WWF-Geschäftsführerin Andrea Johanides sieht dringenden Handlungsbedarf.

© WWF/VINCENT SUFIYAN

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11/20/2021

„Klimakrise ist ein globaler Notfall“

WWF-Geschäftsführerin Andrea Johanides und Rémi Vrignaud, CEO der Allianz Österreich, im Gespräch über die Weltklimakonferenz, wirksamen Klimaschutz und die Rolle der Finanzwirtschaft.

In den vergangenen Wochen trafen sich Staats- und Regierungschefs mit ihren Unterhändlern in Glasgow bei der Weltklimakonferenz (COP 26) - dem größten Zusammentreffen, um der Klimakrise über alle nationalen Grenzen hinweg den Kampf anzusagen. Wie ist das Ergebnis zu bewerten? Was muss rasch passieren? Wie begegnen Unternehmen der Klimakrise? Welche Rolle spielt die Finanzbranche für eine lebenswerte Zukunft? Andrea Johanides, Geschäftsführerin des WWF Österreich, und Rémi Vrignaud, CEO der Allianz Österreich, haben Antworten.

Frau Johanides, was muss angesichts des enttäuschenden COP26-Ergebnisses jetzt passieren?

Andrea Johanides: Die Staats- und Regierungschefs müssen den Ernst der Lage begreifen und die Klimakrise als das behandeln, was sie ist: ein globaler Notfall. Mit den bisher vorliegenden Plänen sind wir davon meilenweit entfernt. Symbolische Bekenntnisse dominieren, längst bekannte Maßnahmen werden immer wieder aufgeschoben, die wichtige Rolle des Naturschutzes ist unterbelichtet. Das muss sich dringend ändern – und zwar nicht nur in Worten, sondern vor allem auch in den Taten. Wir haben leider schon viel zu oft erlebt, dass sich die Politik nach der Heimreise von Klimakonferenzen nicht mehr an ihre eigenen Zusagen erinnern kann.

Herr Vrignaud, wie bewertet die Allianz als Unternehmen das Ergebnis der COP?

Rémi Vrignaud: Leider haben sich die hohen Erwartungen nicht erfüllt. Es gab bei der COP zwar ein Bekenntnis zum 1,5-Grad Ziel, aber was beschlossen wurde reicht dafür nicht aus. Die Länder werden zwar aufgefordert, bis Ende 2022 ihre Klimaschutzpläne nachzuschärfen, es gibt aber keine Pflicht. Auch die Passage zur Abkehr von der Kohleverstromung wurde immer weiter abgeschwächt. Statt von einem raschen Ausstieg spricht man nur von einem schrittweisen Abbau. Ein schnelles Ende für die Subventionierung fossiler Brennstoffe ist ebenfalls nicht in Sicht. Umso wichtiger ist es jetzt, dass Finanzströme im großen Stil in eine nachhaltige Zukunft fließen. Bei der Allianz haben wir die Notwendigkeit für einen nachhaltigen Wandel schon früh erkannt. Wir warten nicht auf politische Ergebnisse und schaffen bereits seit vielen Jahren Fakten. Als Gründungsmitglied der Net Zero Asset Owner Alliance werden wir weiterhin unseren Beitrag leisten, die Transformation auf dem Weg zu einer klimaneutralen Wirtschaft deutlich zu beschleunigen.

Unsere Ökosysteme sind an einer Belastungsgrenze angelangt. Als Versicherer haben die Folgen dieser Veränderungen eine direkte Auswirkung auf Ihr Kerngeschäft. Wie gehen Sie mit diesem Risiko um?

Vrignaud: Die Klimakrise bringt enorme Risiken für uns alle mit sich. Das haben wir bei diesen gravierenden Unwetterkatastrophen heuer sehr gut gesehen. Als Versicherer möchten wir auch unserer Jugend noch eine lebenswerte Zukunft bieten können. Unser größter Hebel ist dabei unser Kapital. Deshalb haben wir bereits 2014 hinterfragt, worin wir das uns anvertraute Geld investieren und begonnen, unsere Investmentstrategie neu auszurichten. In einer Vereinbarung mit dem WWF haben wir uns dann zu konkreten, messbaren Nachhaltigkeitszielen für unser Portfolio verpflichtet, die wir seither konsequent verfolgen. Und wir fordern unsere Branchenkolleg:innen auf, es uns gleich zu tun. Gemeinsam können wir viel erreichen!

