© Caio Kauffmann

Chronik | Wien
06/22/2019

Wie Maria Vassilakou Birgit Hebein die Bühne überließ

Wiens langjährige Vizebürgermeisterin verabschiedete sich von der Partei. Lukas Hammer führt bei der NR-Wahl die grüne Landesliste an, vor Ewa Dziedzic und Sigi Maurer.

Maria Vassilakous grüne Karriere endet dort, wo sie bereits auf offener Bühne zu bröckeln begonnen hatte: In einem Veranstaltungssaal am Wiener Rennweg. Obwohl es Samstag und draußen warm ist, ist der fensterlose, stark klimatisierte Saal bis auf den letzten Platz besetzt.

Aus den Lautsprechern tönt Musik, über die beiden Leinwände auf der Bühne flimmern Fotos: die junge Maria Vassilakou in schwarz-weiß, dann in Farbe beim Wahlkämpfen und schließlich mit Ex-Stadtchef Michael Häupl, als Wiener Vizebürgermeisterin.

Es ist der Tag, an dem sich Vassilakou von ihrer Partei verabschiedet – dieses Mal wirklich.

Hier, im Studio 44, schien Vassilakous politische Karriere bereits vor eineinhalb Jahren vor dem Aus. Eine Gruppe von Unzufriedenen rund um Alexander Hirschenhauser, grüner Klubchef in der Inneren Stadt, hatte im Vorfeld der damaligen Landesversammlung Vassilakous Rückzug gefordert.

Doch die streitbare Grün-Politikern konnte das Ruder noch herumreißen.

Standing Ovations

Ihre Tage als Nummer eins der mächtigsten grünen Landesorganisation waren damit aber gezählt. Als „herben Rückschlag“ wird Vassilakou den Aufstand gegen sich später in ihrer Abschiedsrede bezeichnen. „Gram“ wolle sie niemandem sein.

Statt Kritik aus den eigenen Reihen gibt es für die 50-Jährige dieses Mal Blumen, stehende Ovationen und minutenlangen Applaus – letzteren schon bevor Vassilakou überhaupt ans Pult getreten ist.

Und eine Laudatio von Ex-Gemeinderat Christoph Chorherr – einem der engsten Vertrauten und wichtigsten Förderer.

In seiner Rede zieht er Bilanz über Vassilakous neun Jahre als Vizebürgermeisterin – angefangen vom Parkpickerl über das 365-Euro-Öffiticket bis hin zur verkehrsberuhigten Mariahilfer Straße.

Kein „Zombie“

Die Politik sei ein hartes Geschäft, das viele Verletzungen mit sich bringe, sagt Chorherr. Am härtesten seien jene aus den eigenen Reihen: „Es ist naiv zu glauben, dass die eigene Partei immer nur hundert Prozent hinter einem steht.“

Er bewundere Vassilakou dafür, dass sie nie zum „seelischen Zombie“ geworden sei.

Vassilakou selbst spart sich die Nabelschau. Stattdessen dankt sie ihren Weggefährten. Aus ihrem persönlichen Archiv hat sie ihre erste handgeschriebene Rede aus dem Herbst 1995 mitgebracht. Damit bewarb sie sich erstmals um ein Mandat im Gemeinderat – und erhielt es wenige Monate später auch.

„Ich erinnere mich noch an die Zeit, wie ich zu Peter Pilz gebracht wurde zum Kennenlerntermin“, erzählt die heute 50-Jährige. „Und da staunte ich nicht schlecht über das Aquarium, wo er Piranhas hielt.“

„Ich liebe euch“, sagt Vassilakou zum Schluss. Dann überlässt sie die Bühne ihrer Nachfolgerin Birgit Hebein.

Kritik am Lobautunnel

Sie sei mit dem Taxi zur Landesversammlung gekommen, weil sie für die Fahrt mit dem Rad zu nervös gewesen sei, gesteht Hebein zu Beginn ihrer Rede.

Das Hauptthema ihrer Ansprache ist der Kampf gegen die Klimakrise. „Ich will Wien zur ersten Klimahauptstadt Europas machen“, kündigt sie etwa an.

Und übt darauf scharfe Kritik am Lobautunnel, einem Projekt des roten Koalitionspartners: „Wir kämpfen gegen eine Politik, die ganz selbstverständlich einen Tunnel durch ein Naturschutzgebiet bauen will und wir sagen: sicher nicht mit uns.“

Zustimmung für Hebein

Bei der Basis kommt das an: 438 Parteimitglieder (entspricht 94 Prozent der abgegeben Stimmen, Anm.) votieren daraufhin für Hebeins Entsendung in die Stadtregierung.

Offiziell steht dieser Schritt am Mittwoch an: Dann wird der Gemeinderat Hebein zur Vizebürgermeisterin wählen.

Außerdem gab es eine Premiere bei den Wiener Grünen: Sie haben auch die Funktion eines Parteichefs bzw. der Parteichefin geschaffen, die es bisher noch nicht gab. Hebein ist damit die erste - offizielle - Parteiobfrau der Wiener Grünen.

Lukas Hammer Spitzenkandidat

Mit den Wahlen war es für die grüne Basis dann aber noch nicht vorbei: Am Abend stand die Vergabe der acht Plätze auf der Landesliste für die Nationalratswahl an. 29 KandidatInnen haben sich präsentiert, aus denen die acht Plätze gewählt wurden. Die über 600 anwesenden Mitglieder haben nach dem neu eingeführten „Single Transferrable Vote“-System abgestimmt. Auf den ersten Platz wurde Lukas Hammer gewählt. Auf den Plätzen folgen Ewa Dziedzic, Sigi Maurer, Eva Blimlinger, Faika El-Nagashi, Meri Disoski, Alev Korun und Markus Koza.