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Chronik Wien
03/18/2019

Weltkulturerbe Wien: Sechs Fragen, sechs Antworten

Das Bauprojekt am Heumarkt wird vertagt, da es den Status Wiens als Welterbe bedroht. Aber was bedeutet das?

von Fee Niederhagen, Lisa Wölfl

Die Wiener Innenstadt ist seit 2001 UNESCO-Welterbe. Aber vielleicht nicht mehr lange. Wie der KURIER berichtete, kam zuletzt die Beobachtermission von UNESCO und ICOMOS zu dem Schluss, dass Wien den Status verlieren könnte, sollte der Turm am Heumarkt in der geplanten Form (66 Meter Höhe) umgesetzt werden. Hier beantworten wir die wichtigsten Fragen.

Wien ist seit 2017 auf der "Roten Liste". Was heißt das?

Die "Rote Liste des gefährdeten Welterbes" ist eine Art Frühwarnsystem. Das Land selbst, aber auch die internationale Gemeinschaft, soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass der Status einer bestimmten Stätte als Welterbe in Gefahr ist. Aktuell befinden sich 54 Stätten auf dieser "Roten Liste", darunter die Wiener Innenstadt.

Was passiert, wenn die Wiener Innenstadt nicht mehr Welterbe ist?

Kurz gesagt: Nichts. An den Status als Welterbe ist nichts gebunden. Es gibt keine Förderungen und keine Sanktionen. Nur darf sich die Innenstadt dann eben nicht mehr "UNESCO-Welterbe" nennen.

Kulturminister Gernot Blümel (ÖVP) kündigte in einer Pressekonferenz am Montag allerdings an, der Stadt eine Weisung zu erteilen, um das Hochhaus-Projekt in der derzeitigen Form zu verhindern. Unabhängig könnte die Stadt aber trotzdem entscheiden, aus dem Vertrag mit der UNESCO auszusteigen. Dann wäre zu klären, ob das ohne weiteres möglich ist.

Passiert es oft, dass Stätten den Status einfach verlieren?

Extrem selten. Bisher wurde überhaupt nur zwei Stätten der Status aberkannt. Das Wildschutzgebiet der Arabischen Onyx in Oman ist eine davon. Das Schutzgebiet wurde um 90 Prozent verkleinert, um dort Öl zu fordern. Dann war da noch die Kulturlandschaft im Dresdner Elbtal. Sie verlor den Status durch den Bau der vierspurigen Waldschlößchenbrücke. Der Tourismus hat danach keine Einbrüche verzeichnet - entgegen anderslautender Befürchtungen. 

Wie viele Welterbestätten gibt es überhaupt?

2018 umfasst die Liste der Welterbe 1092 verschiedene Stätten, die sich über 167 Länder verteilen. Davon sind 845 als Weltkulturerbe und 209 als Weltnaturerbe gelistet. In Österreich sind es zehn Stätten. Dazu gehören ganze Regionen (Hallstatt-Dachstein), Altstädte (Wien, Graz, Salzburg), Menschengemachtes (Semmering-Eisenbahn, Schloss und Gärten von Schönbrunn, Schloss Eggenberg in Graz), Landschaften (Wachau, Neusiedlersee) und einzelne Stätten, die zu transnationalen Welterben gehören. Darunter: Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen und alte Buchenwälder.

Was ist ein "Welterbe" und wer entscheidet das?

Der Titel des Welterbes bezeichnet besondere Bauten, Landschaften oder auch Traditionen und Errungenschaften der Menschheit. Er wird von der UNESCO, einer Sonderorganisation der Vereinten Nationen, verliehen und beruht auf der Welterbekonvention von 1972. Die Liste der Welterbestätten wurde Ende der 1970er Jahre mit zwölf Stätten offiziell eröffnet und ist seitdem stetig gewachsen. Es wird auf materieller und immaterieller Ebene bewertet, ob eine Stätte ein außergewöhnliches Zeugnis der Menschheitsgeschichte darstellt - sei es kulturell, architektonisch oder technologisch.

Die Welterbekonvention, ein aus 21 Staaten bestehendes Gremium, beschäftigt sich anhand ihrer Leitidee und sechs verschiedener Kriterien mit Orten, Gebäuden, Großplastiken und Gebräuchen, die als Teil des kulturellen Erbes der gesamten Menschheit begriffen werden und deshalb als unter besonderen Schutz gestellt werden sollten, für den die einzelnen Staaten zuständig sind.

Wenn es ohnehin "nichts" bringt, warum die hitzige Diskussion?

Der Status als Weltkulturerbe ist nur ein Titel, allerdings ein prestigeträchtiger. Er rettet ohne Zutun nicht vor Verfall oder Zerstörung, schärft allerdings das nationale und internationale Bewusstsein für Geschichte, kulturelle Wurzeln und Errungenschaften der Menschheit. Zudem zeichnet der Status als "Weltkulturerbe" bzw. "Weltnaturerbe" ein positives Bild der Stätten und hebt sie als außergewöhnliche Orte hervor. Ein Umstand, der für den Tourismus hilfreich sein kann. Davon profitiert auch Wien - wird der Titel aberkannt, kann die Innenstadt nicht länger mit diesem besonderen Begriff beworben und verstanden werden.