© Kurier/Franz Gruber

Chronik Wien
06/18/2021

100 Jahre Hohe Warte: Fußball, Flaks und Elefanten

Einst das größte Stadion des europäischen Kontinents, hat die Döblinger Naturarena eine bewegte Geschichte hinter sich.

von Andreas Puschautz

Bereits die Eröffnung sorgt für Schlagzeilen. „Aus den Lehmgruben auf dem Boden der Kreindlschen Gründe in Döbling ist ein Sportplatz entstanden, den man, was den Aufbau, den Fassungsinhalt und die Einrichtung betrifft, zu den größten und imposantesten des Kontinents zählen darf“, berichtet etwa das Wiener Sporttagblatt am 19. Juni 1921.

Der beschriebene Sportplatz, das war und ist die Hohe Warte, die morgen, Samstag, vor genau 100 Jahren eröffnet wurde. Insgesamt feiert die Vienna – Österreichs ältester Fußballclub – heuer vier Jubiläen: 90 Jahre erster Meistertitel, 90 Jahre Sieg im Mitropacup (dem wichtigsten europäischen Fußballbewerb vor dem 2. Weltkrieg), 10 Jahre Frauensektion neu – und eben 100 Jahre Hohe Warte. Zu diesem Anlass wird am Samstag das neue Vereinsmuseum eingeweiht.

Europas größtes Stadion

Bei der Eröffnung fasst die „HoWa“ 50.000 Zuschauer, in weiterer Folge wird die Kapazität auf bis zu 85.000 erhöht. Das macht sie zum größten Stadion Kontinentaleuropas. Erstmals erreicht wird diese Zuschauerzahl am 15. April 1923, beim ersten Antreten einer italienischen Nationalmannschaft auf österreichischem Boden nach dem 1. Weltkrieg.

Eröffnet
wurde die Hohe Warte 1921 mit einem 2:1-Sieg der Vienna über Hakoah

4.568 Zuschauer
fasst das Stadion heute offiziell – knapp ein Zwanzigstel des Rekordbesuchs von 85.000 Zuschauern im Jahr 1923

Feierlichkeiten
Am Samstag eröffnet nicht nur das neue Vereinsmuseum der Vienna, sondern es wird auch Fußball gespielt. Um 17.30 Uhr kicken die Männer gegen den SV Gerasdorf Stammersdorf, um 19.30 Uhr die Frauen gegen die Sportunion Geretsberg

Ein wichtiger Tag für das nunmehr kleine Land, erzählt Vereinshistoriker Alexander Juraske: „Wir hatten ja den Boykott der Siegermächte und Sport war eine Möglichkeit, das aufzubrechen. Dahinter steckte mehr als ein Fußballspiel elf gegen elf“.

Es ist aber nicht nur der Fußball, der die Massen damals nach Döbling zieht. 1924 findet ein internationales Boxmeeting statt, 1928 zieht der finnische Ausnahmeläufer Paavo Nurmi seine Bahnen in dem weiten Oval. Selbst gigantische Opernproduktionen finden hier statt: 1924 wird die Aida mit 1.000 Mitwirkenden inszeniert, 1935 treten bei einer weiteren Aufführung der Aida sogar lebende Elefanten im Stadion auf.

Wunderteam

Gleichzeitig wird in Döbling natürlich weiter gekickt – und wie: Am 16. Mai 1931 schlägt das österreichische Nationalteam auf der Hohen Warte Schottland sensationell mit 5:0. Es ist die Geburtsstunde des „Wunderteams", das in Folge 12 Spiele ungeschlagen bleibt.

Im selben Jahr wird mit der Eröffnung des Praterstadions jedoch das langsame Ende der großen Ära der Hohen Warte eingeläutet. Das letzte Länderspiel findet 1936 statt, danach verfällt die Naturarena zusehends. 1939 ruiniert eine „Kraftgeländefahrt“ mit schweren Motorrädern das Areal. 1942 wird dort sogar eine Flugabwehrkanone – kurz Flak – aufgebaut.

 

Nach dem Krieg versucht die Vienna, mit der ersten Flutlichtanlage des Landes wieder internationale Spiele zu ergattern, doch der Plan scheitert: Unterm Strich bleibt nur „ein riesiger Schuldenberg“, erzählt Juraske.

Sportlicher Fall

1955 erringt die Vienna den letzten ihrer sechs Titel, danach wird sie zum Fahrstuhlteam zwischen den Ligen. Ende der 80er-Jahre erreicht der Club unter Ernst Dokupil noch einmal den Europacup, 1992 verabschiedet er sich erneut aus der obersten Spielklasse – und kehrt nicht mehr zurück.

Mit der sportlichen Talfahrt verliert auch die Hohe Warte weiter an Bedeutung. Die Kapazität ist mittlerweile auf 4.500 Zuschauer beschränkt, sportliche Höchstleistungen zeigt dort nur noch der American-Football-Verein Vienna Vikings. 2017 folgt der endgültige Crash, die Vienna steht vor dem Konkurs. „Damals haben wir Fans uns schon überlegt, wie man mit einem Fanverein wenigstens den Nachwuchs sichern kann“, erinnert sich Juraske.

Der Einstieg der Uniqa-Versicherung als Hauptsponsor rettet den Verein schließlich in letzter Sekunde, eine Professionalisierung auf allen Ebenen folgt. „Jetzt weht ein ganz anderer Wind auf der Hohen Warte“, sagt Juraske.

Dieser Wind soll die Vienna nun auch sportlich wieder nach oben tragen. Das Frauen-Team steht vor dem Aufstieg in die Bundesliga, die Männer wollen vorerst einmal zurück in die Regionalliga Ost. Damit soll aber nicht Schluss sein. Juraske: „Ich hoffe, dass die Vienna weiter erfolgreich sein und in absehbarer Zeit versuchen wird, in die 2. Liga aufzusteigen.“

Und vielleicht kehrt dann irgendwann auch wieder der Glanz der alten Tage zurück auf die Hohe Warte.

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