von der Krise betroffen? Wenn ja, wie hoch sind die Umsatzeinbußen? Wurde das Geschäftsmodell angepasst? Welche Hilfsmaßnahmen wurden in Anspruch genommen? Welche Stundungen, also Finanz, Sozialversicherung oder auch durch Lieferanten? Wurde der Tätigkeitsbereich eingeschränkt? Wurden Mitarbeiter gekündigt oder in Kurzarbeit geschickt? Konnte an den Fixkosten gedreht werden? Unser Fazit ist, dass die Unternehmen die Fragen ehrlich beantworten und auch einen Ausblick darüber geben, wie lange sie unter welchen Bedingungen noch durchhalten. Das alles fließt neben harten Fakten, etwa Bilanzen, in die Auskunft ein. Wobei die Aussagekraft von Bilanzen – die aktuellste stammt meistens aus dem Jahr 2019 – in der jetzigen Situation natürlich eine andere ist als früher.

Mussten Sie aufgrund von Corona ihr Bewertungsmodell ändern? Oder zumindest auf Branchen-Ebene anpassen?

Nein, das denken wir nicht. Es macht keinen Sinn, eine Branche in Bausch und Bogen „downzugraden“, denn auch innerhalb dieser gibt es teils massive Unterschiede, was die wirtschaftliche Betroffenheit von Covid-19 betrifft. Wir halten an unserem Bewertungsmodell fest, setzen aber auf eine starke Individualprüfung. Unseren Kunden haben wir klar kommuniziert, dass jetzt wieder die Zeit der von Mitarbeitern recherchierten Auskunft ist. Und tatsächlich hat eine Renaissance stattgefunden.

Wie funktioniert das Auskunftswesen und was ist jetzt anders?

In den vergangenen Jahren sind viele Auskunfteien auf synthetische Auskünfte umgestiegen. Ein weltweiter Trend. Das bedeutet, dass Daten automatisiert in die Systeme eingespielt wurden und ein mathematisches Modell das Risiko errechnet. Fertig. Der KSV1870 hat sich nie nur darauf verlassen und stets ein Team von Experten beschäftigt, das diese Zahlen hinterfragt und zusätzlich recherchiert hat. Wir haben die Automatisierung zwar genutzt, aber den Kontakt zu den Unternehmen nie aufgegeben. Das galt nicht immer als modern, erweist sich jetzt aber als Vorteil. Denn aktuell zählt in der Wirtschaft nur mehr die recherchierte, brandaktuelle Auskunft.

Wie wird es weitergehen, wenn der Staat der Wirtschaft wieder freien Lauf lässt?

Für viele Betriebe, die jetzt schon sehr stark betroffen sind, wird sich die Zukunft entscheiden, sobald sie wieder Ware einkaufen wollen und der Lieferant Sicherheiten verlangt. Spätestens dann stellt sich die Frage nach einem Überbrückungskredit. Und den wird es nicht für alle geben. Bei erschöpfter Liquidität und ohne Garantien wird es schwierig. Denn auch die Banken sind an die Sorgfaltspflicht und Regulatorien gebunden. Ohne also schwarzmalen zu wollen, muss man sagen, dass es viele Unternehmen nicht schaffen werden. Meine Kollegen rechnen für das laufende Jahr bei den Unternehmensinsolvenzen mit einem Plus von rund 20 Prozent gemessen an 2019.

Der Privatkonsum ist eine wichtige Stütze der österreichischen Wirtschaft. Glauben Sie, dass die Nachfrage wieder zurückkommen wird, wenn die Krise vorbei ist.

Dazu kursieren bei uns zwei Theorien. Die Erste: Es ist so viel Umsatz in den Fernabsatz geflossen, dass wir nie wieder das Niveau von vor der Krise erreichen werden. Die Zweite: Das haptische Einkaufserlebnis hat einen so hohen Stellenwert, dass in der Zeit nach der Krise, also wenn alles wieder aufsperrt und die Ansteckungsgefahr niedrig ist, der Konsum einmalig durch zurückgehaltene Urlaubs- und Weihnachtsgelder nach oben ausschlägt, in der Folge aber auf das Vor-Corona-Niveau zurückkehrt. Wir werden sehen, wie es ausgeht.

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