Das Gösser-Zelt ist das größe auf der Wiener Wiesn. Es fasst bis zu 3.500 Feiernde.

© Kurier/Gerhard Deutsch

Reportage
09/28/2019

Wiener Wiesn: 2,4 Promille und "Hölle, Hölle, Hölle"

Die einen meiden sie, die anderen lieben sie. Fakt ist: Die Wiener Wiesn zieht in ihrem neunten Jahr die Massen in den Prater.

von Konstantin Auer

Es wird geschunkelt. Unter riesigen Kränzen, an denen Würste oder Brezen hängen. Die Bands stimmen „Zicke, zacke, hoi, hoi, hoi“ an. Immer wieder. Manchmal auch ein „ein Prosit der Gemütlichkeit“. Bierdunst hängt in der Luft, die Hemden der Tänzer sind nass vom Schweiß.

Die neunte Wiener Wiesn ist da. Am Donnerstag wurde auf der Kaiserwiese im Prater Eröffnung gefeiert, mit einem „Ang’schlagen is’. Und nicht – wie das bei der Wiesn in München üblich ist – mit einem „O’zapft is’“. Den Besucherrekord aus dem vergangenen Jahr von rund 400.000 Menschen will man in den nächsten zweieinhalb Wochen zumindest wieder erreichen.

Dieses Ziel scheint realistisch. Denn die Wiener Wiesn ist für viele nicht nur ein Ort gepflegter Zünftigkeit. Sie ist auch ein Ort, um andere Feierlichkeiten abzuhalten: Firmen-Feiern, das Abrüsten vom Bundesheer, Geburtstage. Es geht um die Gaudi und die Stimmung, wie die Besucher schildern. Dafür sollen auch 700 Stunden Livemusik sorgen. Auch Größen der volkstümlichen Musik und des Schlagers werden sich bis 13. Oktober die Ehre geben. Darunter so klingende Namen wie Roberto Blanco, Stefan Mross, Marc Pircher oder Andy Borg.

Das musikalische Angebot im Festzelt beschränkt sich hauptsächlich auf Cover-Versionen von berühmten Hadern, die sich in den drei Zelten wiederholen. „Wahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle?“ (Hölle, Hölle, Hölle) ist da zu hören. Und „Marmor, Stein und Eisen bricht“ (aber unsere Liebe nicht). Immer wieder. So kann wirklich jeder mitsingen.

Nur Betrunkene stören

Für Peter Kmehl und Freundin Inge Öbel, die auch mit jenseits der 80 gerne tanzen, ist die musikalische Mischung perfekt. „Wenn ländliche Musik auf Schlager gebracht wird, haben wir Spaß“, sagt Kmehl. Dabei würden nur die vielen Betrunkenen stören. „Das sind nicht nur Jugendliche, sondern auch Erwachsene“, ärgert sich Öbel.

Und dem Alkohol in rauen Mengen sind viele zugetan. Der höchste Promille-Wert an diesem Tag? Laut einer Frau, bei der man um 3,50 Euro in einen Alkomat pusten kann, waren das um 21 Uhr immerhin 2,4 Promille.

Bei der „Wiener Edition“ des Oktoberfestes darf neben dem Bier auch der Wein nicht zu kurz kommen, wie Kleidung- und Weinverkäufer Maximilian Figl meint. Sein Chef hat die berühmte Badehosen-Lederhose erfunden. Diese gibt es neben Baby-Dirndl mit der Aufschrift „Meine erste Tracht“ zu kaufen. Den modischen Auftritt der Wiesn-Geher beschreibt er als „durchwachsen“.

Weiße Turnschuhe von Converse oder Skater-Kappen zu Lederhose und Stutzen, grelle Dirndl aus Polyester und gefilzte Hüte mit blau-weißen Bändern. Sie säumen neben den seltenen „echten“ Trachten die Kaiserwiese. Das beliebteste Outfit sind aber karierte Hemden mit Halstuch: Andreas-Gabalier-Style.

Verkleidete Wiener

„Es ist schon ein bisschen wie eine Verkleidung, wenn das Wiener tragen“, befindet die Waldviertlerin Veronika Böhm-Loidolt. Aber die Wiesn ist halt rustikal. „Und außer in der Bettelalm ist das sonst ja nirgends in Wien so“, sagt Andrea Jelinek. Sie kommt jedes Jahr wegen der Almhütten. Und der Herzerlbäume. Unter einem solchen steht die Runde.

Ins Zelt begibt man sich nur am Nachmittag. Denn am Abend kann das bis zu 60 Euro kosten. Trotzdem ist die Wiener Wiesn günstiger als manch andere Festivität. 10,40 Euro kostet die Maß. „Bei euch ist das Bier billiger als bei uns“, sagt Adrian aus dem deutschen Baden-Württemberg. Das Ambiente in Wien sei gelungen. Das befinden auch die Standler: Die Wiener Wiesn sei familiärer als die in München.

Zumindest ist  sie österreichisch: Als die Band  das letzte Lied anstimmt – traditionell    „I am from Austria“ –  werden Österreich-Fähnchen hochgehalten. Man nimmt einander in die Arme, macht Selfies vor der Masse. Zufrieden wanken die Gäste  über die „Wiesn-Fest-Allee“ nach Hause: Es wird geschunkelt.

"Polizeilich nicht auffällig"

Das Münchner Oktoberfest sorgt mit Massenschlägereien oder sexuellen Übergriffen für Schlagzeilen. Zweieinhalb Wochen Wiener Wiesn ist für die österreichischen Einsatzkräfte aber Routine. „Das Fest ist polizeilich nicht auffällig“, heißt es von der Exekutive.

Fünf Polizisten sind ständig am Gelände, bei Bedarf werden Beamte vom Praterstern hinzugezogen. Hauptaugenmerk der Polizei sind alkoholisierte Personen und die einhergehenden Probleme, Taschendiebe und  Verkehrsprobleme. 36 strafgerichtliche Anzeigen hätte es im Vorjahr gegeben.
Das Rote Kreuz leistet Ambulanzdienst auf der Wiesn. Im Vorjahr hatte es 150 Einsätze, davon 30 Abtransporte. Hauptsächlich würde es dabei um Blasen an den Füßen, aber auch um Alkoholvergiftungen gehen. Nur selten gebe es Verletzte durch Schlägereien.  

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