© Kurier/Gerhard Deutsch

Chronik Wien
01/01/2021

Wo Falco seine Hemden reinigen ließ

Elisabeth Zant ist die gute Seele der Schottenfeldgasse. Menschen vertrauen ihr nicht nur ihre Wäsche an.

von Nina Oezelt

Dring, dring.
Was für ein seltenes Geräusch. Das Fax-Telefon-Gerät in der Putzerei Elisabeth in der Schottenfeldgasse läutet. Elisabeth Zant flitzt durch ihr Geschäft und verschwindet hinter einem gelben Vorhang im Hinterzimmer.


„Was? Ein kleines weißes Zettelchen? In der linken Tasche? Wir werden sofort nachsehen“, sagt sie und legt den Hörer auf das Faxgerät. Im Kassabereich bügelt ihre Mitarbeiterin Marije Gajtani mit Elan Hemden. „Ich habe nichts gesehen“, sagt sie, während sie das Bügeleisen auf dem Profi-Bügeltisch aus den 80ern mit integriertem Dampfgenerator und beheiztem Bügelarm kräftig hin und her bewegt.

Putzerei Elisabeth

In der Schottenfeldgasse 9 gibt es seit 37 Jahren eine Putzerei.

Die Chefin

Elisabeth Zant (64) kennt und liebt ihre Kunden. Die Putzerei ist ihr Leben.

Pelz, Leder, Wäsche

"Pelz bekomme man fast gar nicht mehr zur Reinigung", erklärt sie.

Sortieren, Reinigen, Einpacken

Zuerst werden die Kleider nach Material sortiert, dann gereinigt und zu guter Letzt eingepackt.

Notizen und Masken

Mehr Masken und weniger Zettelchen findet man in den Jacken der Kunden.

Retro

Im Laden von Elisabeth kommt Musik aus der Stereoanlage. "Ich habe alles so, wie vor vielen Jahren", sagt sie mit einem Lächeln auf den Lippen.

Vorführung

Am professionellen Bügeltisch gibt es auch eine Dampfpistole.

In den Taschen: "Früher Zettel, heute Masken"

„Immer wieder vergessen Kunden etwas in ihren Taschen. Früher waren es Zettel, heute sind es Masken“, sagt Elisabeth. Am schlimmsten seien Kugelschreiber. „Wenn die in der Maschine explodieren, dann Gott bewahre“, sagt Frau Zant und klatscht in die Hände. Neben ihr steht eine riesige Trockenmaschine.  Die ist drei Mal so hoch wie sie.


Elisabeth Zant hat dieses Geschäft mit 27 Jahren aufgebaut, heute ist sie 64. In der Schottenfeldgasse  kennt man sie. Ihre Putzerei ist eine von 96 Wiener Putzerei-Betrieben. Textilreinigungen gelten als hygienisch und systemerhaltend und dürfen auch im Lockdown offen halten. Derzeit fehlen  ihnen aber die Kleidungsstücke.


Frau Zant hat ihre Putzerei vor 37 Jahren eröffnet. Mit einem Kredit von 1,4 Millionen Schilling realisierte sie sich damals ihren Traum. Zwei Mal wurde seither eingebrochen: „Einmal ist jemand gekommen und hat einfach fremde Kleidung und meine Geldbörse mitgenommen“, erzählt Frau Zant.

Was sich in all den Jahren verändert hat? „Die Menschen tragen weniger Pelz, es gibt ein neues Bewusstsein“, sagt sie. Was gleichgeblieben ist, ist das Gedächtnis der Menschen. Vergesslich sind sie alle: Pro Jahr bleiben rund 40 Stück in der Putzerei hängen. Kleider, Mäntel, Vorhänge. Aufheben müsste Elisabeth Zant die Teile rechtlich gesehen nur ein halbes Jahr. Aber erst unlängst war ihr eine Dame dankbar, dass sie ihre Lieblingsdecke auch nach zwei Jahren noch zurückbekommen hat.

