Chronik | Wien 13.05.2018

Wiener Bürgermeister: Vom Medienkaiser zum Kümmerer

Michael Ludwig (li.) und Michael Häupl © Bild: APA - Austria Presse Agentur

Am 24. Mai übernimmt Ludwig das Bürgermeisteramt von Häupl. Wird er die Stadt prägen wie seine Vorgänger Häupl und Zilk?

So sehr sie die Stadt geprägt haben, so unterschiedlich sind die Vorgänger Michael Ludwigs.

Zilk war im Vergleich zu Häupl und Ludwig kein klassischer Politiker. Er war ein Bürgermeister im wahrsten Sinne des Wortes. Populistisch, volksnah, ein Showman, der auch die Klaviatur der Medien perfekt spielen konnte. Und immer offen für die bürgerlichen Wähler in der Stadt. Die Parteiarbeit interessierte ihn nicht. So war es sein Vizebürgermeister Hans Mayr, der seit 1988 die Partei führte und dem oft impulsiven Bauch-Politiker Zilk die nötige Rückendeckung in der Partei besorgte.

Mit seiner unkonventionellen Art weckte Zilk die Stadt aus dem Dornröschenschlaf, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde die Stadt bunt. Zilk setzte auf Brot und Spiele, kulturelle Events wie das Filmfest am Rathausplatz. Und der Silvesterpfad wurde eingeführt. Auch den Lifeball boxte er gegen alle Widerstände durch. Zilk bewies auch, dass man als Bürgermeister sehr trinkfest sein musste, noch heute kursieren im Rathaus Legenden aus dieser Zeit. Nichtsdestotrotz baute Zilk in der Ära Waldheim die Wiener Auslandsbüros auf, die Wien eine Außenpolitik ermöglichten. Vor allem nach der Ost-Öffnung profitierte Wien von dieser Vorleistung.

Ein schwerer Start

Hatte Zilk die Stadt geöffnet, professionalisierte Häupl diese zu Beginn seiner Amtszeit. Am Anfang vielleicht sogar zu forsch. Nachdem er seine erste Wahl 1996 verloren und die FPÖ stark zugelegt hatte, fand er einen Gegner, der ihn seine gesamte Amtszeit nicht mehr los lies. Die Blauen dienten Häupl in jedem Wahlkampf als Mobilisator der eigenen Genossen.

Im Hintergrund jedoch wurde der Magistrat modernisiert. Heute gibt es keine europäische Hauptstadt, in der die Versorgung mit Wasser und Strom, die Müllbeseitigung und Kanal so reibungslos funktionieren wie in Wien. Auch die Öffis sind europäische Spitze.

Häupl begriff die EU-Erweiterung als Chance: „Was macht ein Dummer mit sein’ Glück“, zitiert er Kreisky bis heute. Er versuchte Wien als Drehscheibe in die Ostländer zu etablieren. „Ohne Häupl hätte der wirtschaftliche Boom um die Jahrhundertwende so nicht stattgefunden“, sagt ein Wegbegleiter heute. Auch versuchte der Naturwissenschaftler Häupl, Wien als Wissenschaftsstandort zu etablieren, etwa mit dem Bio-Cluster in der Landstraße. Allerdings hätte da noch mehr gehen können. Von Zilk schaute er sich den Umgang mit den Medien ab, auch die Volksnähe und die flotten Sprüche kopierte Häupl.

Allerdings verabsäumte er, bei in der Integration genau hinzusehen: „Man hat den Zuwanderern nie genau gesagt, was sie zu tun haben“, sagt ein hoher Roter heute. Das resultierte in Skandalen bei den Kindergärten und in Moscheen. Auch beim Krankenanstaltenverbund überließ Häupl zu lange das Ruder seinen Stadträtinnen.

„Häupl hatte ein Problem damit, Veränderungen anzugehen, hatte ein starkes Harmoniebedürfnis und hat konfliktträchtige Themen gerne delegiert“, sagt ein Genosse. „Dadurch blieb vieles in der Warteschleife. Ludwig ist hingegen jemand, der anpackt, und wird diese Probleme zügig angehen“, hofft er. Eine erste Initiativen des neuen Parteichefs stimmt ihn zuversichtlich: Ein Alkoholverbot am Bahnhof Praterstern war für die in der Ära Häupl noch dominierenden linken Kräfte in der SPÖ (z. B. Sozialstadträtin Sandra Frauenberger) tabu, unter Ludwig wurde es Realität. Seine Botschaft hinter dieser Maßnahme, der ähnliche folgen könnten: „Ich bin für die Bevölkerung da. Ich kümmere mich um die Dinge, die am meisten Ärger bereiten.“

Kopftuchverbot

Ein Kurswechsel ist daher auch im Bereich Integration zu erwarten. „Es kann nicht sein, dass die Sozialdemokratie der katholischen Kirche sehr kritisch gegenübersteht und beim Thema Islamismus wegschaut“, sagt ein Genosse. Erste Anzeichen dafür deutete die neue Parteimanagerin Barbara Novak an, die bei ihrem Amtsantritt eine Debatte über ein Kopftuchverbot bei Kindern lostrat.

Ähnlich wie Häupl akademisch gebildet, gibt sich Ludwig noch mehr als dieser volkstümlich und mit den Menschen auf Augenhöhe – sei es beim Bieranstich bei der Wiener Wiesn oder beim Mailüfterl in Stammersdorf.

Aufgewertet werden unter Ludwig die Flächenbezirke am Stadtrand, in denen weniger wohlhabende Menschen leben als in der Innenstadt. Die dortige Bezirkspartei hatte unter den FPÖ-Erfolgen zu leiden, viele fühlten sich von der rot-grünen Stadtregierung im Stich gelassen. Ludwig, der als Arbeiterkind selbst aus Floridsdorf stammt, präsentierte bei der Klubklausur im März daher Projekte für die Außenbezirke, von einer Sommerbühne am Donauufer bis hin zu einer Sanierungsoffensive für Plätze wie den Reumannplatz.

Auffallend gut ist das Verhältnis mit Wiens Wirtschaftskammerpräsidenten Walter Ruck: Die Interessen der Wirtschaft wie zum Beispiel der Bau der dritten Piste für den Flughafen Schwechat und der Lobautunnel werden daher wieder mehr Gehör finden.

Viele dieser Themen sind politisch mit der ÖVP deutlich einfacher umzusetzen als mit den Grünen. Es deutet also vieles darauf hin, dass spätestens nach der Wahl 2020 das rot-grüne Projekt in Wien sein Ende findet.

( kurier.at ) Erstellt am 13.05.2018