Tojner-Turm: Wiener Heumarkt-Projekt wird vorerst gestoppt

Das 66-Meter-Hochhaus ist laut Experten nicht mit dem Weltkulturerbestatus der Innenstadt vereinbar.
Nach kritischem Experten-Urteil und Druck von der Bundesregierung legt Wien das Projekt auf Eis.

Am Sonntag zeigte sich  Immobilienentwickler Michael Tojner im KURIER noch überzeugt, dass er dieses Jahr einen Baubescheid für sein Heumarkt-Hochhaus erhalten wird. Mittlerweile steht fest, dass diese Einschätzung viel zu optimistisch war: Die Wiener SPÖ kündigte am späten Nachmittag prompt eine „zweijährige Phase des Nachdenkens“ an.

„In den nächsten zwei Jahren wird sich gar nichts ändern“, sagt der rote Landtagspräsident Ernst Woller.

Tojner-Turm: Wiener Heumarkt-Projekt wird vorerst gestoppt

Ernst Woller.

Die Ankündigung ist die Spitze der jüngsten Entwicklungen rund um das umstrittene Bauprojekt. Erst am Samstag wurde ein vernichtender Bericht des Denkmalrats ICOMOS publik – der KURIER berichtete.

Demnach könnte Wien seinen UNESCO-Weltkulturerbe-Status verlieren, sollte das Projekt wie geplant umgesetzt werden. Die Rathausopposition warf Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) daraufhin „Untätigkeit“ vor.

Am Sonntagvormittag setzten Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ) und Kulturminister Gernot Blümel (ÖVP)  dann für morgen, Montag, kurzfristig ein Pressegespräch zum Heumarkt an. Nach KURIER-Informationen wollten sie verkünden, den Hochhausbau zu kippen.

Möglich wäre das wahrscheinlich per Weisung des Bundes an die Landesregierung, die Widmung zu ändern. Das legt zumindest ein Gutachten nahe, das Verfassungsjurist Theo Öhlinger im Jänner für die Partei Jetzt erstellte. Minister Blümel hatte angekündigt, das Gutachten prüfen zu lassen und sich alle Schritte offen zu halten.

Zuvorgekommen

Dem dürfte die SPÖ nun vorgegriffen haben. Mit der nun angekündigten Pause folgt sie den Empfehlungen der ICOMOS-Experten. In dieser Zeit sollen Alternativen erarbeitet werden, die mit dem Weltkulturerbe-Status vereinbar sind, schreiben sie. 

Der Bericht sei „wenig überraschend“, betonte Woller. „Wir sind in sehr intensiven Gesprächen – fast täglich, wöchentlich – mit der UNESCO und mit ICOMOS“, sagte er. Die Oppositionskritik am Stadtoberhaupt wies Woller zurück: „Der Bürgermeister ist in dieser Frage hochaktiv“.

Entscheidung im Juni

Das Gutachten sei „nicht das Ende der Diskussion“, sondern ein Teil davon, sagt Woller. Neben der Nachdenkphase für die kommenden zwei Jahre und der Erstellung eines Managementplans, sei der Bund beauftragt, die soziokulturellen und sozioökonomischen Effekte des Projekts zu untersuchen. Es gäbe nun eine „Phase bis 2021, wo nichts radikal Neues passiert, schon gar keine Baumaßnahmen“.

Dass sich in dieser Zeit nichts ändert, heiße auch, die Innenstadt bleibe auf der Roten Liste des bedrohten Weltkulturerbes, erklärte Woller. Ob er damit Recht behält, wird sich im Sommer zeigen: Von Ende Juni bis Mitte Juli wird das UNESCO-Welterbekomitee in Aserbaidschan tagen und über den Status Wiens beraten.

Keine Reaktion auf den vorübergehenden Stopp gab es vom grünen Koalitionspartner: Die zuständige Planungsstadträtin Maria Vassilakou war nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

Chronologie

2013: Der Rahmenplan für die Neugestaltung des Heumarkt-Areals wird vorgestellt. Er sieht einen 73 Meter hohen Turm vor.

2014: Erste Debatten um die Höhe des Neubaus entstehen. Die UNESCO fordert eine Überarbeitung des Projekts, zwei Jahre später wird der Turm auf 66 Meter reduziert.  

2017: Der Gemeinderat widmet das Areal als Hochhaus-Standort. Die UNES-CO setzt Wien auf die Rote Liste.

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