Stammkunden zu Besuch

Ein Mann klopft an die von innen angelaufenen Tür und lächelt. „Ach, der Dr. Beck!“, ruft Frau Zant, geradezu entzückt.

Der Herr tritt ein und beginnt  zu erzählen. Seiner Frau gehe es gut, und auch den beiden Enkeln. Alle seien also wohlauf, nur der Anzug müsse mal wieder gereinigt werden. Elisabeth Zant nimmt den Anzug entgegen und stellt die Rechnung  aus: 20,50 Euro, Vorauskasse. Dr. Beck ist ein erst kürzlich pensionierter Richter des Verfassungsgerichtshofs und Stammkunde in der Putzerei Elisabeth. „Hier komme ich seit 25 Jahren her“, sagt er.


Und er ist nicht der einzige  Stammkunde. Albertina-Chef Klaus Albrecht Schröder gehört dazu, genauso einige ORF-Moderatoren und Gery Keszler. Sogar Falco brachte seine Roben gerne Elisabeth Zant zur Reinigung. „Hans Hölzel, also Falco, wohnte gleich nebenan“, erzählt sie.

Falcos Du-Angebot

,Elisabeth lass uns per Du sein, wir sind doch gleich alt‘, sagte er damals zu mir“, erinnert sich Frau Zant. Und auch der ehemalige Verfassungshofrichter weiß zu berichten: „Am Tag von Falcos Begräbnis war ich auf dem Weg zur Putzerei und sah, wie  Falcos Mutter schwarz gekleidet ins Taxi stieg.“

In Falcos Wohnung leben heute die Schauspielerin Hilde Dalik und ihr Lebensgefährte Schauspieler Michael Ostrowski, sagt Frau Zant – und geht wieder ins Hinterzimmer.

Mit Fett und Asche reinigte das 3000 Jahre alte Volk der Phönizier.  „Sie ist wohl eine der ältesten Branchen“, erzählt der Wiener Branchensprecher Franz Lang.

Auch die Redewendungf „Geld stinkt nicht“ komme aus der Geschichte der Wäschereinigung. Im alten Rom wurde nämlich Urin (Ammoniak) als Waschmittel verwendet. Damit diese Berufsstände genug Urin zur Verfügung hatten, wurden „öffentliche Toiletten“ aufgestellt.

Kaiser Vespaisan ließ das Volk dafür eine Urin-Steuer zahlen. Sein Sohn fand diese Steuer verwerflich. Doch der Kaiser entgegnete ihm, dass das Geld doch nicht nach Urin roch. Der Sohn verneinte - das Geld stinke nicht und eine Redewendung wurde geboren

Im 19. Jahrhundert erfand man in Frankreich durch einen Zufall – ein Lehrling  hatte eine  Terpentinöllampe verschüttet – die Reinigung mit Lösemittel.


In Wien gab es in den 1970er-Jahren „noch tausende Betriebe, es war ein freies Gewerbe“, sagt Lang. Man benötigte keine Ausbildung, heute gibt es  die Lehrberufsausbildung.

Man will das Know-how der Umwelt- und Reinigungstechnik vermitteln. „In  der Vergangenheit wurden  wir  als Umweltverschmutzer bezeichnet“, sagt Lang.

Er erinnert an Grundwasser-Verschmutzungen oder die Geschichte der Bleicher.

Materialien wurden auf einer Wiese ausgebreitet, mittels Sonne und Wasser einer Oxidation unterzogen. Bleichwiesen gab es auf der Wieden und am Alsergrund. Heute bestehen 96 Betriebe in Wien.

Die Kunst des Detachieren

Dort wird nämlich chemisch gereinigt. „Das ist mein Detachiertisch“, erklärt sie. Und zeigt auf die Arbeitsfläche aus Stahl mit Löchern. Hier werden Flecken zuerst identifiziert und dann analysiert.

Welche Art von Flecken sind es? Blutflecken? Kaffeeflecken? Oder Fettflecken? Dann muss darauf geachtet werden, auf welchem Material sich diese Flecken befinden. Denn für jede Art von Fleck gibt es eigene Lösungen.

