Chronik | Wien
03.06.2014

Wenn Lehrer Job aufgibt, verzichtet Ex-Schüler auf Schadenersatz

Ein 44-jähriger klagt seinen ehemaligen Erzieher wegen sexuellen Missbrauchs. Sein mutmaßlicher Peiniger ist mittlerweile Lehrer an einem Wiener Gymnasium.

Meist sind es Missbrauchsopfer, die von der Möglichkeit, die Öffentlichkeit aus einem Gerichtsverfahren auszuschließen, Gebrauch machen. In dem Fall eines ehemaligen Erziehers und nunmehrigen Lehrers, dem sexueller Missbrauch vorgeworfen wird, ist es anders.

Nicht öffentlich?

Mag. S., der an einem Gymnasium in Wien beschäftigt ist, beantragte am Montag, das Zivilverfahren, das gegen ihn angestrengt wurde, nicht-öffentlich durchzuführen. Der Prozess findet heute im Wiener Landesgericht für Zivilrechtssachen statt.

Ein ehemaliger Schüler des damals vom Jesuiten-Orden betriebenen Kollegium Kalksburg, einem Elitegymnasium im Süden Wiens, klagt den Lehrer und den Orden auf Schadenersatz – der KURIER berichtete. Der heute 44-jährige Ex-Schüler wirft dem damaligen Erzieher Mag. S. jahrelangen sexuellen Missbrauch vor. Dem Orden kreidet er an, es dem Mitarbeiter in den 1980er-Jahren ermöglicht zu haben, Kinder zu missbrauchen.

Im KURIER-Interview erklärte der beschuldigte Lehrer, bereits Geld für die 140.000 Euro Schadenersatzforderung seines ehemaligen Schülers zu sparen.

Verzicht auf Geld

Nun überrascht der Kläger, der von Mag. S. sexuell missbraucht worden sein soll. „Ich bin bereit, auf den Schadenersatz zu verzichten, wenn der Lehrer nichts mehr mit Kindern zu tun hat, und die Jesuiten den Missbrauch anerkennen.“ Ihm gehe es nicht um Geld, sondern darum, dass Mag. S. nach wie vor in einem Gymnasium unterrichtet. „Er muss von den Kindern weg.“ S. solle seinen Job aufgeben.

Weitere Zeugen

In der KURIER-Redaktion haben sich mittlerweile weitere mutmaßliche Opfer des 56-jährigen Lehrers gemeldet. Die der Redaktion bekannten Vorwürfe reichen von den Jahren 1979 – in einem Feriencamp am Wolfgangsee – bis 1986 – eine Nachhilfestunde im Privathaus des Lehrers.

Eltern und Schüler des Gymnasiums sind von den Vorwürfen, die gegen Mag. S. erhoben werden, entsetzt. Er gilt als beliebter Pädagoge, dem besonderes Engagement im Unterricht attestiert wird. „Wer ihn in einem Fach zugeteilt bekommen hatte, konnte sich mehr als glücklich schätzen“, sagt eine Studentin, die bis vor kurzem Schülerin von S. war.

Dass der Wiener Stadtschulrat in der Causa offenbar lange Zeit untätig geblieben ist, zeigt ein Dokument, das dem KURIER vorliegt. Bereits am 22. Februar 2013 ging ein Schreiben mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs durch Mag. S. an die Behörde. Wie dort mitgeteilt wurde, habe man in der Schule erst im Jänner 2014 diesbezüglich nachgefragt. Kontakt zu Mag. S. nahm der Stadtschulrat erst nach den ersten Berichten im KURIER auf. S. pausiert seit einer Woche.

"Nicht nur Dienst nach Vorschrift“

In all den acht Jahren (in Kalksburg, Anm.) habe ich weder persönlich noch durch Mitteilung meiner Schul- und Internatskollegen etwas von irgendwelchen sexuellen Übergriffen erfahren. Ich glaube, dass der Fall - falls er sich als wahr herausstellt - ein bedauerlicher Einzelfall ist und dieser natürlich lückenlos aufgeklärt werden muss.

Michael Vesely via kurier.at

Sie haben schon die richtige Fährte aufgenommen, diese liegt aber vor allem im Jugendferienlager, in dem Hr. S. über einige Jahre als sog. "Oberpräfekt" die Leitung der Jugend-Betreuer ("Präfekten") überhatte. Die "Neigungen" von Hrn. S., der gerne Kinder in sein Zimmer zu "Gesprächen" holte, waren nicht nur unter den Gruppenbetreuern, sondern sehr wohl dem Vorstand bekannt. "Hat er dich auch schon angekörpert?", war damals ein stehender Satz. Fairerweise muss man dazu sagen, dass S. nie aggressiv war oder jemanden zu Handlungen gezwungen hätte.

