© Kurier/Gilbert Novy

Chronik Wien
08/31/2020

Zu Besuch in Wiens letztem Raucherparadies

Es gibt Geheimnisse, die sind wohlgehütet. Eines davon befindet sich in einer Garage im 7. Bezirk. Hier gibt es zu Wurst und Bier noch Zigaretten – trotz des Gastro-Rauchverbots in Innenräumen.

von Nina Oezelt

Hinter dem Möbelhaus Leiner, in der Stiftgassen-Garage in Neubau, versteckt sich Hermann’s Würstelstand. Lediglich ein gelbes Schild mit dem Titel „Würstelstand“ am Eingang gibt den Hinweis, dass hier nicht nur Autos abgestellt werden.

Von Außen erkennt man vage einen Stand: Links fahren Autos zu den Parkplätzen, rechts brutzeln die Würstchen. Wagt man sich etwa vier Schritte in die Garage hinein, erschließt sich einem plötzlich eine neue Welt.

Ein bisschen wirkt es, als stehe man in einem seltsam eingerichteten Wohnzimmer: Zehn Holztische stehen dort, mit karierten Tischtüchern und Gartensesseln. An der rechten Wand ist eine Bank   aus Holz montiert, links rankt Plastik-Efeu.

Dazu: ein Flachbildschirm und zwei große Bilder, die das Meer zeigen. „Die habe ich vom Mistplatz“, sagt Hamid Ajoudan-Garekani. Ihm gehört der Würstelstand. „Die bringen ein bisschen Urlaub in die Garage.“

Ein junger Mann bestellt an der Budel den Bestseller des Hauses: Bosna. Sie kostet vier Euro – und es gibt sie auch in der vegetarischen Variante. „Als Vegetarier war mir das ein Anliegen“, sagt  Ajoudan-Garekani.

Das ist (abgesehen vom ausgefallenen Standort) aber nicht die einzige Besonderheit des Standes.

Am Stammtisch sitzt ein Mann mit Sonnenbrille beim Nachmittagsbier. Dass ihn in der Garage nur das Licht der Lampen blenden kann, ist ihm offensichtlich egal. Er zündet sich eine Zigarette an. Ist das erlaubt?

Ja, stellt sich promt heraus.

„Die  20 Quadratmeter vor dem Stand sind wie ein Schanigarten – trotz Überdachung. Denn der Bereich hat keine drei Wände“, sagt Ajoudan-Garekani. Und damit ist klar: Hermann’s Würstelstand ist das letzte Wiener Raucherparadies.

Freifläche in der Garage

Das Marktamt bestätigt auf Anfrage, dass Ajoudan-Garekani legal handelt. Wirte dürfen nur noch auf Freiflächen rauchen lassen.

Und als solche gelten auch nach oben hin überdeckte Bereiche, deren seitliche Flächen zur Hälfte oder weniger von Wänden oder wandähnlichen Konstruktionen umschlossen sind. Wie bei Hermann’s Würstelstand eben.

Der ist übrigens nach dem Vorbesitzer benannt. Ajoudan-Garekani betreibt den Stand seit etwas mehr als einem Jahr – gemeinsam mit seiner Geschäftspartnerin Irene Paulowitz.

Die beiden haben Erfahrung. Ihnen gehören mehrere Lokale: das Café Kafka in Mariahilf und das Einhorn, das Bukowski, das Horvath, das Ginsberg und das Kreisky in Neubau – allesamt angesagte Beisln und Bars für Studenten, Bobos, Sozialisten, Poeten und Künstler.

Kreisky statt Rechte

Ajoudan-Garekani kennt sich auch mit Politik aus: Er hat einen Doktor in Politikwissenschaft und hat während des Studiums nebenbei immer wieder in der Gastro gearbeitet. „Dort wird debattiert wie in der Politik“, sagt er.

Der Gastronom hat auch eine politische Botschaft: „Uns ist wichtig, dass unseren Gästen klar ist: Wir sind gegen Rechts.“

Der Beweis dafür ist das  Kreisky: Früher hieß das Beisl Café Corny (nach dem damaligen Besitzer Cornelius). Einige „Gäste waren rechtsradikal, kamen aus Verbindungen“, sagt Ajoudan-Garekani. Um sie loszuwerden, wurde das Lokal kurzerhand nach dem bekannten Sozialdemokraten und Ex-Bundeskanzler Bruno Kreisky benannt.

Zwei weitere Gäste kommen in die Garage: Sie  zünden sich eine Zigarette an, bestellen ein Bier (2,70 Euro), ein Essig-Gurkerl (0,40 Euro) und eine Curry-Wurst (3,80 Euro). Die beiden arbeiten nicht weit entfernt, in der Obdachlosen-Einrichtung Gruft.

In der Garage sind die Sozialarbeiter zum ersten Mal: „In keinem Lokal darf man noch rauchen, das ist unglaublich.“ Sie wollen wiederkommen.

Geheimnis unter dem Tisch

„Das Rauchverbot ist bei uns kein Thema, das zieht viele Kunden an. Wenn es regnet, ist hier immer was los“, sagt Ajoudan-Garekani.

Kalt wird den Gästen nicht  – und das hat mit einem Geheimnis zu tun, das sich unter den Tischen verbirgt: „Da sind Heizstrahler, die haben wir aus der Türkei“, sagt der Inhaber stolz. „Sind die Füße warm, bleibt der gesamte Körper warm.“

Das Publikum ist gemischt: Am Stammtisch sitzen meist die, die noch den Vorbesitzer kennen. Professoren, Polizisten und Künstler – alle kann man sie hier treffen. Die Älteren kommen untertags, die Jüngeren abends.

„Wir wollen nicht ,in‘ sein. Hier soll jeder miteinander reden“, sagt Ajoudan-Garekani. Beim Durchbrechen der sozialen Barrieren hilft der Darts-Automat. „Da spielen die Gäste miteinander, die Handys werden weggelegt“, erzählt ein Mitarbeiter.  

Pommes statt Klobasse

In den nächsten Monaten wird sich der Würstelstand verändern. Ein Wuzzler soll dazu kommen, außerdem  ist eine neue Küche geplant. Demnächst wird die Speisekarte überarbeitet.

„Manche Sachen, die hier stehen, sind so alt, die haben wir hier nicht mehr, so wie zum Beispiel die Klobasse“, sagt Ajoudan-Garekani. Stattdessen gibt es bald Pommes.

Ein „Segen“ ist für Ajoudan-Garekani, dass es in der Garage keine Anrainer gibt. Seit der Einführung des Rauchergesetzes habe man als Wirt zusätzlich die Aufgabe, den rauchenden Gästen „nachzulaufen“. Sie dürften nicht zu laut sein und nicht zu viel vor den Türen der Lokale rauchen, denn die Anrainer fühlten sich immer gestört.

Daher kommen die Gäste seiner anderen Lokale zu später Stunde oft ins Hermann’s. Denn dort, weiß die Wiener Gesellschaft, kann man die Nächte noch durchrauchen.

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