Die 82-jährige Margarethe Schmidt (re.) teilt mit sieben weiteren Bewohnern eine 350 Quadratmeter große Dachgeschoßwohnung am Kapaunplatz.

© /juerg christandl

Stadtentwicklung
10/01/2014

Zimmer frei in der Senioren-WG

Wien will verstärkt für ältere Menschen bauen – und setzt dabei auf Wohngemeinschaften.

von Elias Natmessnig, Anna-Maria Bauer

Nach dem dritten Schlaganfall war es für Margarethe Schmidt keine Option mehr, alleine zu wohnen. Was, wenn sie beim nächsten Anfall alleine zu Hause ist? Also ab ins Altersheim? "Sicherlich nicht", befand die 82-jährige Witwe. Die Lösung fand ihre Tochter Doris: Eine Wohngemeinschaft für Senioren.

Das Konzept, das seit jeher bei Studenten beliebt ist, wird in letzter Zeit verstärkt von der älteren Generation genutzt. Und soll in den kommenden Jahren in der Bundeshauptstadt weiter ausgebaut werden.

Denn einerseits wird Wien zwar jünger –, aber auch älter. Während vor allem Junge zuziehen, sind viele der alteingesessenen Wiener schon im Pensionsalter. Bereits heute ist rund eine Viertelmillion Wiener mehr als 65 Jahre alt, Tendenz steigend: Bis 2044 soll der Bevölkerungsanteil der 60- und Mehrjährigen von 22 auf 27 Prozent einsteigen. Das berichtete Universitätsprofessor Christoph Reinprecht, Leiter des Instituts für Soziologie an der Uni Wien, der am Montag seine Studie "Ältere Menschen in Wien – sozialwissenschaftliche Grundlage" vorstellte.

Eine WG auf 350

Seit einem Monat wohnt Margarethe Schmidt in einer Senioren-WG des Samariterbunds im Gemeindebau am Kapaunplatz (20. Bezirk). Hier teilt sich die ehemalige Heimhelferin 350 Quadratmeter samt Küche und Wohnzimmer mit sieben weiteren Bewohnern. Natürlich ist das nicht immer einfach. Mit Mitbewohnerin Anna Bichler streitet Schmidt des Öfteren "aufs Heftigste", etwa wegen des Mülls. Trotzdem wollen beide das WG-Leben nicht missen.

Für die Stadt ist dieser Trend vor allem eine Aufgabe. Wohnbaustadtrat Michael Ludwig möchte künftig nicht nur auf Barrierefreiheit, sondern auch auf neue Wohnformen wie Senioren-WGs setzen. "Damit können wir auch der Singularisierung entgegenwirken", erklärt Uni-Professor Reinprecht.

Denn immer mehr Menschen bleiben Single oder haben keine Kinder. Dadurch fällt die Kernfamilie als Unterstützung im Alter weg. Derzeit haben zwar noch rund zwei Drittel der über 80-Jährigen Kinder, die sich um sie kümmern können. "Aber bei den 50- bis 64-Jährigen sind es nur noch etwa ein Drittel, die mit einer möglichen Unterstützung ihrer Kinder rechen können", sagt Reinprecht. Die "neuen Älteren" müssen daher auf alternative soziale Netzwerke wie Nachbarschaften oder Hausgemeinschaften setzen.

Denn: "Alleine ist das Leben einfach nicht so lustig", findet Margarethe Schmidt. Und ein Blech Apfelstrudel könne man alleine ja auch nicht aufessen.

Altes Wien

22 Prozent der Wiener sind derzeit mehr als 60 Jahre alt. 2044 soll dieser Anteil auf 27 Prozent steigen.

Bei der Altersgruppe 75 plus ist die Steigerung noch stärker. Sie werden sich von derzeit 118.000 nahezu verdoppeln.

54 Prozent der befragten Personen über 50 finden WGs gut, um der Einsamkeit zu entfliehen.

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