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Chronik Wien
07/25/2019

Vom Un-Ort zum In-Ort: Die wundersame Wandlung des Karlsplatz

Einst war er einer der gefürchtetsten Plätze der Stadt, heute gibt es kaum eine urbanere Stelle in Wien.

von Julia Schrenk

Zwischen 10 und 14 Personen – so viele Menschen hat der Karlsplatz einst dahingerafft. Pro Woche.

Das war Ende der 80er-, Anfang der 90er Jahre, als es in Wien noch keine Substitutionstherapie gab und hoch dosiertes Heroin in Umlauf kam. Drogensüchtige wussten nicht, wie stark der Stoff war, den sie sich spritzten. Viele starben an einer Überdosis.

Damals war der Wiener Karlsplatz einer der gefürchtetsten Orte der Stadt. Die Menschen mieden ihn, in den Resselpark wäre man mit Kindern nicht gegangen.

Jetzt laufen dort Kinder nur in Windeln durch den Sprühnebel, der bei brütender Hitze aufgestellt wird, damit der sonnenverwöhnte Platz erträglich wird.

Manche Menschen sitzen auf den Parkbänken im Schatten und lesen, andere verbringen ihre Mittagspause in der Wiese unter einem Baum.

Richtig voll wird es am Abend, wenn der Asphalt von der Sonne noch warm ist und man sich hier mit seinen Freunden am „Teich“ auf ein Dosenbier trifft. Oder zwei.

Kunst statt Drogen

Vor allem in den vergangenen zehn Jahren hat der Karlsplatz einen regelrechten Schub bekommen. 2010 wurde das 1. Wiener Popfest mit Auftritten von heimischen Künstlerinnen und Künstlern veranstaltet (heute, Donnerstag startet es in sein 10. Jahr).

Die Stadt fördert das Gratis-Festival, genauso wie das kostenlose Freiluftkino „Kaleidoskop“, das bis 19. Juli dort gastierte. Der Karlsplatz, der Verkehrsknotenpunkt, an dem täglich 207.000 Fahrgäste in U1, U2 und U4 einsteigen, soll ein Ort für alle Wiener bleiben.

Begonnen hat diese Initiative 2007. Da präsentierte die Stadt Pläne für die Umgestaltung der Opernpassage. „Kunst statt Drogen“ lautete die Devise. 

Eine Schutzzone und die Anlaufstelle „Help-U“ für Suchtkranke wurden eingerichtet. Polizei und Sozialarbeiter der Stadt kooperierten. Junkies wurden regelrecht aufgesammelt und zum Ganslwirt gebracht. 1990 wurde das erste Tageszentrum für Suchtkranke geschaffen. 

Chronologie

  • Erste Hälfte 18. Jh.: Johann Bernhard Fischer von Erlach erbaut die Karlskirche. 
  • 1894 bis 1900: Der Wienfluss wird reguliert und überplattet.
  • 1898: Otto Wagners Jugendstil-Pavillon entstand im Zuge der Errichtung der Stadtbahn.
  • 1978: Das erste U-Bahn-Teilstück wird eröffnet.
  • 1990: Der Ganslwirt, Wiens erstes Tageszentrum für Suchtkranke, nimmt Betrieb auf.
  • 2005: Der Karlsplatz erhält wegen der Drogenproblematik die erste Schutzzone Österreichs.
  • 2007: Die Stadt präsentiert die Pläne für den Umbau der Opernpassage.
  • 2013: Umgestaltung von Karlsplatz und Passage ist fertiggestellt.

Die Opernpassage, in der obdachlose Suchtkranke in Telefonzellen schliefen, sollte ein offenerer Raum „zum Flanieren“ werden.

„Die Umgestaltung war zwar notwendig, aber es kam durch die Einrichtung der Schutzzone auch zur Verdrängung sozialer Randgruppen“, sagt Stadtsoziologin Cornelia Dlabaja von der Universität Wien.

Reportage Sommer in Wien

Die gespiegelte Kunstinstallation, wie wir sie heute kennen, wurde geschaffen, Orte, wo sich theoretisch Suchtkranke aufhalten könnten, gibt es nicht mehr: „Seitdem war der Ort nicht mehr aneigenbar“, erklärt die Soziologin.

Ein Hotspot, oder ein Brennpunkt, wie man das heute beschreiben würde, sei der Karlsplatz aber nie gewesen: „Er war ein Cold Spot“, sagt Roland Reithofer, Geschäftsführer der Suchthilfe Wien.

Ein Ort, an dem soziale Kälte, die Vereinsamung und Armut von Randgruppen sichtbar wurden – und noch immer werden.

Und es sei auch wichtig, dass Gemiedene bleiben können: „Weil der Karlsplatz und der Resselpark immer Orte waren, an dem unterschiedliche Nutzergruppen aufeinandertrafen“, sagt Dlabaja. Und die Oberschicht auf Obdachlose traf.

"Festivalisierung"

Dass die Stadt dort Gratis-Festivals wie Popfest oder Sommerkino zulässt, sei durchaus zu begrüßen. Im Gegensatz zum Rathausplatz kommt es am Karlsplatz nicht zu einer „Festivalisierung“, wie es die Stadtsoziologin nennt.

Es müsse Tage geben, an denen dort etwas los ist kostenlos, wie das Popfest und Tage, an denen die Menschen dort Alltagsaktivitäten nachgehen können.

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