Bello Bellt per eMail

Mag. S. zählte immer schon zu einem der beliebtesten Professoren unserer Schule – wer ihn in einem Fach zugeteilt bekommen hatte, konnte sich mehr als glücklich schätzen. Einerseits wegen seiner hohen fachlichen Kompetenz in allen seinen Fächern und der sehr interessanten und abwechslungsreichen Aufbereitung des Unterrichts, als auch wegen seines stets sonnigen Gemüts. Ich bin sehr dankbar dafür, dass es solche Professoren wie Mag. S. gibt, die sich mit vollem Herzblut für die Bildung der SchülerInnen einsetzen und nicht nur „Dienst nach Vorschrift“ machen. Ich habe in all den Jahren kein einziges Mal körperlichen Kontakt zwischen Mag. S. und einem/r SchülerIn beobachtet und finde es unangebracht, dass er, obwohl die Verhandlungen noch nicht begonnen haben, so negativ behaftet in der Öffentlichkeit dargestellt wird!

Veronika B. per eMail

Ohne Verurteilung können die aber wirklich nichts machen - und wenn die Taten verjährt sind, wird es überhaupt schwierig. Man kann davon ausgehen, dass weder die alte, noch die neue Schule, weder Schulbehörde noch Staatsanwaltschaft damit eine Freude haben, und meinetwegen nennen Sie es eine Schwäche des Systems, aber der Rechtsstaat gilt auch in diesem Fall.

Dino Carlo via kurier.at

Der liebe Stadtschulrat...... vielleicht interessiert ihn ja Folgendes - jetzt gleich und nicht erst in sechs Monaten: Mein Bruder, selbst Internatsschüler des Kollegium Kalksburg hat in den 80er-Jahren in dem Jugendtreff (eine Art kleines Bistro), das von Hrn. S. betrieben wurde, Getränke ausgeschenkt und dafür pro Dienst 20 Schilling bekommen. Als Herr S. einmal den Wunsch äußerte, den Teenager berühren zu dürfen, und dieser sich weigerte, drohte er ihm mit Lohnentzug , woraufhin mein Bruder weglief. Gott sei Dank!!!!!!

Susi Schaden via kurier.at

Wenn der Lehrer unschuldig ist, bzw. sich unschuldig wähnt (er kann sich laut Interview ja nicht mehr erinnern), sollte er auf keine Forderungen eingehen, sondern das Gericht entscheiden lassen. Niemand sollte zulassen, dass sein Ruf einfach so zerstört wird. Es ist Sache des Klagenden Beweise vorzulegen und des Gerichtes diese zu würdigen. Außerdem ist die Frage der Verjährung vom Gericht klären zu lassen . Ebenso sollte die Gesellschaft Jesu vorgehen.

Emm Eran via kurier.at

Für mich persönlich ist der Anzeiger nicht persönlich betroffen, sondern versucht sich nur eine große Summe Geldes "herauszuschlagen".

Michael Vesely via kurier.at

Wer die Auseinandersetzungen der Opfer mit der Katholischen Kirche verfolgt hat, wird schnell erkennen, dass Geld zudem das Einzige ist, was die verantwortlichen Kleriker wirklich interessiert. Und an dem sie ziemlich hängen.

Angelika Oetken via kurier.at

Prozessberichterstattung ist in Ordnung. ansonsten wenn es einen schon drängt, den Auflagenverfall auf so unappetitliche Art und Weise zu verlangsamen, strenge Neutralität waren. Bei Missbrauch-Anschuldigungen stehen unsere rechtsstaatlichen Normen nur auf dem Papier. da wird sofort der Stab über die Beschuldigten gebrochen, obwohl es schon viele Fälle gegeben hat, die sich als haltlos erwiesen haben. Mitunter erst nach Jobverlust, Verlust aller sozialen Kontakte, Verschuldung oder noch Schlimmeren. Da kann man bei allem Mitgefühl für mögliche Opfer nicht sensibel genug sein.

Karl Berger via kurier.at

Das politische Unrechtsbewusstsein ist am untersten Label angelangt. Die Schulstadträtin ist rücktrittsreif, aber es wird sie nicht tangieren, was wir Betroffenen meinen.

Franz Josef Stangl via kurier.at

Seit Jahrzehnten gibt es im Kolleg kein Internat mehr, Sie schreiben aber, als ob dieser Vorfall jetzt geschehen wäre. Eine Eliteschule derart zu diffamieren, finde ich skandalös! Der angebliche „Täter“ unterrichtet seit Jahren als Professor in einem Gymnasium in Wien und hat mit dem Kolleg überhaupt nichts mehr zu tun. Kein Mittel ist Ihnen Recht, eine katholische Eliteschule in Verruf zu bringen. Sogar die Madonna muss für ein Foto herhalten. Hunderte Schülerinnen und Schüler besuchen dieses Gymnasium mit Freude, Erfolg und Begeisterung und Sie haben nichts besseres zu tun, als durch diese Schmutzartikel es in Verruf zu bringen. Seit Jahrzehnten bin ich Bezieher Ihrer Zeitung, wenn diese Hetze gegen das Kolleg weiterläuft, werde ich mein Abonnement stornieren.

Schulrat Peter Moser per eMail