Christian Reiter: „Meine Frau hat immer gesagt: Aber Leichen bringst du mir keine nach Hause!“

© Kurier/Franz Gruber

Porträt
10/26/2020

Was Gerichtsmediziner Christian Reiter von den Toten fürs Leben lernte

41 Jahre lang pflasterten Leichen den Weg des renommierten Gerichtsmediziners Christian Reiter. Ihm persönlich brachte das vor allem eines: Lebensfreude.

von Michaela Reibenwein

41 Jahre lang waren die Toten das Leben von Christian Reiter. Sein Beruf führte ihn alltäglich in die Sensengasse am Wiener Alsergrund – dem Sitz der Gerichtsmedizin. Jetzt ist er wieder unter den Lebenden: Der renommierteste Gerichtsmediziner des Landes ist in Pension gegangen.

"In Halbpension", korrigiert der 65-Jährige. Denn als Sachverständiger ist er noch immer tätig.

Der KURIER besuchte ihn in seinem Büro in Hernals. Unzählige Akten und Bücher stapeln sich dort in den Regalen. Und ein paar Totenköpfe. "Meine Frau hat immer gesagt: Aber Leichen bringst du mir keine nach Hause." Ihr Wunsch hat sich nicht erfüllt.

Reiter nimmt einen Schädel aus der Vitrine. "Ein Mann, zirka 35 Jahre alt. Er wurde in der Bronzezeit ermordet, zusammengebunden und in einer Mistgrube verscharrt", erzählt er.

Gefunden worden war das Skelett bei Aushubarbeiten im nördlichen Niederösterreich.

Ein Sammler

So weit in die Vergangenheit führte Reiters Beruf ihn selten – im Gegensatz zu seinem Hobby: Fossilien. Die Vitrinen im Büro sind voll damit. "Ich bin ein Sammler", gesteht er.

Vor der Fossilienwand steht ein großer Karton mit Akten zu einem Fall, der 2008 für großes Aufsehen sorgte: Das Giftattentat auf den Spitzer Bürgermeister Hannes Hirtzberger – er hatte eine Praline gegessen, die mit Strychnin versetzt waren.

"Da musste ich vor Kurzem eine Stellungnahme schreiben. Das muss erst ins Archiv", sagt Reiter.

Es ist nur einer von unzähligen großen Kriminal- und Unglücksfällen, bei denen der Gerichtsmediziner an vorderster Front dabei war – von den Lainzer Mordschwestern, der "schwarzen Witwe" Elfriede Blauensteiner bis zur Flüchtlingstragödie von Parndorf.

Mit Geschichten wie diesen könnte er Bücher füllen. Und das tut er jetzt auch. Denn: "Wenn ich die Patschen ausstrecke, sind die Fälle sonst verloren", sagt er.

Lösungsmittel sind schlimmer

Seinen Beruf hat er nie als Arbeit gesehen, sagt er. "Es ist ein faszinierender Job mit höchst spannenden Geschichten". Ekel habe er nicht empfunden: "Die Scheu vor Toten wurde mir sehr schnell genommen."

Und selbst der Geruch habe ihn nie gestört. "Der Gestank von Lösungsmitteln ist ekelhafter als der von Leichen."

Geplant war der Weg in die Gerichtsmedizin nicht. Eigentlich wollte Reiter Tierarzt werden – zum Missfallen der Eltern. Also studierte er Humanmedizin.

41Jahre lang war  Christian Reiter in der Gerichtsmedizin. Seit 1985 ist er allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger und seit 2008 Vizepräsident der Gesellschaft der Gutachterärzte.

20.000 Leichen hat er in dieser Zeit selbst seziert. Zum Vergleich: Im Vorjahr wurden österreichweit 1.419 Obduktionen durchgeführt.

300 bis 400 Mordopfer waren darunter. Ganz genau weiß er es  selbst nicht – er hat aufgehört, zu zählen.

"Aber als Arzt kannst du nicht alles halten, was du versprichst. Das hätte mich kaputtgemacht." Ein Satz besiegelte seinen künftigen Lebensweg: "Auf der Pathologie hat der Prosektur-Gehilfe Hepatitis gekriegt." Reiter sprang ein. Und blieb.

Doch was macht es mit einem Menschen, 41 Jahre lang täglich mit dem Tod konfrontiert zu sein? "Ich kann mich freuen, wenn ich aufwache. Und beim Einschlafen bilanziere ich den Tag. Ich habe eine große Freude am Dasein. So schlecht kann das Leben gar nicht sein."

Der Humor sei in der Branche vielleicht ein wenig dunkler als anderswo. "Aber das ist ein Schutzmechanismus."

Bilder, die bleiben

Doch selbst dieser hilft nicht immer. Reiter hat viele Tragödien gesehen. Eine blieb ihm besonders in Erinnerung: Er war nach dem Tsunami 2004 nach Thailand geflogen und half bei der Identifizierung der Toten.

"Wir haben in den Tempelanlagen gearbeitet, die Leichen haben sich gestapelt", erinnert er sich. Als er eine kurze Mittagspause einlegte, sprach ihn auf der Straße ein Mann aus Deutschland an. Seine kleine Tochter wurde vermisst.

"Er hat mir ein Foto von ihr gezeigt, hat mich gebeten, mich zu melden, falls ich sie sehe." Zwei Tage später lag das tote Kind vor ihm.

"Solche Fälle bekommst du nicht mehr aus der Seele. Deshalb waren mir auch die Fälle am liebsten, zu denen ich keinen Hintergrund wusste."

In seiner Halbpension kümmert er sich jetzt um sein zweites Hobby: die Imkerei. Zwei Bienenvölkern bietet er Vollpension auf seiner Terrasse, 30 Kilo Honig hat er heuer geerntet.

Doch den Imkerschleier will er nicht dauerhaft gegen das Skalpell tauschen. Irgendwann, da ist er sich sicher, muss er wieder sezieren: "Ich bin ein Serientäter. Und Serientäter können nicht aufhören."

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