Zauberbuch mit Tipps und Tricks

Die Stelle mit dem Fleck wird dann mit den entsprechenden chemischen Mittel bedeckt und  mit der sogenannten Detachierbürste bearbeitet. Danach werden die Kleidungsstücke nochmals gereinigt. Elisabeth Zant hat eine weiße Mappe,  eine Art „Zauberbuch“ voll mit Tipps und Tricks, wie Flecken entfernt werden.

Bei Spinat steht siehe Gemüseflecke, bei Schimmelpilz siehe Stockflecken. Und bei Ruß steht dabei: ...besteht aus mehr oder weniger feinen Kohlenstoffteilchen, vermischt mit teerigen und fettigen Beimengungen sowie Schwefelverbindung.

Dann folgt die Erklärung, wie man den Fleck behandelt. „Ich habe ein Fettlösemittel für Fettflecken. Bei Kleberflecken muss man klopfen und das Fett wird beispielsweise abgesaugt.“

Bleichgeheimnisse

Es gebe natürlich Unterschiede, wie etwa mit Obstflecken oder Kaffeeflecken umzugehen sei. Die wahren Geheimnisse der Reinigung, die gebe es  aber jedenfalls noch beim Bleichen: „Die Dosis ist wichtig, ansonsten können weiße Flecken übrig bleiben.“


Elisabeth Zant hat das Bleichen vor Jahren bei einem Spezialkurs im 14. Bezirk erlernt und auch eine Prüfung dazu ablegen müssen. Das meiste habe sie aber bei der „Putzerei Ingrid“ in Rudolfsheim-Fünfhaus gelernt.Mit dem Pinsel streicht sie über den Kaffeefleck. So, als wäre  das Hemd ihre Leinwand und sie die Künstlerin.


Doch Corona macht auch Putzereien zu schaffen. „Normalerweise wäre hier um diese Zeit mehr los“, sagt sie.Keine Bälle, keine Konferenzen, keine Hochzeiten.  Früher machte sie 800 Euro am Tag. In Zeiten von Corona freue sie sich über einen Tagesumsatz von 80 Euro. „Es gibt fast keine Gründe, derzeit seine schöne Kleidung auszupacken“, sagt sie. Und auch die Dirndl würden fehlen.

Manager in Jogginghose

Krawatten hatten wir schon ewig keine mehr“, sagt Frau Zant. Die Manager seien  im Homeoffice. „Die bleiben  in der Jogginghose.“ 
Ihre zwei Mitarbeiterinnen hat Frau Zant in die Kurzarbeit geschickt. Nach dem ersten Lockdown musste sie einen Überbrückungskredit aufnehmen. Unterstützung bekomme sie  durch den Härtefallfonds, das reiche, um die Fixkosten abzudecken.


Wieder kommt eine Dame herein. Sie scheint verzweifelt und fragt, ob ihre Schwester hier war. Frau Zant kennt die Schwester gut,  sie erzähle immer von ihren  Afrika-Reisen. „Aber heute war sie nicht hier“, sagt Elisabeth Zant.Die Kundin  beginnt zu erzählen – wie schwierig es sei, die fortschreitende Krankheit ihrer Schwester zu ertragen.

Die Demenz mache sich täglich mehr bemerkbar. Frau Zant hört zu und kommentiert.  Manchmal hört sie auch einfach  „nur“ zu. Herzlichkeit wir hier groß geschrieben.
Auch wenn die Kunden  noch kommen, ob die nächsten Jahre  gut genug fürs Geschäft seien, weiß Elisabeth Zant noch  nicht.  Als Nachfolgerin komme jedenfalls ihre Tochter in Frage.

Sie sei zwar selbstständige Raumplanerin,  den Laden der Mama wolle sie aber nicht aufgeben. „Gut, dass sie Dominique-Elisabeth heißt“, sagt Frau Zant. So könne immerhin der Name stehen bleibe

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