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Chronik Wien
06/22/2019

Maria Vassilakou: Eine Reizfigur verabschiedet sich

Von ihrer Basis verabschiedet sich heute die grüne Vizebürgermeisterin, die Wien ihren Stempel aufgedrückt hat.

von Josef Gebhard

Als bräuchten die Wiener eine Erinnerungshilfe, schickte das Büro der Vizebürgermeisterin am Freitag eine Leistungsbilanz der knapp neunjährigen Amtszeit von Maria Vassilakou aus. Auf zweieinhalb Seiten sind darin minutiös die Projekte der scheidenden grünen Frontfrau aufgelistet: von der neuen Mariahilfer Straße über die Ampelpärchen bis hin zum Judith-Deutsch-Steg im 2. Bezirk.

Dabei wird die Ära Vassilakou auch ohne derartige Eigenwerbung noch länger im Gedächtnis bleiben. Denn keine Wiener Politikerin der jüngeren Vergangenheit hat so viele sicht- und spürbare Spuren im Stadtbild hinterlassen, keine hat aber auch so polarisiert wie die 50-Jährige.

Geboren 1969 in Athen, kommt sie 1986 nach Wien, um Sprachwissenschaften zu studieren. In der ÖH beginnt ihre politische Laufbahn, ehe sie 1995 in den Wiener Gemeinderat wechselt. Als parteiintern Förderer gilt Christoph Chorherr.

Schon bald fällt sie durch ihren hemdsärmeligen Stil auf. „Etwa bei ihrem Auftritt 2006 bei einer Kundgebung gegen den Besuch des US-Präsidenten George W. Bush, als es ihr im Handumdrehen gelang, die tausenden Zuhörer zu begeistern. Hier stand eine Politikerin, die wirklich meint, was sie sagt, ganz ohne NLP-Coaching“, sagt Hans Arsenovic. Der Sprecher der Grünen Wirtschaft Wien ist ein langjähriger Vertrauter der Vizebürgermeisterin.

Im Jahr 2005 als Wiener Spitzenkandidatin fährt „Mary“, wie sie von ihren Freunden genannt wird, mit 14,63 Prozent das beste Wahlergebnis in der Geschichte der Grünen ein. 2010 dann der Höhepunkt ihrer Karriere: Mit SPÖ-Bürgermeister Michael Häupl einigt sie sich auf die erste rot-grüne Koalition in Österreich. Vassilakou wird Vizebürgermeisterin und Stadträtin für Stadtplanung und Verkehr.

Mehr als ein „Beiwagerl“

Schnell wird klar, dass sie sich nicht mit der Rolle des „Beiwagerls“ der übermächtigen Roten zufrieden geben wird. Es sind vor allem ihre Projekte, die die folgenden Jahre prägen werden: Die Ausweitung der Parkraumbewirtschaftung, die Verbilligung der Wiener-Linien-Jahreskarte auf 365 Euro und natürlich den Umbau der Mariahilfer Straße mit all seinen Querelen.

„Dinge, die sie für richtig hält, verfolgt sie, egal welche Steine im Weg liegen“, sagt Arsenovic. Eine Haltung, die die Boulevardmedien in Dauererregung verfallen lassen, die vor allem wegen ihrer Verkehrspolitik (teils sehr untergriffige) Kampagnen gegen die Vizebürgermeisterin führen.

Zumindest nach außen lassen sie die wüsten Angriffe unbeeindruckt. Schwächen zeigt sie hingegen auf ganz anderen Feldern. 2015 etwa, als sie ankündigt, bei einem Minus bei der Wien-Wahl zurückzutreten. Es gibt tatsächlich ein Minus, Vassilakou bleibt trotzdem und beschädigt ohne Not ihre Glaubwürdigkeit.

Heumarkt-Krise

Doch das ist nichts gegen die parteiinterne Krise, die das Heumarkt-Hochhausprojekt 2017 nach sich zieht. Eine Urabstimmung geht dagegen aus, Vassilakou ignoriert das Votum der Basis und lässt die Flächenwidmung durchpeitschen. „Ich hätte die Sprengkraft des Projekts besser einschätzen sollen“, gibt sie sich später selbstkritisch. Eine interne Abwahl kann sie gerade noch abwenden, klar wird aber zu diesem Zeitpunkt, dass sich ihre politische Karriere bald dem Ende zuneigt.

Niemand weiß, ob die neue Vizebürgermeisterin Birgit Hebein eine ähnlich prägende Stadtpolitikerin werden kann. Was ihr Nachfolger auf alle Fälle braucht, hat Vassilakou schon im Herbst klargemacht, noch ehe er überhaupt feststand: „Er muss einen breiten Buckel haben.“