Wir brauchen jetzt nicht nur ambitionierte Ziele, sondern es ist schnelles Handeln gefragt.

Rémi Vrignaud, Allianz Österreich

Was fordert der WWF in diesem Zusammenhang von der Finanzbranche? Was braucht es, damit mehr Geld in nachhaltige Bereiche fließt?

Johanides: Im Kampf gegen die Klimakrise und das Artensterben spielt der Finanzmarkt eine zentrale Rolle. Denn hier entscheidet sich, ob finanzielle Mittel in Unternehmen, Projekte und Technologien fließen, die unserem Planeten schaden oder ob sie einen Beitrag dafür leisten, dass unsere Erde auch für zukünftige Generationen lebenswert bleibt. Einerseits braucht es daher politische Reformen, andererseits müssen alle Finanzinstitute den Klima- und Naturschutz in ihrem Kerngeschäft verankern. Aktuell fehlen aber in vielen Bereichen noch klima- und naturverträgliche Gesetze samt den entsprechenden Standards für die Branche.

Welche Rolle können aus der Sicht einer Umweltschutzorganisation Versicherungen spielen, um eine Transformation rasch voranzubringen?

Johanides: Die Beurteilung von Risiken ist die Kernkompetenz von Versicherungen und daher jetzt besonders gefragt. Klima- und Umweltaspekte mit einem generationsübergreifenden Zeithorizont zu berücksichtigen, ist das Gebot der Stunde. Dafür muss neben der Wirtschaft auch die Politik europaweit einen besseren Rahmen schaffen – mit wirksamen Gesetzen und Standards für den gesamten Finanzmarkt.

Wo sehen Sie Potential in Ihrem direkten Wirkungskreis, um die Transformation ihres Kerngeschäfts weiter rasch voranzutreiben?

Vrignaud: Der Einfluss der Finanzbranche für eine nachhaltige Wirtschaft wird oftmals unterschätzt. Aber es macht einen großen Unterschied, ob Gelder etwa in klimaschädliche Aktivitäten wie den Kohleabbau oder in saubere Bereiche wie erneuerbare Energien fließen. Investitionen dürfen nicht nur auf ihre kurzfristige Profitabilität hin überprüft werden. Es gilt, den langfristigen Einfluss auf Menschen und Umwelt zu berücksichtigen. Bei der Allianz haben wir uns schon 2015 entschlossen, kein Geld mehr in Kohleabbau zu stecken. Wir investieren in Bereiche, die Zukunft haben und Zukunft schaffen und konnten den Nachhaltigkeitsgrad unserer Investitionen stetig weiter erhöhen. Heute stehen wir bei 91,3 Prozent unserer Anlagen, die Nachhaltigkeitskriterien entsprechen. Bis 2030 möchten wir überhaupt keine nicht nachhaltigen Investitionen mehr tätigen. Die Erreichung dieser Ziele lassen wir jedes Jahr unabhängig prüfen. Solch klare Ziele und ihre transparente und glaubwürdige Verfolgung würde ich mir auch von der gesamten Finanzbranche wünschen.

Können wir das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimavertrags noch erreichen?

Vrignaud: Das ist ohne Frage ein ambitioniertes Ziel und mit jedem Jahr, in dem wir dringend notwendige Transformationen hintanstellen, wird es ambitionierter. Ich denke aber auch, wenn wir jetzt mutige, große Schritte setzen und unsere Wirtschaft neu ordnen, dann können wir es schaffen.

Johanides: Treffen wir jetzt die richtigen Entscheidungen, haben wir eine reale Chance. Daher müssen alle Beteiligten rasch vom Reden ins Handeln kommen – das gilt auch für Österreich. Wir sehen uns gerne als Vorreiter, stoßen aber immer noch annähernd gleich viele Emissionen aus wie 1990. Beim Energiesparen gibt es kaum Fortschritte, die Bodenversiegelung geht massiv weiter, jedes Jahr fließen immer noch bis zu 4,7 Milliarden Euro in umweltschädliche Subventionen. So gesehen wäre schon viel gewonnen, wenn die Politik endlich damit aufhören würde, das Falsche zu tun. Darüber hinaus braucht es einen ganzheitlichen Ansatz – das heißt: Die Biodiversitätskrise ist genauso bedrohlich wie die Klimakrise und muss daher auch mit der gleichen politischen Dringlichkeit behandelt werden. Eine intakte Natur ist unsere beste Verbündete gegen die Klimakrise.

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