Chronik | Wien
07.07.2018

Wiener Donaukanal: Kabale und Biere am Wasser

Der illegale Gerstensaftverkauf spaltet Händler, Gäste, Lokalbetreiber und Kontrolleure

Sie gehören fast schon zum Donaukanal-Inventar, doch diese Saison geht es ihnen an den Kragen. Die Rede ist von den Getränkeverkäufern, die entlang der Promenade – großteils illegalerweise – aus Trolleys, Rücksäcken oder Satteltaschen an Fahrrädern gekühltes Dosenbier feilbieten.

Die Gruppe Sofortmaßnahmen der städtischen Magistratsdirektion hat diesen Sommer mit dem Marktamt und der Wiener Polizei bereits zwei Schwerpunktaktionen durchgeführt. 14 Verkäufer hielten sie dabei an, ihnen drohen wegen Verstößen gegen die Hausierverordnung und die Gewerbeordnung Verwaltungsstrafen von 200 bis 500 Euro. Der KURIER hat Verkäufer, Kanal-Besucher, Gastronomen und Kontrolleure gefragt, wie sie das Geschäft mit dem Dosenbier und die Razzien sehen.

Die Händler

Ein schlechtes Gewissen hat Lukas R. nicht: „Der Donaukanal hat sich mit Unterstützung der Stadt extrem kommerzialisiert. Ich glaube nicht, dass wir eine großartige Konkurrenz für die Gastronomen sind“, sagt  der junge Mann. Er ist seit vier Jahren als Bierverkäufer an der  Uferpromenade, aber auch im Museumsquartier und am Karlsplatz unterwegs. Bis zu 150 Euro Gewinn mache  er an einem üblichen Abend, erzählt er. Für ihn sei das ein Zuverdienst zu seinem regulären Gehalt von rund 800 Euro, das er  im Zuge  seiner Ausbildung erhält.

Lukas arbeitet mit einem Freund zusammen, das Bier kaufen sie im Supermarkt. Eine Mafia – wie gemutmaßt wird – gebe es nicht, versichert  er. „Manche Leute missverstehen, dass sich die Verkäufer grüßen. Wie man sich in der Kantine grüßt, macht man es eben auch am Kanal.“ Aufgrund der jüngsten Razzien sei er mittlerweile weniger geschäftstüchtig als früher, gibt Lukas zu. Er ziehe nur noch bei Events mit hohem Publikumsaufkommen los.  „Bei den Strafen zahlt sich das sonst nicht aus.“

Die Kunden

Rechtlich ist die Sache für Siegfried Roither klar: „Die Verkäufer übertreten das Gesetz, während die Wirte Steuern abführen – das ist nicht okay“, sagt der Student, der mit seinen Freunden auf  einer Stiege zum Wasser hinunter die Abendsonne genießt.   „Aber aus menschlicher Sicht finde ich es  in Ordnung, wenn sich Leute, die vielleicht keine Arbeitserlaubnis bekommen, ein Zubrot verdienen.“ Die Kontrollen des Magistrats befürwortet Roither dennoch: „Die ansässige Gastronomie soll geschützt werden, gezielte Schwerpunktaktionen sind okay.“ Anna G. neben ihm ist Stammkundin bei den fliegenden Händlern: „Ich kaufe öfter bei ihnen, aus Geldgründen. Denn  ich bin Studentin.“

Kein Verständnis für die Razzien hat Michi K., die ein paar Meter weiter stromaufwärts aus einer gelben Dose trinkt. „Ein Bier kostet zwei Euro,  ein Vermögen ist damit nicht zu machen,“ sagt sie. Bevor sie in einem Lokal ein Getränk bestelle, hole sie sich lieber vom Würstelstand Nachschub, sagt sie. Denn die Bars seien teuer und die Bedienung schlecht. 

Die Gastronomen

Früher gab es  aus Sicht von Nuriel Molcho einen unausgesprochenen  Deal am Donaukanal: „Die Besucher brachten eigene Getränke mit. Sobald diese aus waren, sind sie in die Lokale gekommen“, erklärt der Tel-Aviv-Beach-Geschäftsführer. „Daher haben wir immer die Nutzung unserer WCs toleriert.“ Doch jetzt würden Verkäufer Bier, Wein und sogar Cocktails anbieten, erzählt er. „Und die Leute kaufen von der Straße.“ Er fühle sich mittlerweile ausgenutzt. „Wir sorgen für Beleuchtung, Musik und die Atmosphäre. Wir räumen den Müll weg und reinigen die Toiletten. Und wir zahlen Steuern.“ Damit der Bierhandel vor seinem Strand-Gastgarten zurückgehe, müsste die Stadt über Monate täglich kontrollieren, fordert er.

Rückendeckung bekommt er von Peter Dobcak. „Unser Vorschlag ist, die Kontrollen zu intensivieren“, sagt der Obmann der Gastronomie-Fachgruppe der Wiener Wirtschaftskammer. „Es ist nicht einzusehen, dass Leute bei den  Händlern kaufen, aber die Infrastruktur der Lokale nutzen.“ 

Die Kontrolleure

Wie genau  der Magistrat seinen Razzien anlegt, will Walter Hillerer nicht verraten. „Wir haben unsere Strategien“, sagt der Leiter der Gruppe Sofortmaßnahmen nur. Die Stadt habe auch früher kontrolliert, etwa beim Donaukanalreiben oder während der Fußball-EM 2008. Auslöser für die jüngsten Aktionen seien Beschwerden von Besuchern, der Wirtschaftskammer und den Lokalbetreibern gewesen. „Das Museumsquartier ist inzwischen auch an uns herangetreten, dort werden wir in den nächsten Tagen ein Planquadrat durchführen“,  kündigt Hillerer an.

Der Straßen-Bierverkauf  sei eine organisierte Sache, ist Hillerer überzeugt. Die Verkäufer hätten immer kühles Bier dabei, bis zu 90 Dosen pro Person. „Da muss es einen Kühlwagen geben. Es gibt im Hintergrund sicher Menschen, die das groß aufziehen“, sagt er. Forderungen nach mehr Kontrollen hält er entgegen: „Wir tun unser Möglichstes, um dem Bierverkauf Einhalt zu gebieten.“ Aber für jede Schwerpunktaktion brauche es letztlich auch entsprechende Ressourcen.