Chronik | Wien
19.11.2017

"Wir sind die Neubaugasse der City"

Vor einem Jahr wurde die Herrengasse zur Begegnungszone. Ein Lokalaugenschein.

„Am Anfang wurde gesudert. ,Das ist ein Schmarrn, das brauch’ ma ned’, hieß es“, erzählt Christian Mayer. Er ist Inhaber der Zuckerlwerkstatt in der Herrengasse, die im Vorjahr zur Begegnungszone wurde. Ob Schmarrn oder nicht – bei der Eröffnung im Dezember 2016 gingen die Meinungen auseinander: Optimisten, wie Mayer, befürworteten den Umbau, andere fürchteten das Ausbleiben von Kunden aufgrund weggefallener Parkplätze. Ein KURIER-Lokalaugenschein ein Jahr danach.

Vor der Auslage der Zuckerlwerkstatt drängen sich Buben und Mädchen, sichtlich fasziniert von den regenbogenfarbenen Lollipops. Mayer beobachtet die Szene: „Sie müssen sich nur die Passanten anschauen“, sagt er. „Früher sind sie durch die Herrengasse gehetzt, ohne nach links oder rechts zu schauen. Jetzt flanieren sie.“

Zwar fahren noch Autos durch die Gasse – vorwiegend Lieferanten, Taxis oder Polizeifahrzeuge. Ansonsten gehören die 430 Meter zwischen Freyung und Michaelerplatz aber den Fußgängern und Radfahrern. Es gibt auch keinen Höhenunterschied mehr zwischen Geh- und Fahrbereich.

„Früher war die Herrengasse quasi der Blinddarm vom Kohlmarkt“, sagt Mayer. Seit dem Umbau würden sich aber laufend neue Geschäfte ansiedeln: „Etwa kleine Manufakturen, die Seifen oder Lederwaren anbieten. Man könnte sagen, wir sind jetzt die Neubaugasse des ersten Bezirks“, scherzt er.

„Gesudert wird immer“

Ob er auch negative Rückmeldungen von Kunden höre? „Freilich, gesudert wird immer“, erwidert Mayer. „Manchen gefallen die Laternen nicht. Oder sie klagen, dass es keine Parkplätze gibt. Aber ganz ehrlich: Wer fährt mit dem Auto in den ersten Bezirk, um einzukaufen?“ Die einzige negative Entwicklung aus seiner Sicht: Die Mieten seien gestiegen.

Auch vielen Passanten gefällt die Begegnungszone: Etwa Theresa und Leopoldine aus dem Burgenland, die in der Herrengasse auf Einkaufstour sind. „So gehört eine Stadt, so muss es sein“, sind sich die Seniorinnen einig.

Als „totale Bereicherung“ bezeichnet auch Seraphine Niesen, Verkäuferin im Souvenir-Shop „Vienna 1900“, den Umbau. „ Die Passanten gehen nun mit offenen Augen durch die Gasse und nehmen die Geschäfte wahr.“ Bloß die Rücksichtslosigkeit mancher Radfahrer störe: „Theoretisch kommt hier der Fußgänger an erster Stelle. Manchmal zischen aber Radfahrer bimmelnd zwischen den Passanten durch.“

Selbst einstige Kritiker sind mittlerweile milde gestimmt: Die Inhaber des Tep-pichgeschäfts Chegini beklagten anfangs das Wegfallen der Parkplätze. „Aber es ist jetzt heller und schöner“, sagt Chefin Roya Chegini. Es kämen nicht weniger Kunden – sondern mehr. Und die Parkplätze? Zehn Minuten halten zum Einladen des Teppichs dürfe man ja immer noch: „Es funktioniert schon.“

Am Ende – oder zumindest nach einem Jahr – wird also kaum noch gesudert. Oder wie es Verkäuferin Niesen formuliert: „Man kann sich gar nicht mehr vorstellen, wie es vorher war.“

Tauziehen: Weitere Zonen sind in Planung

Die Herrengasse hat die Begegnungszonen-Debatte schon lange hinter sich, andernorts steht sie noch bevor. Zum Beispiel in Mariahilf. Denn die Otto-Bauer-Gasse und die Gegend um den Loquai-Platz sollen im März umgestaltet werden. In welcher Form, diskutierten Anrainer am vergangenen Dienstag bei einer Versammlung. Auch eine Begegnungszone für die obere Otto-Bauer-Gasse sei debattiert worden, sagt Bezirksvorsteher Markus Rumelhart (SPÖ). Aber: „Es gibt keine eindeutige Meinung dazu.“ Die Dienststellen der Stadt prüfen die gesammelten Ideen der Anrainer nun auf ihre Umsetzbarkeit, im Jänner sollen Ergebnisse vorliegen.

In Döbling stehen die Chancen gut, dass die Probusgasse bald zur Begegnungszone wird. Entsprechende Pläne der MA28 liegen bereits vor, sagt Bezirksvorsteher Adi Tiller (ÖVP). Er warte nun auf die Zusage der Stadt, die Umgestaltung finanziell zu unterstützen – denn „für den achten Bezirk gab es das ja auch“. Dort wird im Frühjahr die Lange Gasse zwischen Josefstädter Straße und Hugo-Bettauer-Platz zur Begegnungszone umgebaut. 80 Prozent der Kosten übernimmt die Stadt.